«Die Digitalisierung macht uns immer mehr zu Herdentieren»
Timothy Snyder, fotografiert von Stefan Fürtbauer / Keystone, APA.

«Die Digitalisierung macht uns immer mehr zu Herdentieren»

Um die Freiheit in eine digitale Zukunft zu retten, müssen Menschen aktiv für sie eintreten. Die westliche Welt hat gute Chancen, ein Gegenmodell zu China zu entwickeln.

Herr Snyder, Regierungen auf der ganzen Welt haben drastische Massnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus ergriffen. Welche Auswirkungen haben diese Notmassnahmen auf unsere ­Demokratie und unsere Freiheiten?

Eine Regierung kann wegen des Virus zum Beispiel Proteste verbieten, wie es Netanjahu in Israel getan hat, oder ein autoritäres Notstandsregime durchsetzen, so wie Orbán in Ungarn. Mit China sehen wir ein Land, das bereits weit fortgeschritten ist auf dem Weg in eine Art alles umfassenden digitalen Totalitarismus. Doch keine Massnahmen zu ergreifen, würde eine Gesellschaft ins Chaos stürzen und anfällig für eine autokratische Machtübernahme machen. Ohne eine vernünftige Pandemiebekämpfung laufen Regierungen Gefahr, das Vertrauen ihrer Bürger zu ver­lieren. Und ohne das Vertrauen in die Regierung kann es keine ­Demokratie geben. Man muss dem Volk einen transparenten ­Gesellschaftsvertrag vorlegen, der erklärt, welche Massnahmen getroffen werden und wie lange sie andauern.

Wie sehen Sie die Rolle von China in der Coronapandemie? Ist es nicht paradox, dass funktionierende Demokratien ohne lange ­Bedenken das autokratische Lockdownmodell kopiert haben?

Womöglich haben wir uns beim Kopieren des chinesischen ­Modells nicht sehr geschickt angestellt. Dennoch ist ein chine­sischer Lockdown etwas ganz anderes als ein italienischer. In China wird Ihr Gesicht jedes Mal gescannt, wenn Sie eine Kreditkarte benutzen, Ihr Aufenthaltsort den Behörden ständig übermittelt. Die Kommunistische Partei Chinas kann nur so agieren, weil sie über einen zunehmend digital-totalitären Staat gebietet. Die freiheit­lichen westlichen Regierungen können das nicht. Was sie tun, ist im Grunde mittelalterlich: Sie sagen uns Bürgern, dass wir voneinander Abstand halten sollten. Das wussten die Menschen schon zu Zeiten der Pest.

Machen Sie sich keine Sorgen, dass westliche Regierungen ihre Haltung zum Datenschutz überdenken könnten?

Darüber mache ich mir schreckliche Sorgen. Aber ich muss sagen, dass ich mir zu Beginn der Pandemie mehr Sorgen darüber ­gemacht habe als jetzt. Unsere Regierungen könnten viel mehr ­erzwingen als das, was sie 2020 getan haben. Streng genommen haben die Amerikaner schon heute keine Privatsphäre mehr, die NSA weiss sowieso alles. Derzeit aber werden die gesammelten Informationen nicht genutzt. Interessanterweise scheint es einen gewissen Respekt für den Anschein von Privatsphäre zu geben.

China zeigt uns ein Modell, in dem man freien Handel ohne bürgerliche Freiheiten haben kann. Haben Sie keine Angst, dass manche Menschen ihre Freiheiten für eine geordnetere Welt eintauschen?

Aus drei Gründen ist China das Hauptproblem für die freie Welt: Erstens stehen seine politischen Vertreter offen ein gegen Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Zweitens hat das Land eine enorme Menge an Hard Power. Und drittens schwächelt die Konkurrenz: Der Westen ist ein ziemliches Durcheinander, zumindest derzeit. Tatsächlich hat die Trump-Administration der Behauptung der Kommunistischen Partei Chinas, dass die Demokratie ein Wirrwarr sei, in vielen Punkten recht gegeben. China hat bewiesen, dass kapitalistischer Autoritarismus funktionieren kann, zumindest auf kurze Frist.

Kann China auch über Soft Power Macht ausüben?

Denken Sie zurück an die USA in den 1950er und 1960er Jahren mit Jazz, Blues und Hollywood. Als die CIA den Maler Jackson ­Pollock sponserte und modernistische Kunst aus Amerika den euro­päischen Kunstmarkt flutete. Das war Soft Power! China hat so ­etwas bis heute nicht, sogar Japan übt grösseren kulturellen Einfluss auf die Welt aus. Blenden wir zurück: Die Sowjetunion und die USA, die früheren Supermächte, hatten Geschichten bereit, in denen es nicht nur um sie selbst ging. Die Sowjets erzählten eine Story über Revolution, Sozialismus und die Zukunft; in den 1930er Jahren hatte die Sowjetunion Menschen auf der ganzen Welt, die sie liebten, auch im Westen. Die Amerikaner wiederum erzählten eine Story über Freiheit und den American Way of Life. China hingegen scheint nur eine Story darüber zu ­haben, wie jeder das tun sollte, was China will. Das ist keine gute Story. Wo…

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