Digitale Analphabeten

Die Informatik ist eine der Leitwissenschaften des 21. Jahrhunderts. Sie ist der Stoff, aus dem die Welt von heute gemacht ist. Sie müsste zur Allgemeinbildung gehören wie einst die klassische Literatur. Tut sie aber nicht. Warum nicht?

Die Schweiz ist stolz auf ihre Bildung. Sie versteht sich seit den Bewegungen zur Volksbildung zu Beginn des 19. Jahrhunderts als Bildungsnation. Es spricht für die Bildungsreformatoren, die Politiker und die Bürger, früh begriffen zu haben, dass Bildung der wichtigste Rohstoff ist, über den die Schweiz in grossen Mengen verfügt. Dabei bedeutet Bildung letztlich nichts anderes, als mental auf der Höhe der Zeit zu sein. Heute leben wir in einer Informationsgesellschaft. Ist das Schweizer Bildungssystem auf der Höhe dieser Gesellschaft?

Halten wir fest: Hohe Ansprüche und fachliche Kompetenz sind die Qualitätsmerkmale, die das schulische System der Schweiz zu einem der besten der Welt geformt haben. Halten wir jedoch ebenso fest: Die Geschichte der Schulinformatik in der Schweiz ist ein Paradebeispiel dafür, dass man auch in gut funktionierenden Bildungssystemen grobe Fehler mit verheerenden Folgen machen kann.

Warum liegt in allgemeinbildenden Schulen der Schweiz der Fokus auf kurzlebigem Wissen über die gerade aktuelle Software der Informatikindustrie, Wissen, das unter der Bezeichnung «Mist» gerade aus den Schulen in England und den USA verbannt wird? Warum werden nicht die Grundkonzepte der Informationsverarbeitung unterrichtet, die heute für das Verständnis der Welt, die Hochschulreife und die Entwicklung der Denkweise von Kindern und von Jugendlichen genauso wichtig sind wie der Unterricht der Mathematik und der Sprache? Man kann es auch so sagen: Grundlegende Kenntnisse der Informationsverarbeitung sind für die heutige Informationsgesellschaft so entscheidend, wie dies einst Kenntnisse der Landwirtschaft für die Agrargesellschaft waren – sonst verstehen wir irgendwann die Welt nicht mehr, in der wir leben.

Die neue Oberflächlichkeit

In den 1990er Jahren erreichte eine neue Modewelle aus den USA die deutschsprachigen Länder. Die These war: Sprachen, gute Kommunikationsfähigkeiten und selbstbewusstes Auftreten sind das wichtigste Gut, das die Gymnasien den Jugendlichen mit auf ihren Weg geben sollten. Die fachlichen Kompetenzen waren in der Bildungspolitik aus der Mode gekommen – es herrschte die neue bildungspolitische Oberflächlichkeit. Die harte Arbeit, die zur Erlangung des Wissens in Mathematik und Physik unerlässlich ist, war fortan verpönt. Erfolg in der Wohlstandsgesellschaft konnte man, so war die Überzeugung, mit viel weniger Mühe erreichen. Die Umsetzung dieser Ideologie führte zu einer drastischen Reduzierung des Gewichtes der sogenannten MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik). Dabei hatte die Vernachlässigung einen vorhersehbaren Effekt: den Verlust von Präzision und Exaktheit in Ausdruck und Denken.

So stellte sich heraus, dass die Änderungen im Lehrplan nicht zur gewünschten Verbesserung der Kommunikationsfähigkeiten, sondern zu ihrer Verschlechterung beitrugen. Viel Reden über wenig Inhalt und Ungenauigkeit in der Ausdrucksweise wurden zu Merkmalen der Absolventen deutscher Schulen. Die Schweiz übernahm 1995 diese Doktrin und setzte sie in der Maturitätsreform um. Das Notengewicht der MINT-Fächer wurde reduziert, wobei man sie zum Teil sogar abwählen konnte. Im Zeitalter der Wissenschaft wurden die Naturwissenschaften zu fakultativem Lernstoff! Mit diesem Schritt hat sich die Bildungspolitik in der Schweiz vom Volk ebenso entfernt wie von der eigenen Wirtschaft. Denn wie wohlhabend müssen die Eltern sein, dass sie angebliches selbstbewusstes Auftreten und Selbstmarketing den fachlichen Kompetenzen in der Ausbildung vorziehen? Wie weltfremd müssen Schulen sein, die rhetorischen Schein höher gewichten als fachliches Sein? Und wie menschenfern müssen Politiker sein, die die Reform mit der Begründung unterstützten, dass man Fachleute aus den eigenen Reihen nicht unbedingt braucht, weil man sie aus dem Ausland holen kann?

Die Informatik fand an den Schulen als billige Informatik unter der Bezeichnung ICT (Information und Communication Technology) statt. Die Schulen spezialisierten sich mithin auf das Erlernen des Umgangs mit Software. Statt zu lernen, wie man die Technik steuert und ihre Funktionalität bestimmt, lernten die Schüler, wie man Computerprogramme bedient. Diese Entwicklung ist freilich nicht nur dem Irrtum der Bildungspolitik zuzuweisen. Ein grosser Teil der…

Einsen und Nullen: Unsere Informationsgesellschaft
Einsen und Nullen: Unsere Informationsgesellschaft

Diese Zeilen erschienen auf bedrucktem Papier. Sie mögen dieses Leseverhalten als veraltet empfinden. Und obwohl Sie damit nicht allein wären, haben wir darauf verzichtet, im Heft nur einen QR-Code zu drucken. Sie wissen schon, diese briefmarkenähnlichen Pixelbilder, auf die Sie dann Ihr Mobilgerät hätten halten können, um via App direkt auf dieser Website zu landen. […]

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Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
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