Wir nähern uns Peak IT
Arno Grüter, zvg.

Wir nähern uns Peak IT

Je weiter die Digitalisierung fortschreitet, destoweniger zusätzlichen Nutzen bringt sie. Früher oder später müssen wir unsere Abhängigkeit von der Informationstechnologie reduzieren.

 

Wenn alle Welt über das gleiche Thema spricht, alle Heftli von «Geo» bis zur «Tierwelt» darüber schreiben, werde ich stutzig. Kann es sein, dass sich hier wieder einmal die Journalistenmeute auf die gleiche Beute wirft? Die Digitalisierung ist in aller Munde. Digitalisierung hier, Digitalisierung da. Die Digitalisierung oder Informationstechnologie (IT) ist ein riesiges Feld und polarisiert. Sie ist, richtig eingesetzt, ein nützliches Werkzeug. Doch der Hype, der mittlerweile entstanden ist, verschleiert die Gefahren und negativen Effekte. Anstatt den wohlklingenden Sirenengesängen der Digitalisierungsjünger auf den Leim zu kriechen, ist es an der Zeit, sich skeptisch und ehrlich mit dieser spannenden Entwicklung auseinanderzusetzen.

Ich wage eine kritische These: Wir sind drauf und dran, den Nutzenzenit der Digitalisierung zu überschreiten. Im Energieversorgungsbereich gibt es den Begriff «Peak Oil». Er beschreibt die Tatsache, dass eines Tages das globale Ölfördermaximum erreicht sein wird. In Anlehnung daran kann man das Überschreiten des IT-Zenits als «Peak IT» bezeichnen. Ich bin überzeugt, dass wir bald auch bei der Digitalisierung den Scheitelpunkt, den Peak, erreicht haben. Den Peak definiere ich als den Zeitpunkt, ab dem jeder weitere zusätzliche Einsatz von IT für unser Leben einen negativen zusätzlichen Nutzen hat. Das Grenznutzenkonzept stammt aus der Volkswirtschaftslehre. Das damit zusammenhängende «Gesetz des abnehmenden Grenznutzens» bezeichnet das Phänomen, dass in einem System ab einem gewissen Punkt der Mehrnutzen von zusätzlichem Input oder Konsum abnimmt und ab einem Scheitelpunkt sogar negativ wird. Das heisst, der Zusatznutzen ist negativ und der Gesamtnutzen (z.B. der IT) nimmt wieder ab. Der Nutzen aus der nächsten Einheit «Digitalisierung» wird bei jeder Person oder Firma irgendeinmal kleiner sein als die zusätzlichen Kosten, die sie verursacht. Spätestens dann ist es nicht mehr effizient, noch mehr seines Lebens an die IT zu delegieren.

 Nutzen und Kosten

Es wird so getan, als ob die Digitalisierung ein neues Phänomen sei. Mitnichten: Die Digitalisierung gibt es, seit es Computer gibt. Mit dem Aufkommen der Smartphones und Apps hat sie in den letzten 15 Jahren aber einen enormen Schub erlebt und ist in immer mehr Lebensbereiche vorgedrungen.

Digitalisierung heisst für die Wirtschaft vor allem eines: Rationalisierung. Der deutsche Philosoph Markus Gabriel schreibt in seinem Buch «Der Sinn des Denkens» über die Digitalisierung treffend: «Der revolutionäre Durchbruch des digitalen Zeitalters besteht genau darin, dass eine Technik erzeugt wurde, die Technologien verwaltet.» Digitalisierbare Prozesse können an Maschinen delegiert werden. Wie weit man hier gehen kann, zeichnet sich erst ab.

In gewissen Bereichen muss die Frage gestellt werden: In welchem Verhältnis steht der Nutzen der Digitalisierung zu den potentiellen Gefahren? Was würde der Menschheit entgehen, wenn nicht auf jedem Smartphone eine Gesichtserkennungssoftware wäre? Nehmen wir dafür die Gefahr in Kauf, dass im virtuellen Raum Fälschungen unseres Lebens erstellt werden – also beispielsweise Filme mit unserem Gesicht produziert werden und wir uns nicht dagegen wehren, geschweige denn beweisen können, dass der Film eine Fälschung ist? Der deutsche Silicon-Valley-Unternehmer Andreas Hieke fragt zu Recht: «Wenn morgen Facebook vom Erdboden verschwände, was wären die Konsequenzen für unser praktisches Leben?»

Beispiel Vermögensverwaltung: Nach der Finanzkrise war im Finanzwesen erst einmal Aufräumen angesagt und der Regulierungstsunami im Anrollen. Die Robo Advisors kamen da in einer mit sich selbst beschäftigten Branche als Innovation versprechende Heilsbringer gerade recht. Allerdings wurde die Rechnung ohne den Wirt, sprich den Kunden, gemacht. Einen hochgradig auf Vertrauen basierenden Prozess wollen Herr und Frau Schweizer nicht mit einem Roboter als Kundenberater erledigen. Den Zahlungsverkehr kann man digitalisieren, die Kundenbeziehung nicht. Die Rechnung – in Form eines sehr bescheidenen Kundenaufkommens – kam prompt. Das Lehrgeld ist bezahlt. Hybride Modelle aus Fleisch, Blut und Bites setzen sich durch.

Für Private bedeutet Digitalisierung: Spass und Arbeit. Spass, weil man neuerdings zu Hause mit dem Tablet in der Hand die ganze Welt erkunden, spielen, einkaufen und seine Zeit vertrödeln kann. Arbeit, weil die Rationalisierung der Firmen bedeutet, dass die Kunden immer mehr selber machen müssen, weil dafür ja tolle Applikationen – kurz Apps – zur Verfügung stehen.

Wie so viele neue Entwicklungen wird die Digitalisierung unreflektiert und mit grosser Begeisterung in unserer Wirklichkeit willkommen geheissen. Die Digitalisierung ist ein mittlerweile insbesondere in den Medien und in den Chefetagen gepushter Hype. Mehr kritisches Denken wäre angebracht. Nach wie vor ist ein einsamer Rufer in der Wüste, wer Fragen stellt wie: Was genau bringt mir eine Virtual-Reality-Brille? Was nützt mir ein Schrittzähler, wenn ich meine Neigung zur Bequemlichkeit halt leider analog mit einem starken Willen überwinden muss?

Aktuell wird die Fantasie des Volkes mit dem Buzz-Word «künstliche Intelligenz» stimuliert. Künstliche Intelligenz (KI) wird den Menschen nie in der Breite ersetzen. Sie ist nicht wahre Intelligenz. Sie ist eben künstlich und ersetzt in keiner Weise die Realität. KI ist eine Approximation an die Wirklichkeit. Denkmodelle sind vom Menschen programmierte Systeme, welche mit von Menschen gebauten Systemen in Verbindung treten können, um für unsere Hirne zu aufwendige oder komplexe Operationen auszuführen. Menschen sind biologische Wesen mit Milliarden von Synapsen im Hirn. Sie haben Gefühle, Wünsche, Sehnsüchte und unterliegen millionenfachen Einflüssen. Der Mensch und seine Umwelt sind inhärent unberechenbare Systeme. Ich wiederhole mich: IT-Systeme sind nicht wirklich «smart». Sie führen zuverlässig logische Schritte aus, machen genau das, was der Programmierer ihnen mit Codes befohlen hat. Sie sind also genau so smart wie der Programmierer. Sie sind in vielen Dingen schneller, als es unser Hirn wäre. Aber nur bedingt «schlauer». Und dass der Prozess «schlauer» respektive rationeller ist, heisst noch lange nicht, dass das Resultat besser ist. Denn der Output der Digitalisierung ist der Input für den Menschen. Wenn die «Smartness» des Nutzers mit dem Mehr an Output nicht mithält, ist dies kein Fortschritt. Denn letzten Endes stellt sich immer die Frage, was der Nutzer mit der IT macht. Sie stellt uns nützliche Werkzeuge zur Verfügung. Doch anwenden müssen wir sie selber.

«Je stärker unser Leben

von der IT abhängig ist,

desto instabiler ist es.»

 Neue Gefahren

Die Digitalisierung stellt immer mehr auch eine echte Gefahr dar. Die Kehrseite der Medaille ist beachtlich.

Stichwort Datenhaltung: Jedes neue System bringt neue Schnittstellen mit sich, welche gepflegt werden wollen. Das ist nicht nur teuer, sondern auch ineffizient. Je mehr unser privates und professionelles Leben digital stattfindet, desto mehr muss es geschützt werden. Daten müssen gelagert und gesichert werden. Der Datenschutz ist spätestens seit den Lecks bei den grossen amerikanischen IT-Giganten ein gut abgehandeltes und – auf dem Papier – reguliertes Feld. Die Probleme sind hinlänglich bekannt. Jedem liberalen Demokraten sträuben sich beim Gedanken an die fortschreitende Technologieführerschaft Chinas die Nackenhaare.

Stichwort Datennutzung: Eine weitere Gefahr der Digitalisierung ergibt sich aus der Tatsache, dass sie vom Menschen abgekoppelte Parallelwelten schafft, von denen wir nicht wissen, wer sie wie programmiert hat. Facebook bestimmt mit seinen Algorithmen, welche Welt mir in diesem, mittlerweile kann man sagen: Makrokosmos vorgegaukelt wird. Facebook ist ein synthetisches Cybersystem, welches nicht Teil meiner Realität wird, wenn ich nicht dar­in eintrete. Bei vielen KI-Anwendungen haben auch anonyme Programmierer Algorithmen programmiert, von denen fast niemand weiss, wie sie funktionieren. Im Unterschied zur rein digitalen Spass-, Hass- und Narzissmusgesellschaft Facebook jedoch greift KI tagtäglich über diverse Applikationen in mein Leben hinein. Es stellen sich grundsätzliche Fragen: Unter welchen Regeln ist diese KI programmiert worden? Auf welcher (ethischen) Grundlage? Welche Möglichkeit zur Kontrolle habe ich? Wer hat dabei, mit Nassim Taleb gesprochen, «skin in the game»? Wer muss mir also Red und Antwort stehen, wenn etwas aus dem Ruder läuft?

Eine ganz profane Feststellung: Die Digitalisierung verschwendet unsere knappen Ressourcen: Zeit, Aufmerksamkeit, Strom. Wir verwenden immer mehr Zeit mit dem Sichten und Verwalten von Daten, welche nicht von Relevanz sind. Andererseits werden wir durch die IT und zahlreiche Applikationen von unserer Arbeit und Freizeit abgelenkt. Apps werden so programmiert, dass sie bewusst die Sehnsucht des Menschen nach Anerkennung und Aufmerksamkeit bedienen und so Abhängigkeiten schaffen. Die Frage sei erlaubt: Wirkt IT für den Menschen befreiend?

Die Ausbreitung des Coronavirus hat uns vor Augen geführt, wie wenig widerstandsfähig – oder nobler ausgedrückt: resilient – unsere Gesellschaft ist. Je stärker unser Leben von der IT abhängig ist, desto instabiler ist es. Wir verlagern immer mehr Lebensbereiche ins Reich der IT und in sogenannte «Clouds». Unser Leben wird auf diese Weise verletzlicher, unberechenbarer, unpersönlicher und irgendwie fremdgesteuert. Kriege werden in Zukunft nicht mehr nur von Soldaten oder Drohnen geführt. Wollmützen tragende Hacker in löchrigen Jeans können die nationale Sicherheit gefährden. Eine beklemmende Vorstellung. Noch beklemmender ist die Vorstellung, wenn wir eine Ebene tiefer denken und uns vergegenwärtigen, wie abhängig unser Leben vom Strom ist (es ist ein schwacher Trost zu wissen, dass man einem Hacker im Notfall auch mit einem gezielten Stromausfall das Handwerk legen kann).

 Das Leben ist nicht beliebig digitalisierbar

Wenn ich mir die Welt und die immer dominantere Rolle von IT anschaue, muss ich sagen, dass in gewissen Bereichen des Lebens der Grenznutzen von IT sicher nicht mehr zunimmt, da zusätzliche IT und Vernetzung zu einer erhöhten Komplexität, Unsicherheit bezüglich Daten und Datenverwendung und – so paradox es klingt – auch zur Abnahme der Produktivität führen. Jede Einheit Digitalisierung hat ab einem gewissen Punkt einen negativen Grenznutzen. Die Änderung der Änderung ist negativ.

Irgendwann sind wir am Punkt angelangt, wo wir unsere Abhängigkeit von der IT reduzieren wollen. Bei mir persönlich ist dieser Peak noch nicht gekommen. Aber er naht. Der Mensch ist ein analoges Wesen aus Fleisch und Blut. Sein Leben lässt sich nicht beliebig digitalisieren. Die ersten Heftli haben das realisiert. Gut so.

«Unverzichtbare Lektüre:
eine intellektuelle Zündkerze, die das
Weiterdenken in Gang bringt.»
Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
über den «Schweizer Monat»