Blattkritik: Lukas Leuzinger über die Juli-/August-Ausgabe
Lukas Leuzinger, zvg.

Blattkritik: Lukas Leuzinger über die Juli-/August-Ausgabe

Jede Ausgabe des «Schweizer Monats» wird von einem eingeladenen Gast beurteilt. Dieses Mal von Lukas Leuzinger.

Ich möchte mich für die Gelegenheit bedanken, meine Eindrücke und Einschätzungen zur Ausgabe 1068 des «Schweizer Monats» zu schildern.

Bei der Blattkritik bin ich sowohl durch meinen Hintergrund als Journalist als auch als Leser geprägt.

Meine Erwartungen an ein Magazin wie den «Schweizer Monat» sind folgende:

• Die Beiträge regen zum Nachdenken an, provozieren (Widerspruch) und stossen eine Diskussion an.
• Die Artikel sind, entsprechend den eigenen Qualitätsansprüchen des Magazins, sprachlich und stilistisch auf höchstem Niveau, grammatikalische oder inhaltliche Fehler sind auf ein Minimum reduziert.
• Die Artikel werden gut verkauft (aber nicht überverkauft), wer Titel, Lead und Zitate liest, hat Lust, den Text zu lesen.
• Das Magazin hat als Ganzes eine schlüssige Struktur, die Beiträge wiederholen sich nicht, es werden Schwerpunkte gesetzt.
• Das Lesen macht Spass, man lernt etwas dazu, hat am Ende das Gefühl, dass die Lektüre den zeitlichen und finanziellen Aufwand wert war.

Der Titel auf der Front spielt gut mit dem Schlagwort der «Grenzen des Wachstums», um gleich danach die Erwartung umzukehren. Das macht Lust, mehr zu erfahren.

Blättert man zum Schwerpunkt, wird diese Lust dann aber schon wieder gebremst. «Baustein der Zukunft» ist zu allgemein, und der Titel «Wachstum heisst Wohlstand» könnte auch über einer Pressemitteilung von Economiesuisse stehen, entsprechend ist auch der Leseanreiz. Das ist schade, denn der Beitrag von Tyler Cowen ist lesenswert, weil er in kurzweiliger und verständlicher Manier einige Denkfehler im Zusammenhang mit Wachstum veranschaulicht. Er zeigt einmal mehr, dass angelsächsische Akademiker im Allgemeinen ihren deutschsprachigen Kollegen in Sachen Stil und Leserfreundlichkeit immer noch um Längen voraus sind.

Das gleiche Bild bei Joel Mokyr: «Vom Baum der Erkenntnisse» ist als Titel zu lapidar für einen derart lehrreichen und lesenswerten Artikel, der einen ungewöhnlichen Blick auf die Mechanismen von (künftigen) Innovationen zu bieten hat.

Ein anderes Beispiel: Der Lead zu Marian Tupys Beitrag endet mit dem Satz: «Es gibt auch wenig Grund, warum sich das in Zukunft ändern sollte.» – Toll, alles wie gehabt, dann brauche ich den Text ja auch nicht zu lesen!

Eine oft zu Unrecht verachtete Spezies sind zudem die Zwischentitel. Sie dienen der Gliederung und Auflockerung des Textes und als Signal, warum das, was folgt, interessant ist. «Fazit» oder «Ressourcenpreise von 1980 bis 2017» erfüllen diese Funktionen mehr schlecht als recht.

Die Artikel des Schwerpunkts bieten ein stimmiges Gesamtpaket. Der Tenor ist optimistisch fortschrittseuphorisch, was einen Kontrast schafft zu dem, was man sonst so über das Thema liest.

Das Bild wird allerdings getrübt durch einige Redundanzen. Das sagenhafte Wirtschaftswachstum der letzten 200 oder 250 Jahre etwa wird von mehreren Autoren erwähnt, ebenso der Aufstieg Ostasiens in der jüngeren Vergangenheit. Unglücklich erscheint mir auch die «Zahl des Monats»: Da erfährt man ziemlich genau das gleiche wie eine Seite später im Beitrag von Darrell Bricker und John Ibbitson. In letzterem fehlten mir auch etwas der rote Faden und klare Aussagen.

Zur Veredlung des Schwerpunkts hätte sich eine grafische Darstellung angeboten. Zu diesem Thema gibt es bestimmt einige eindrückliche Zahlen.

Was den ersten Eindruck angeht, ist der Beitrag von Vojin Saša Vukadinović 1a. Das klingt spannend, ich will mehr erfahren. Der Text liest sich dann allerdings recht zäh, mit überlangen verschachtelten Sätzen und abstrakten Formulierungen. Ich musste viele Abschnitte zweimal lesen, um sie zu verstehen (oder um zumindest zu meinen, sie verstanden zu haben). Dass über fünf Seiten kein einziger Zwischentitel den Text auflockert, half sicher auch nicht.

Das Interview mit Susan Harkness hat mir einige neue Erkenntnisse über die finanziellen Aspekte von Elternschaft gebracht, wobei ich ihre Schlussfolgerungen hinsichtlich der Einführung eines Vaterschaftsurlaubs zumindest anzweifeln würde. Da hätte es sicher auch eine spannende Aussage gegeben, die man für den Titel hätte verwenden können, wie das bei Interviews grundsätzlich Pflicht sein sollte.

«Auf ein Bier mit…»: Ich finde die Texte dieses Formats, die von interessanten Personen und ihren Geschichten erzählen, gerade in einem eher theorielastigen Blatt wie dem «Monat» äusserst bereichernd.

Beim Dossier mit dem Titel «Reformstau» merke ich zwar erst auf den zweiten Blick, dass es nicht um die Altersvorsorge geht. Doch das Thema Philanthropie interessiert mich, weil es in der öffentlichen Wahrnehmung oft nur am Rande eine Rolle spielt. Ich möchte wissen, welche Bedeutung Stiftungen für die Gesellschaft haben, aber auch, vor welchen Herausforderungen sie stehen. Meine Erwartungen werden nur teilweise erfüllt.

Der Beitrag von Andrea Opel gibt eine gute Übersicht über die Vielfalt in der Schweizer Stiftungslandschaft, aber auch über den Reformbedarf (wenn auch im Titel unterverkauft).

Zuweilen kippen die Beiträge aber auch etwas stark ins PR-Lastige. Die Zusammenfassung einer Studie, gemäss der Stiftungen «ein gutes Geschäft» sind, mag im Sinne des Sponsors des Dossiers sein, der Erkenntnisgewinn für mich als Leser war bescheiden. Auch bei anderen Artikeln habe ich den Eindruck, dass sie sich vor allem auf die Perspektive von Stiftungsinsidern ausrichten, anstatt das Thema dem interessierten Leser näherzubringen.

Den zweiten Teil des Dossiers fand ich dagegen durchaus anregend. Praxisnah beschreibt Beat von Wartburg die Risiken der philanthropischen Tätigkeit, unflexibel und strukturerhaltend zu werden, aber auch was dagegen getan werden kann. Und erfrischend ist das Plädoyer Jobst Wagners für einen unternehmerischeren Ansatz, der das Selbstbild mancher klassischer Philanthropen in Frage stellt.

Im Grossen und Ganzen erfüllt die Ausgabe des «Schweizer Monats» meine Erwartungen. Manche Texte waren mir zu umständlich, zu wenig klar in Aufbau und Aussage. Andere las ich mit nachhaltigem Gewinn, finde aber, dass man den Leser mit Titel, Lead und Einstieg besser abholen könnte und sollte.

«Das intelligenteste
Magazin der Schweiz.»
Rolf Dobelli, Bestseller-Autor und Unternehmer,
über den «Schweizer Monat»