Eine Zigarre mit

Heinrich Villiger / Villiger Söhne Holding, Pfeffikon

Eine Zigarre mit
Illustration: Matthias Wyler / Studio Sirup.

 

Zigarre, Schneider und Notizblock führt Heinrich Villiger, nach 70 Jahren im Unternehmen dienstältester Firmenpatron der Schweiz, mit sich. «Ich fahre mit dem Rasentraktor, gewinne Kirschen, aber einen Computer tue ich mir nicht mehr an», erzählt er, während wir in seinem Konferenzzimmer eine hauseigene Zigarre geniessen. Auch im hohen Alter von 90 Jahren hält «Zigarren-Villiger», ein Büezer nach altem Schlag, die Zügel fest im Griff: Ob Firmenführung, Korrespondenz oder das Öffnen der Türe zum Firmensitz im deutschen Tiengen – Villiger übernimmt eigenhändig die Verantwortung. «Ich weiss, wo jeder Besen hängt, und bin mit Leib und Seele dabei. Ich bin halt so.» Zugleich ist er ein Gentleman alter Schule, das merkt man an jeder Bewegung.

Villigers Vorfahren begannen um 1888 mit der Herstellung von «Stümpen» als Massenprodukt, als das Wynen- und Seetal noch Dutzenden Fabrikanten ein Heim bot. Die Zigarette kam erst später auf und verdrängte den Stumpen. Doch verschwunden ist er nicht. Er hat sich fest in der Schweizer Volkskultur verankert. Kein Schwingfest, an dem «Villiger-Chrummi» nicht präsent wären. Heute sind es die Chinesen, die massiv in den Tabakanbau investieren. «Sie haben auch bei uns angeklopft», sagt Villiger. Wichtig sei aber nicht die Frage, wem das Unternehmen gehöre, sondern dass es Leute beschäftige und dem Mittelstand ein Auskommen gewähre. «Für die Wirtschaft eines Landes ist ein solider Mittelstand wichtig. Auch die Leute in den Dörfern und auf dem Land müssen etwas zu tun haben, nicht nur die in den Grosskonzernen Beschäftigten. Überhaupt ist das Individuum in einem kleineren Unternehmen mehr daheim als in einer grossen Bude.»

So ist es wohl keine Überraschung, dass Villiger das vorliegende Rahmenabkommen mit der Europäischen Union ablehnt. Die Schweiz sollte ihre Eigenständigkeit nicht aufgeben, findet er. Den Europäischen Gerichtshof (EuGH) hält er für überflüssig. Die Schweiz müsse das Recht haben, Grenzen zu schliessen, wie es ihr passe. Villiger schätzt fremde Einmischung generell nicht: «Ich habe eine natürliche Allergie gegen Beamte! Jeden Tag gibt es neue Einschränkungen.» Die WHO wolle den Tabak bis 2050 eliminieren. Sie nehme Einfluss auf regionale Regierungen, den Anbau zu verunmöglichen. Die Zigarre könne aber nie verboten werden, «sonst wird im Geheimen geraucht».

Der Villiger arbeite mit den Kommunisten, habe man ihm oft nachgesagt, aber das sei heute kein Thema mehr. Er berichtet nicht ganz unironisch, dass Fidel Castros ältester Sohn immer gewusst habe, welches der teuerste und beste Whisky sei. «Das waren immer sehr teure Abendessen.» Villiger war bereits vor der Revolution in Kuba. Es ist jedoch die Zeit unmittelbar danach, die ihm besonders im Gedächtnis bleibt: «Ich hatte immer ein schlechtes Gewissen, dass ich einem flüchtenden Kubaner den Platz im Flugzeug wegnehme.» 2019 gründete er in Nicaragua ein Joint Venture. «Ich war das erste Mal da, als sie den Diktator Somoza gestürzt hatten. Jede Nacht hörten wir Schüsse. In der Stadt Estelí, wo wir heute eine Fabrik bauen, stand ein Wächter mit einer Kalaschnikow vor unserer Türe.»

Kritisch blickt Villiger auf sein Privatleben zurück: «Du hattest keine Zeit für die Kinder», tadelte seine Frau. «Da hat sie natürlich recht. Ich hätte mehr die Kinder hüten sollen. Meine Frau hat immer gesagt, man solle auf seine Kinder keinen Zwang ausüben. Das war zwar nicht meine Meinung, aber ich respektierte das – möglicherweise ein Fehler», lacht er. «Ich wurde anders erzogen, bei mir hiess es: Du kommst in die Firma und fertig.»

Noch im Alter von 80 Jahren fuhr Villiger mit dem Motorrad von Windhoek nach Kapstadt, bis vor einem Jahr mit dem Fahrrad den Rhein auf- und abwärts. Als kürzlich eine Operation an seinem Herzschrittmacher notwendig wurde, antwortete Villiger seinem Arzt: «Das nächste Mal machen Sie gleich einen Reissverschluss!»…

«Der Entkalker fürs Hirn:
Nicht links, nicht rechts –
einfach intelligent!»
Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
über den «Schweizer Monat»