Schau, wie die Maschine denkt

Was ist künstliche Intelligenz? Und warum kann sie einem durchaus Angst einjagen? Ein Laborbesuch im Silicon Valley, wo neue Maschinenbabys sorgfältig gezüchtet werden.

Schau, wie die Maschine denkt
Prototyp Google Car © Google Inc.

Der ruhig leuchtende Touchscreen des Tesla zeigt hinter verdunkelten Scheiben den Selbstfahrmodus an. Auf der 90 Stundenkilometer schnellen Fahrt über den Highway liegen meine Hände im Schoss; mit zaghaft kleinem Ruckeln reguliert der Wagen Abstände zu anderen Autos und Leitplanken. Die Route: Arastradero-Naturpark, Eukalyptusbaumgeruch beim kurzen Herunterfahren der Fenster, dann Junipero Serra Freeway, Sand Hill Road, irgendwann die Kurve zum Palm Drive, der mit Palmen flankierten Auffahrt der Stanford University. Das Lenkrad schwenkt herum, der Tesla parkt sich am «Oval», der schlaufenförmigen Parkstruktur vor dem Hauptgebäude; ich steige aus. An einer Ecke mit Oleanderbaum winkt ein junger Mann in Shorts, Käppi und mit Ray Ban eine Gruppe Studenten über die Strasse. Direkt vor ihnen kommt ein weisses Auto in Marshmallowform mit winzigem Surren zum Stehen. Das Radarsystem auf dem gewölbten Dach ähnelt einem in eine Zahnarztzange geklemmten Wasserkocher, darin erfasst ein Laser die Umgebung – Strasse, Verkehrsschilder, Fussgänger – und sorgt dafür, dass der Marshmallow Hindernissen ausweicht und rechtzeitig bremst. Der junge Mann mit Käppi markiert etwas auf einem iPad-Touchscreen. Ein anderer Mann in Anzughose und Shirt mit Uni-Logo steigt aus dem Wagen, High-Five! Der selbstfahrende Google Car hat eine weitere Testfahrt bestanden.

Zweck einer AI (engl. Artificial Intelligence, künstliche Intelligenz) wie des Google Car? «Sichere Strassen», antwortet der Mann mit Ray Ban, wischt kurz übers iPad, Headsetblinken, eingehender Anruf. «Warte eine Sekunde, ja?» Dann weiter: den Verkehr entstopfen, zeternde Autofahrer, Parkstress – all das in Zukunft abschaffen. Sauber fliessender, fahrerloser Verkehr. Das ist im Silicon Valley Untertraum einer Grossvision – einer Welt voller künstlicher Intelligenz.

Das Träumen begann, als 1963 der Erfinder des AI-Begriffs John McCarthy in Stanford das erste Artificial Intelligence Laboratory der Vereinigten Staaten gründete. Das Labor befindet sich heute in der linken Flanke des ockerfarbenen Uni-Hauptgebäudes und brachte insgesamt 17 Turing-Medaillen-Gewinner hervor, dieses Nobelpreises der Computerwissenschaften. Absolventen, Studierende und Lehrende arbeiten eng mit den Firmen des Valley zusammen – Google, Facebook, Microsoft –, die die Entwicklung künstlicher Intelligenz fördern, weltweit anführen und für ihre Forschung wiederum die besten Neuronenforscher, Programmierer, Computertechnologen aus Stanford anheuern. Direktorin des Artificial Intelligence Laboratory ist heute Professorin Fei-Fei Li, eine zierliche und jung wirkende Physikerin und Computerwissenschafterin, die schon als Studentin internationale Auszeichnungen gewann. In der derzeitigen Forschung gehe es grundsätzlich darum, sagt Li, dass Computer Informationen analysierten und interpretieren lernten wie Menschen. Die Grundeinheit dabei ist der Algorithmus, eine in Zahlen kodierte Anweisung. Forschungsziel ist es, Algorithmen zu schaffen, die die menschliche Neuronenstruktur perfekt simulieren, also «denken» können. Das gelingt heute bereits in Ansätzen.

Computerprogramme können einfache Umgebungen und Sachverhalte erfassen, wie: «Das auf dem Tisch ist eine Tasse, darin ist eingetrockneter Kaffeesatz; aus dieser Tasse wurde also getrunken.» Sie können schlichte Befehle verstehen und ausführen, aber auch in Sekundenschnelle Abermillionen Daten erfassen und hochkomplexe Aufgaben lösen. Ein paar Forschungshöhepunkte: 1997 besiegte der IBM-Computer Deep Blue den Schachweltmeister Gary Kasparow, 2011 gewann Watson, ebenfalls von IBM, das TV-Quiz «Jeopardy», diesen März schlug Google DeepMinds AlphaGo den Profi Lee Sedol im Brettspiel Go. Apple entwarf Siri, Google entwickelte 2012 eine Gesichtserkennungssoftware (für Katzen), dann Spot, den trappenden, schnauzenlosen Roboterhund, Spionagetier für Kriegsgebiete, schliesslich Atlas, den bisher fortschrittlichsten Roboter. Kurz vor seinem Tod in Stanford 2011 bezeichnete McCarthy solch erste robotische Aufgabenbewältigungen als «Drosophila der künstlichen Intelligenz» – primitiv, aber wie die Fruchtfliege als Grundlage der Genetikforschung am Menschen unerlässlich auf dem Weg zum eigentlichen Forschungsziel: der intellektuellen Selbständigkeit von Maschinen.

 

Denken als Abfolge von Algorithmen

Die Idee von der intellektuellen Gleichwertigkeit von Mensch und Maschine, der sogenannten «Singularität», geht zurück auf Alan Turing. Während des Zweiten Weltkriegs baute der britische Mathematiker im Spionagezentrum Bletchley Park im Auftrag von Winston…