Die Mauerbauer von heute

Mörtel und Stein gegen den Unbill der Zeit.

Vor ein paar Tagen feierte die Mauer einen runden Geburtstag. «The Wall» der britischen Rockband Pink Floyd, veröffentlicht am 30. November 1979, war ein sogenanntes Konzeptalbum. Die einzelnen Titel stehen nicht lose nebeneinander, sondern gehören thematisch zusammen und formen eine integrale Geschichte. Bereits vor einem Monat wurde mit viel Aufwand ein anderes Mauerjubiläum begangen: Die am 9. November 1989 gefallene Berliner Mauer teilte bis vor dreissig Jahren die Welt in Ost und West. Anhaltend gab und gibt auch jene «Wall» zu diskutieren, deren unablässiger Ankündigung US-Präsident Trump zu wesentlichen Teilen seine Wahl zu verdanken hatte.

Sind diese politisch indizierten Mauern ebenfalls «konzeptuell» und so auf beiden Seiten des Spektrums ein integraler Teil des jeweiligen Narrativs? Gegenüber rechts dürfte das kaum jemand bestreiten: Wer mehr reaktionär als konservativ die Angst vor dem Neuen und dem anderen bewirtschaftet, illustriert das kaum plumper, aber auch kaum besser als mit einer mittelalterlich anmutenden Mauer. Mörtel und Stein sollen die Unbill der Zeit draussen halten.

Aber was ist mit den Mauern der Linken? Stand der «Antifaschistische Schutzwall» singulär, sozusagen als leider missratener, mehr zufällig auf der Platte gelandeter Titel, ganz ohne inneren Bezug zu den grossen Hits wie «Auferstanden aus Ruinen» oder «Brüder zur Sonne, zur Freiheit»? Das Gegenteil trifft zu: Der Sozialismus mündet immer in ein – letztlich eben auch physisches – Zusammenzwingen des Kollektivs, das dem einzelnen Menschen und seiner Freiheit vorangeht. Die Berliner Mauer 1961 bis 1989 wurde so zum Höhepunkt und zur hoffentlich letzten Tonspur der linkssozialistischen Platte in Deutschland. Denn Pink Floyd hatte natürlich recht: «We don’t need no thought control!» Die offene, nicht eingemauerte Gesellschaft ist weiterhin zu verteidigen. Nicht nur gegen rechts nach aussen, sondern auch gegen links nach innen.

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