Anerkennung für wen?
Elham Manea, zvg.

Anerkennung für wen?

Wer Muslime ähnlich den Katholiken und Reformierten staatlich anerkennen will, muss sich fragen, wen er denn nun anerkennen will – die Islamverbände vertreten nämlich nur sich selbst.

Es gibt eine muslimische Minderheit in der Schweiz, die auf 400 000 Personen geschätzt wird. Dennoch gibt es nicht den Islam in der Schweiz und auch nicht die Muslime. Stattdessen gibt es Gemeinschaften, die weder ethnisch noch kulturell, religiös oder sprachlich eine Einheit bilden. Es sind Schweizer und Schweizerinnen, Migranten und Migrantinnen, die einen Bestandteil unserer Gesellschaft bilden. Wir sehen sie meistens nicht, weil sie gar nicht anders sind als die anderen. Aber sie sind unter uns: in der Schule, an den Universitäten, am Arbeitsplatz – sie fühlen sich zu Hause hier und sind gut integriert.

Das muslimische Leben in der Schweiz weist eine grosse innere Vielfalt auf. Auch wenn für die Muslime in der Schweiz die fünf Säulen des Islams gemeinsame Bezugspunkte darstellen, bleibt bislang für die meisten von ihnen die Zugehörigkeit zu ihrer jeweiligen Volksgruppe identitätsstiftend. Muslime in der Schweiz reagieren auf ihre diasporabedingten Lebensumstände ähnlich, wenn nicht sogar genauso wie christliche Migranten aus Italien, Spanien oder Kroatien.1

Leider jedoch herrscht eine essentialistische, von Identitätspolitik geprägte Weltsicht vor, die Muslime nicht als Individuen mit Nationalitäten, nicht als Menschen mit einer grossen Bandbreite von Denkweisen, Traditionen, Kulturen und Weltanschauungen sehen will. Nach dieser Ansicht steht allein die religiöse Identität im Fokus – eine Ansicht, die ich das «essentialistische Paradigma» nenne. Es ist eine Denkweise, die Menschen verschiedener Nationalitäten auf ihre religiöse Identität reduziert, sie als homogene Gruppe behandelt und dabei ihre Kulturen und Religion essentialisiert.

«Heute bin ich bezüglich der Anerkennung zurückhaltender geworden. Warum? Meine Forschung über Islamismus und Frauen unter islamischem Recht in europäischen Ländern hat mir klargemacht, dass die rechtliche Anerkennung kein Wundermittel ist.»

Was das Gesamtbild noch komplizierter macht: Der Anteil jener, die kaum oder gar nicht am religiösen Leben teilnehmen, nimmt zu, wie eine Erhebung des Bundesamtes für Statistik zur Religion aus dem Jahr 2016 gezeigt hat.2 Den grössten Anteil an nicht praktizierenden Personen weisen nach den Konfessionslosen die muslimischen Gemeinschaften auf: 46 Prozent der Muslime geben an, in den letzten zwölf Monaten nie eine religiöse Einrichtung aufgesucht zu haben, um einem Gottesdienst beizuwohnen. Dieser Wert ist deutlich höher als in der gesamten Bevölkerung, in welcher 30 Prozent im vergangenen Jahr nie an einem Gottesdienst teilgenommen haben. Angeführt werden die religiös besonders aktiven Gruppen von den Angehörigen der evangelikalen Gemeinden: Von ihnen nehmen 72 Prozent mindestens einmal pro Woche an einem Gottesdienst teil. Bei den Muslimen sind es bloss 12 Prozent.

Diejenigen Muslime, die sich als säkular oder einfach als nicht praktizierend betrachten – also die Mehrheit von ihnen –, fühlen sich von den religiösen Institutionen oder den Dachverbänden nicht vertreten. Kultur- und Mentalitätsunterschiede sowie die daraus hervorgehenden divergierenden Ansichten über die «richtige» Islampraxis sind zu gross. Kurz: Die muslimischen Dachverbände, aber auch die liberalen und fortschrittlichen Organisationen repräsentieren nur sich selbst. Nicht mehr, nicht weniger.

Was und wer soll denn überhaupt anerkannt werden?

Nichtsdestotrotz neigen wir dazu, diese Tatsache zu ignorieren, wenn wir über die Anerkennung der muslimischen Gemeinschaften diskutieren. Wir tun so, als würden die Muslime eine homogene Einheit bilden. Es stellt sich mir daher die grosse Frage: Was wollen wir eigentlich anerkennen?

Vor einigen Jahren wurde ich von einem Journalisten gefragt: Müsste man in der Schweiz die muslimische Religionsgemeinschaft offiziell anerkennen, um die Transparenz und Kon­trolle zu fördern? Damals antwortete ich ohne Zögern mit Ja. Ich habe dieses Ja mit der Transparenz verknüpft: Transparenz bei der Offenlegung der Finanzierung von Moscheen und bei der Ausbildung der Vorbeter (Imame). Transparenz ist mir nach wie vor sehr wichtig.

Heute bin ich bezüglich der Anerkennung aber zurückhaltender geworden. Warum? Meine Forschung über Islamismus und Frauen unter islamischem…

Herfried Münkler (Humboldt Universität, Berlin) Foto: Stephan Röhl, http://www.stephan-roehl.de
«In einer schnelllebigen Zeit,
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ist eine Zeitschrift wie der MONAT unverzichtbar, die sich dem gründlichen Bedenken und Durchdenken von Möglichkeiten und Perspektiven politischen Handels verpflichtet fühlt.»
Herfried Münkler, Professor für Politikwissenschaft,
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