INTRO

«Wenn wir Freiheit möchten, dann sind soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten ein legitimer und notwendiger Preis, den wir dafür zu zahlen haben.» – Lord Ralf Dahrendorf

«Zeit für mehr Gerechtigkeit!» rief die SPD – und erzielte dann das schlechteste Wahlergebnis ihrer Nachkriegsgeschichte. Das war im September, es war in Deutschland. Aber dieselben Töne hören wir in der zeitgenössischen Politik täglich. Meist von links, daran haben wir uns gewöhnt, neuerlich allerdings auch wieder aus der sogenannten Mitte oder von dezidiert Konservativen, hier bloss «volkssolidarisch» umformuliert. «Zeit also vielmehr für eine Bestandsaufnahme des Gerechtigkeitsbegriffs!», haben wir uns in der Redaktion gedacht. Unbestreitbar ist: die linke Floskel aus dem Bundestagswahlkampf zielt auf den moralischen Kern jedes anständigen Individuums, auf jede mündige Bürgerin, jeden selbstbestimmten Bürger. Die Anerkennung des Prinzips Gerechtigkeit und seine anschliessende Ausformulierung in Recht und Gesetz waren und sind zivilisatorische Meilensteine. Wer wollte oder will schon in dezidiert ungerechten Verhältnissen leben oder gar für den Erhalt von Ungerechtigkeiten einstehen? Eben.

Wir auch nicht. Wir wollen vielmehr der intellektuellen Entrümpelung des politisch strapazierten Gerechtigkeitsbegriffs Vorschub leisten. Welchen «Gerechtigkeitsansprüchen» wir nämlich heute genügen sollen, ist unüberschaubar, im munteren Miteinander der zwischenmenschlichen Umsetzung gar richtig anstrengend geworden: Wir sollen artgerecht halten, geschlechtergerecht handeln, altersgerecht bauen, leistungsgerecht entlohnen, chancengerecht lehren, sozial gerecht unterstützen und vieles mehr. Das Label «gerecht» darf im aktuellen politischen Diskurs nicht nur nirgends fehlen, es muss auch für so ziemlich jedes Politikfeld als Heiligsprechung herhalten, das unter irgendeiner Form von öffentlichem Rechtfertigungsdruck steht. Ebenfalls ablesbar ist, dass der Begriff nicht selten synonym mit «Gleichheit» gebraucht wird, was Tür und Tor öffnet für immer neue, nie endende politische Verteilkämpfe – und nicht zuletzt sogar für neue Ungerechtigkeiten.

Wir haben es also bei der Verwendung des Wortes «Gerechtigkeit» im politischen Diskurs nicht nur mit einem Problem der Abnutzung zu tun, sondern auch mit einer inhaltlichen Aushöhlung. Wenn beides zusammenkommt, wie etwa beim zentralen Wahlkampfversprechen der deutschen SPD, ist es kaum verwunderlich, dass die Anerkennung hehrer Ziele bei vielen Mitbürgern einem genervten  Kopfschütteln weicht. Ob das dem Prinzip Gerechtigkeit angemessen ist, darf mit guten Gründen bezweifelt werden – weshalb der Schwerpunkt dieser Ausgabe mit drei Missverständnissen aufzuräumen sucht, die auch jenseits der Parteipolitik grosse Relevanz haben. Der Stanford-Historiker Walter Scheidel erläutert, dass das angesichts eines grossen weltweiten Wohlstandsgefälles populäre Ziel der politischen Linken – die materielle Gleichheit; gern verkauft als «soziale Gerechtigkeit» – in der Menschheitsgeschichte bereits vielfach existiert hat, allerdings stets durch Not und Elend begründet wurde. Mehr über die «vier apokalyptischen Reiter der Nivellierung» finden Sie hier. Der Kognitionswissenschafter Mark Sheskin von der Universität Yale hat derweil untersucht, ob es Menschen wichtiger ist, dass etwas «fair», «gerecht» oder «gleich» verteilt wird. Ein echter Augenöffner: lesen Sie hier. Und die Politikwissenschafterin Dagmar Schulze Heuling hat sich angesichts erstarkender populistischer Bewegungen, die sich «freiheitlich» schimpfen, gefragt, wieso aktuell selbst Donald Trump von «unfairem Handel» spricht und Beifall dafür erhält. Sie legt dar, warum «die neue Rechte» sich im Hinblick auf ihr Gerechtigkeitsverständnis kaum von den linken Genossen unterscheidet. Zum Artikel geht es hier.

Ich wünsche anregende Lektüre!