Globi, der Kolonialist?

Das Kinderbuch Globi ist eine Schweizer Erfolgsgeschichte. Das Warenhaus Globus gab ihm seinerzeit den Namen und wollte damit – Achtung – Werbung für seine Kolonialwaren betreiben. Globi, der Papagei-Mensch, ist zwar in Afrika geboren, aber ein Schweizer geworden. Er ist unternehmungslustig und reist in der ganzen Welt herum. Nun widerfährt ihm das Schicksal, das vor […]

Das Kinderbuch Globi ist eine Schweizer Erfolgsgeschichte. Das Warenhaus Globus gab ihm seinerzeit den Namen und wollte damit – Achtung – Werbung für seine Kolonialwaren betreiben. Globi, der Papagei-Mensch, ist zwar in Afrika geboren, aber ein Schweizer geworden. Er ist unternehmungslustig und reist in der ganzen Welt herum. Nun widerfährt ihm das Schicksal, das vor ihm Wilhelm Tell und viele andere ereilte: Er wird wissenschaftlich hart befragt und bedrängt.

Es liegt im Zug der Zeit, die in ethisch immer höhere Sphären aufsteigt, den nationalen Globi einer Fundamentalkritik zu unterziehen: Der wunderliche Papagei muss Federn lassen, zumal er in die Jahre gekommen ist. Die 1932 geschaffene Kinderbuchfigur ist nämlich gar nicht so lustig, wie es den Anschein macht. Wer sucht, der findet. In einer vom Nationalfonds gesponserten Studie (SNF, Horizonte Nr. 94, September 2012) werden Globi-Bücher seziert. Auf seiner Weltreise von 1935 benimmt sich Globi kolonialistisch: Er dringt mit Jägerhut und Waffe in unbekannte Territorien ein. Die Afrikaner, die er antrifft, sind meist halbnackt und selbstverständlich kannibalistisch veranlagt. Globi benimmt sich höchst respektlos. Einer Hottentottenfrau zieht er die Halsringe ab und wirft sie ihr dann wieder über den Kopf, wie im bekannten Kinderspiel mit den Ringen, die über einen Stecken zu werfen sind. Globi würdigt die Afrikaner als primitive Rasse herab. Zusammen mit den Forschern kann man nur ausrufen: «Globi, du postkolonialer Rassist!»

Auch der heutige Globi hat sich gemäss SNF-Studie nicht wirklich gebessert. Der Globi bei den Nashörnern von 2007 glaubt, die Afrikaner belehren zu müssen, und er tritt als überheblicher Retter auf. Auch darf ein Krimineller nicht fehlen, der natürlich ein Chinese ist, der das «r» nicht aussprechen kann! Wiederum ist der Rassismus mit Händen zu greifen. Globi ist eine einzige rassistische Entgleisung.

Die Kinderbuchfigur bildet für die Globi-Forscher eine gesellschaftliche Vorstellung und eine verbreitete politische Haltung ab. Denn es ist klar, dass die Schweiz, obwohl sie nie Kolonien besessen hat, das europäische kolonialistische Denken ebenfalls praktizierte. Grossartige Studien haben ja schon längst gezeigt, dass die Schweiz am transatlantischen Sklavenhandel teilhatte. Und leben wir heute tatsächlich in einer «postkolonialen Schweiz», wie eine weitverbreitete Meinung besagt? Mitnichten! Die Schweizer weigern sich notorisch, die Frage nach dem Kolonialismus und Rassismus auch nur an sich heranzulassen, und das ist ja der beste Beweis dafür, dass wir noch immer in Globis Zeiten leben und Globi weiterhin in uns existiert. Leider gelang es bislang noch nicht, die Schweiz für die Sklaverei verantwortlich zu machen.

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Globi ist ein Rassist, und die Tatsache, dass er es besser machen will, beweist ja gerade, dass er rassistisch denkt! Die postkoloniale Forschung hat Globi, und letztlich auch die Schweiz, in Beschlag, man könnte auch sagen: gefangen genommen. Die postkolonial motivierte Demaskierung hat nach Ansicht der Forscher weitere segensreiche Wirkungen: Sie ist für die Naturwissenschaften «fruchtbar». Denn diese Globi-Studien zeigen, dass die Kolonialisierten «tiefgreifend an der Entstehung modernen Wissens beteiligt» waren. Auch viele wissenschaftliche Erkenntnisse werden so als kolonialistisch entlarvt.

Es gibt kein Entrinnen – für niemanden. Denn wer von all dem nichts hält, belegt damit bloss, dass er im Herzen ein Postkolonialist geblieben ist. Und wenn Globi sich für seine Untaten entschuldigte? Auch das beweist nur seine Schuld. Aber vor allem kann der Nationalfonds den Geldhahn nicht zudrehen, denn dadurch gebärdete sich selbst der Nationalfonds postkolonial und würde beweisen, dass die Schweiz ein postkoloniales Land ist. Es gibt nur einen Weg aus der Sackgasse: Es braucht noch viel mehr postkoloniale Forschung.

«Unverzichtbare Lektüre:
eine intellektuelle Zündkerze, die das
Weiterdenken in Gang bringt.»
Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
über den «Schweizer Monat»