Die Asyl-Bewerber

Während eines laufenden Asylverfahrens müssen Personen nicht gezwungenermassen nur von Steuergeldern leben. In Kantonen mit einem 
offenen Arbeitsmarkt erreichen Asylsuchende nennenswerte Erwerbsquoten.

Die Asyl-Bewerber
Erwerbsquote unter erwerbsfähigen Asylsuchenden nach Kantonen im April 2018.

Vor einigen Monaten stellten Bund und Kantone ihre Agenda zur Arbeitsmarktintegration von anerkannten Flüchtlingen (Status B) und vorläufig aufgenommenen Personen (Status F) vor. Vorgesehen sind etwa Sprachkurse und Job-Coachings. Ziele sind zum Beispiel, dass alle Personen mit Status B und F nach drei Jahren Grundkenntnisse einer Landessprache haben, dass sich zwei Drittel der 16- bis 25jährigen nach fünf Jahren in einer beruflichen Grundbildung befinden und dass die Hälfte der Erwachsenen nach sieben Jahren voll in den Arbeitsmarkt integriert ist.
Schon die Asylverfahren dauerten bisher aber schnell ein Jahr oder länger. Sind die Asylsuchenden bis zum Entscheid zur Un­tätigkeit verdammt? Nicht ganz! Schon nach drei Monaten dürfen sie einer regulären Arbeit nachgehen – theoretisch. De facto sind die Chancen aber von Kanton zu Kanton sehr unterschiedlich. Der schweizerische Föderalismus zeigt sich auch im Umgang mit Asylbewerbern und ermöglicht damit, über vergleichende empirische Studien etwas zu lernen und dann das System zu verbessern.

«Die Sorge, dass ein offener Arbeitsmarkt weitere Asylsuchende anzieht, verträgt sich kaum mit der Forderung, dass diese weniger von Sozialhilfe leben sollen.»

Angesichts der in der Integrationsagenda formulierten Massnahmen, die primär auf die Qualifikation abzielen, kann man sich also zunächst fragen: Haben die kantonalen Rahmenbedingungen überhaupt eine Auswirkung auf die Erwerbsquote von Asylsuchenden – oder sind deren «fehlende» Qualifikationen die einzig relevante Determinante? Mehrheitlich liegt der Ausbildungsstand von Asylsuchenden nicht auf schweizerischem Niveau und Kenntnisse der Landessprachen sind oft nicht vorhanden. Wird da die Erwerbsquote nicht ohnehin durchgehend bei 0 liegen? Die Antwort aus unserer empirischen Forschung ist: Nein.

Unterschiedliche Zugangsregeln…

Die Kantone unterscheiden sich in verschiedenen Punkten bezüglich der Offenheit ihrer Arbeitsmärkte für Asylsuchende:

Arbeitsmarktzugang:

  1.  
Die Kantone haben ein Recht, das formelle dreimonatige 
Arbeitsverbot des Bundes auf maximal sechs Monate 
zu verlängern.
  2.  
Die Dauer des Arbeitsbewilligungsprozesses unterscheidet 
sich von Kanton zu Kanton deutlich.
  3. Die Kantone können Arbeitsbewilligungen auf bestimmte 
Branchen (meist Landwirtschaft, Gastgewerbe, Bau) beschränken. Fast die Hälfte aller Kantone wendet solche Restriktionen an.
  4.  
Einige Kantone sehen – zusätzlich zur Sonderabgabe gemäss Art. 86 des Asylgesetzes – Lohnabzüge zur Deckung der 
Krankenversicherung und/oder Miete der Asylsuchenden vor.

Finanzielle Unterstützung:

Neben den Sachleistungen, die von Kanton zu Kanton variieren, gibt es auch deutliche Unterschiede in der Höhe der Cash-Transfers, die die Kantone den Asylsuchenden in der zweiten Phase ausrichten. Sie reichen von 320 bis 768 Franken pro Monat.

Integrationsförderung:

11 der 26 Kantone beginnen mit der 
Integrationsförderung (Sprachkurse, allgemeine Ausbildung, 
Beschäftigungsprogramme, Praktika etc.) schon während des Asylverfahrens.

…ergeben unterschiedliche Erwerbsquoten

Die Erwerbsquote von Flüchtlingen und von vorläufig aufgenommenen Personen variiert stark zwischen den Kantonen. Dies gilt in ähnlichem Mass für Asylsuchende mit Status N, d.h. Asylsuchende, deren Gesuche noch in Abklärung sind. Die Karte zeigt, dass die Erwerbsquote unter den Erwerbsfähigen im April dieses Jahres zwischen 0 Prozent in den Kantonen Glarus, Jura, Nidwalden und Uri und 17,5 respektive 15,2 Prozent in den Kantonen Graubünden und Obwalden streute.
Die Resultate unserer Studie zeigen nun, dass diese unterschiedlichen Erwerbsquoten von Asylsuchenden signifikant von den unterschiedlichen Rahmenbedingungen beeinflusst werden. In Kantonen, in denen es kein verlängertes Arbeitsverbot gibt und die Beschäftigung nicht auf ausgewählte Sektoren beschränkt ist, arbeiten wesentlich mehr Asylsuchende. Zwischen dem offensten und dem am stärksten einschränkenden Regime besteht eine Differenz in der Erwerbsquote von im Durchschnitt 11 Prozentpunkten. Die Indikatoren zum Arbeitsmarktzugang beziehen sich auf das Jahr 2011, als die durchschnittliche schweizweite Erwerbsquote von Asylsuchenden 8,4 Prozent betrug. Da die Asyl­suchenden nicht wählen können, wo sie wohnen, lässt sich der 
Zusammenhang nicht damit erklären, dass unterschiedlich qualifizierte Asylsuchende innerhalb der Schweiz wandern. Die statistische Analyse zeigt auch, dass die lokale Arbeitsmarktsituation (Arbeitslosenquote) die Unterschiede nicht erklären kann.
Interessant sind auch die Ergebnisse für die finanzielle Unterstützung und die Integrationsförderung: Die Grosszügigkeit der Sozialleistungen an und für sich scheint keine systematische Erklärungskraft für die 
Unterschiede in den…