Die Politik hat den Sportsgeist verloren
In modernen Massendemokratien fühlen sich viele Menschen politisch zunehmend ohnmächtig. Im Sport hingegen erleben sie noch Fairness, klare Regeln – und dass das eigene Handeln unmittelbare Folgen hat.
Über die Gründe für die internationale Renaissance des Autoritarismus wird viel spekuliert. Die einen sehen den Neoliberalismus als Auslöser, weil er zersetzend wirke und soziale Solidarität auf dem Altar des Marktes opfere. Die anderen machen hingegen den Sozialstaat verantwortlich, weil er den Menschen Eigenverantwortung und mündiges Handeln abgewöhne.
Liegen die Ursachen auch im Dunkeln, so sind die Folgen doch offensichtlich: Mit zunehmendem Autoritarismus gehen in der Politik sportliche Tugenden wie Fairness und regelkonformes Handeln verloren. Vielleicht erklärt der von Peking bis Washington wieder salonfähige Chauvinismus zumindest in Teilen, weshalb heute viele Menschen in Fitness und Sport Erfüllung suchen, während sie das Politische nur noch frustriert: Je zynischer und unberechenbarer das Machtgebaren wird, das nur noch notdürftig hinter Worthülsen über Werte und Ideale verborgen wird, desto attraktiver wirken Team- und Individualsport.
Auch im Teamsport gibt es Fouls – doch sie werden sanktioniert. Grundsätzlich gelten klare und faire Regeln. Gerade aus liberaler Sicht sind solche Regeln unerlässlich, und gerade Kleinstaaten wie die Schweiz profitieren vom Geist der Sportlichkeit. Denn nur dort, wo sich alle nicht nur auf dieselben, idealerweise gruppenübergreifend gerechten Regeln berufen, sondern sich auch auf deren Einhaltung verlassen können, ist freier und fairer Wettbewerb überhaupt möglich.
Wo hingegen das Recht des Stärkeren oder schiere Willkür herrschen, geraten jene unter die Räder, denen Freiheit und Fairness wichtig sind. Die postliberale Weltunordnung des 21. Jahrhunderts, in der jedes noch so gewaltsame Mittel zum Machtgewinn opportun erscheint, ist zugleich eine postsportliche Ära. Bei einem Basketballspiel indes kann man davon ausgehen, dass eine Mannschaft ihre Gegner nicht einfach niederprügelt, wenn ihr das Ergebnis nicht passt – oder dass sie nicht während des Spiels die Regeln ändert, um sich bessere Bedingungen zu verschaffen.
Selbstwirksamkeit statt Systemfrust
Zwar wäre es naiv zu hoffen, dass Teamsport durch irgendeine mirakulöse Übertragung auf die Weltpolitik Probleme lösen könnte. Und Appelle an autoritäre Herrscher, sich doch bitte sportlicher zu verhalten, dürften wirkungslos verpuffen. Gleichwohl kann es guttun, im Teamsport hin und wieder am eigenen Leib zu erfahren, wie sich eine regelbasierte Ordnung und ein fairer Umgang miteinander anfühlen – nämlich sehr viel besser als eine erratisch-autokratische. Als Lebensschule weist Sport über sich selbst hinaus.
Was Individualsport, aber auch Fitnesstraining betrifft, so lässt sich dort noch erleben, was in unseren Schein- und Postdemokratien kaum mehr möglich ist: Selbstwirksamkeit und nachvollziehbare Zusammenhänge zwischen Handlungen und Folgen. Unsere politischen Systeme sind ungemein komplex geworden. Doch echte Demokratie funktioniert nach wie vor am besten in kleinräumigen Konstellationen – dort wurde sie schliesslich auch erfunden.
Wenn jedoch nicht nur gewählte Regierungen, sondern auch ein globales Geflecht aus transnationalen politischen Institutionen und Unternehmen, Lobbygruppen, Nichtregierungsorganisationen und Vorfeldaktivisten mitmischen, schwindet bei vielen Menschen das Vertrauen, mit der eigenen Stimme etwas bewirken zu können.
Im Gym wiederum sieht man, dass das selbst durchgeführte Training direkte Auswirkungen auf den Körper hat. Ein starker Bizeps ersetzt selbstredend keine Politik, und Training sollte keine Flucht vor dem Politischen sein. Aber wenigstens kann es helfen, das Bewusstsein dafür wachzuhalten, dass das eigene Tun etwas bewirken kann.