Arm gefördert
Florian Maier, zvg.

Arm gefördert

Niger kommt wirtschaftlich nicht vom Fleck, und das liegt vor allem auch an der heutigen Ausgestaltung von Entwicklungshilfe. Ein Zwischenruf eines Schweizer Unternehmers vor Ort.

 

Niger ist ein Binnenland in Westafrika mit rund 1,2 Millionen km² Fläche. Davon sind rund 60 Prozent Wüste, 20 Prozent Kulturfläche und 20 Prozent Trockensteppe, die (zumindest saisonal) Viehzucht zulässt. Es ist eines der ärmsten Länder der Welt oder gar das ärmste. Das zeigt sich auch im Human Development Index (HDI) der Vereinten Nationen1: Im Gesamtranking des Index belegt Niger den 189. und damit letzten Platz. Nirgendwo ist die Fertilitätsrate höher: Eine Frau gebärt durchschnittlich sieben Kinder (in der Schweiz: 1,5). Mit einem Medianalter von 15,2 Jahren (Schweiz: 43,1) hat Niger die jüngste Bevölkerung der Welt.

Wirtschaftlich hinkt Niger den weltweiten Entwicklungen nach. Eine industrielle Basis fehlt dem Land komplett, nicht nur komplexe Produkte wie Medikamente und Autos, sondern auch Basisprodukte wie Speiseöl, Fruchtsäfte, Seife und Baustahl werden allesamt importiert. Exportiert werden hauptsächlich Uran, Erdölprodukte, Sesam und Gold. Im Jahr 2018 standen Exporten im Wert von 539 Millionen Dollar Importe von 1,15 Milliarden gegenüber, was in einem Handelsbilanzdefizit von 611 Millionen resultierte.2

Dass die Statistik nicht den gesamten Handel mit dem Ausland abbildet, ist ein offenes Geheimnis. Vor allem aus Nigeria werden im grossen Ausmass subventioniertes Benzin sowie Fertignahrungsmittel wie Bouillonwürfel, Coca-Cola oder Nudeln ins Inland geschmuggelt. Zu den verdeckten Exporten aus Niger gehören vor allem domestizierte Tiere (Ziegen, Schafe, Rinder) und deren Produkte (vor allem deren Häute, also Rohleder). Vieles ist unklar, doch eines steht fest: Aus Niger fliesst durch die Handelsgeschäfte mehr Geld heraus als hinein. Ein Ungleichgewicht, das irgendwie finanziert und gestützt werden muss.

Stetiger Finanzstrom als fataler Fehlanreiz

Ausgeglichen wird das Handelsbilanzdefizit durch Entwicklungshilfe aller Art. Eine kurze Autofahrt durch das Zentrum der Hauptstadt Niamey zeigt den Einfluss der internationalen Hilfsorganisationen: Anstelle von Handelsfirmen, Kleidergeschäften und Finanzdienstleistern prangen an den Villen in bester Lage die Schilder von Nichtregierungsorganisationen, UN-Unterorganisationen, nationaler und multinationaler Hilfswerke. Sie bauen Schulen, installieren Solaranlagen oder verteilen Nahrungsmittel.

Das Fehlen einer gesunden Privatwirtschaft macht sich auch bei einem Blick in die Staatsfinanzen bemerkbar: Direkte Steuereinnahmen werden mehrheitlich von einigen wenigen Minenfirmen und Telekomgesellschaften hereingeholt. Das reicht bei weitem nicht aus, um Dutzende Ministerien zu finanzieren. Durch die Anbindung der Währung an den Euro ist auch eine Finanzierung über die Notenpresse nicht möglich. Der Staat Niger ist also auf die internationalen Entwicklungsgelder als wichtige Einnahmequelle angewiesen.

Die grössten und sichtbarsten Projekte werden durch Entwicklungsbanken wie zum Beispiel die Weltbank finanziert. Sie vergeben ein günstiges Darlehen an den Staat Niger, womit dieser dann ein definiertes Projekt umsetzen kann. Im Jahr 2019 hat die Weltbank alleine in Niger 733 Millionen Dollar an Krediten vergeben3. Dieses Geld ist ein stetig fliessender, nicht versiegender Finanzstrom, auf den sich das ganze Land ausrichtet.

«Aller dans la politique»

Eigentlich gäbe es doch Hoffnung: Die junge Generation in Niger, die eine Anstellung sucht, ist oft besser ausgebildet als ihre Eltern. Die untere Mittelschicht schickt die Kinder in die Schule, um lesen und schreiben zu lernen, die obere Mittelschicht ins «Lycée» und auf die lokale Universität, die Eliten senden ihre Sprösslinge fürs Studium ins Ausland. Es gibt in Niger keinen Mangel an Ingenieuren, Finanz- und Projektmanagern oder Marketingspezialisten. Nur finden diese – da es kaum Unternehmen gibt – keine Arbeitsstelle. So erklärte mir etwa ein junger Mann, der nach seinen Studien in Frankreich zurückgekehrt ist, dass er keine Arbeit finde und es deshalb wie alle anderen mache: «Hast du studiert und keinen Job, gehst du in die Politik.»

Man nennt das «aller dans la politique» – eine Karrierewahl, die sich durchaus lohnt: Ältere, einflussreiche Staatsbürger, die schon lange «dans la politique» sind, werden als Krönung ihrer Karriere vom Präsidenten mit…

«MONAT für MONAT
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Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
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