«Der Rest ist Schreiben»

Zum Tode von François Bondy

«Der Rest ist Schreiben»

Sein Leben fiel in eine bewegte Zeit, die von Kriegen und Gewaltherrschaften, vom sogenannten Gleichgewicht des Schreckens und am Ende auch noch von unheimlichen Terroranschlägen geprägt war. Man kann wahrlich nicht sagen, dass diese Zeit der Welt Sicherheit gebracht hätte. Die Art jedoch, wie François Bondy als Zeitschriftenmacher und Autor, als Gesprächsteilnehmer und Homme de Lettres sie erlebt und bestanden hat, verdient Bewunderung, Verehrung und Zuneigung. Bewunderung verdient seine Fähigkeit, mit heiterer Ironie auch schwierige Sachverhalte zu klären, indem er die Fakten nie aus den Augen verlor, zugleich aber leicht und spielerisch damit umzugehen wusste. Verehrung gebührt seinem liberalen Geist, der ihn im Mai 1940 ins Lager «Le Vernet» brachte, weil französische Kollaborateure den kurzzeitig kommunistischen Bondy für verdächtig hielten. Er hatte Glück, dass er zusammen mit anderen internierten Schweizern aus Frankreich ausgewiesen wurde. Damals schon schrieb er für die «Weltwoche» und die «Neue Zürcher Zeitung». Als aussenpolitischer Kommentator bediente er die antifaschistische «Libera Stampa». Er war ein Freund der Schriftsteller, besonders der Aktivisten und Aufklärer unter ihnen. Zuneigung aber hat er sich sein ganzes Leben lang erworben, weil er bei aller Entschiedenheit im Grundsätzlichen die Gabe des Vermittelns hatte. Er vermittelte zwischen Kulturen und Sprachen, zwischen Menschen, zwischen Aussenseitern und der Gesellschaft. Und er blieb dabei der ironisch brillante, der fördernde aber auch fordernde Autor und Kritiker.

zwischen Aussenseitern und der Gesellschaft. Und er blieb dabei der ironisch brillante, der fördernde aber auch fordernde Autor und Kritiker.

Geboren ist François Bondy am 1. Januar 1915 in Berlin, als Sohn des aus Prag stammenden und später unter dem Pseudonym N.O. Scarpi bekannten Schriftstellers und einer ungarischen Mutter. Wegen der Lungenkrankheit der Mutter zog man alsbald nach Davos, 1919 starb sie. Der Vater, seines Zeichens Regisseur und zur Zeit der Geburt von François Assistent von Max Reinhart, zog berufsbedingt zwischen Wohnorten in Deutschland und Österreich hin und her. 1931 wurde die Familie – der Vater hatte wieder geheiratet – in der Schweiz eingebürgert. François besuchte die Deutschschweizer Schule in Viganello bei Lugano. Dazwischen verbrachte er ein Schuljahr in Davos. Das «Licée» beendete er schliesslich mit zwei Maturitätsabschlüssen in Nizza. Dieser Werdegang ist wohl auch ein Zeichen der Zeit, die viele Menschen zu Nomaden machte. Und sicher hat die Schule in verschiedenen Kulturen die Fähigkeit verstärkt, sich neuen Situationen anzupassen. François Bondy studierte an der Sorbonne, schloss mit dem Lizentiat in Literatur ab und fand eine erste Anstellung als Redaktor. Nach dem Krieg, l945, heiratete er Liliane Buchmüller, war wenige Jahre Feuilletonrektor der «Weltwoche» und folgte dann dem Ruf nach Paris, wo er eine Lebensaufgabe fand in der Gründung der Zeitschrift «Preuves», die er von 1951 bis 1969 leitete. Hier konnte er seine reichen Fähigkeiten entfalten, war Essayist und Literaturkritiker, aber auch stets politisch informiert, stellte vor allem jenen sein Forum zur Verfügung, deren Sorge der Freiheit und dem Individuum galt, und machte «Preuves» zu einer Zeitschrift, die man gelesen haben musste. Er nahm sich besonders der Menschen im Exil an, der Dissidenten, die er schon während des Krieges kennengelernt und auf jede ihm mögliche Art gefördert hatte.

Bondys Bibliographie ist geprägt von der Arbeit des Zeitschriftenmachers und enthält Titel wie «Aus nächster Ferne. Berichte eines Literaten in Paris», oder «Der Rest ist Schreiben. Schriftsteller als Aktivisten, Aufklärer und Rebellen». Monographien hat er Eugène Ionesco und – zusammen mit Constantin Jelenski – Witold Gombrowicz gewidmet, ebenso Italo Svevo (zusammen mit R. M. Gschwend). Unzählig sind sodann seine Beiträge zu Büchern und seine Vorworte. Wie er als Vermittler wirkte und was er schrieb, hatte natürlich auch Ehrungen zur Folge. Es begann mit dem Preis der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz, dann folgten der J.-H.-Merck-Preis

der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt, der Ida-Somazzi-Preis, Bern, das Grosse Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland, der Ernst-Robert-Curtius-Preis und das Ehrendoktorat der Hochschule St.Gallen, schliesslich die Bodmer-Medaille der Stadt Zürich.

1970, nach seiner Rückkehr in die Schweiz, trat er wieder in die Redaktion der «Weltwoche» ein, 1975 in die der «Schweizer Monatshefte». Rund anderthalb Jahrzehnte blieb er unserer Zeitschrift treu, und hätte ihn nicht eine gesundheitliche Attacke befallen, von der er sich später wieder weitgehend erholte, wäre er vielleicht noch länger geblieben. Denn dass er hier in seinem wahren Element war, merkte man sofort. Er übernahm das frei gewordene Ressort «Politik und Wirtschaft», aber es zeigte sich bald, dass er diese Umschreibung seiner Aufgaben umfassender verstand. Erstens war er ja selbst ein Literat von hohem Rang, und zweitens kannte er Intellektuelle und Schriftsteller in aller Welt, von denen er Beträge erbat und auch erhielt. Die französische, angelsächsische und italienische Literatur waren ihm vertraut, die polnische nicht minder. Vielleicht staunten unsere Abonnenten nicht wenig, als schon im Augustheft 1975 ein Aufsatz aus mit dem Titel «Zeitschrift als Macht» erschien. Es war eine historische Darstellung der «Edinburgh Review», die mehr als ein Jahrhundert lang Bestand hatte, von 1802 bis 1915. Bondy legt Wert darauf zu erwähnen, dass Goethe die «Edinburgh Review» regelmässig las wie später ja auch «Le Globe»; Stendhal zählt zu ihren Lesern und sogar Madame de Staël. Es wird deutlich, was der neue Redaktor damit zum Ausdruck brachte: Nicht die Auflage, nicht die Masse der Leser machen eine Zeitschrift wichtig, sondern ihre literarische Qualität und die Qualität ihrer Leser.

Wenn François Bondy in der Redaktion erschien, hatte er meist eine Tasche voller Zeitungsausschnitte bei sich, die er auf dem Kaffeetisch ausleerte. Es waren Zeitungen in verschiedenen Sprachen, und woher er die Ausrisse alle hatte, wussten wir natürlich nicht. Er hatte auf den Fetzen einige Stellen angestrichen, sortierte eigentlich wenig und war dann doch im Bilde wie kaum ein anderer. Seine Glossen und Artikel hatten Pointen, die von seiner umfassenden Kenntnis der Diskussion zeugten. Er war ein Grandseigneur des Kommentars. Und über dem allem war er ein Kollege, den wir über den Tod hinaus verehren.

Anton Krättli war bei den «Schweizer Monatsheften» von 1975 bis 1991 Redaktionskollege von François Bondy.

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»