Ariel Sergio Goekmen, zvg.

Jeder ein Gutenberg

Wenn in Wahlkämpfen bereits mehr Fake News geteilt werden als Nachrichten von etablierten Medien, gerät die Demokratie an ihre Grenzen. Ein Ordnungsruf.

Täglich werden Nachrichten unterschiedlicher Qualität auf dem Globus verbreitet und konsumiert. Diese Informationen werden heutzutage vermehrt direkt unter den Konsumenten je nach Gutdünken weitergeleitet. Das birgt Risiken. Wie unterscheiden die Konsumenten, ob der Nachrichteninhalt «wahr» oder «fake» ist? Schon Mark Twain wusste schliesslich: «A lie can travel half the world, while the truth is still putting on its shoes.» 

Wir erinnern uns an die Troll-Nachricht, dass Kandidat Trump vom Papst für die Präsidentschaft empfohlen werde und dass Kandidatin Clinton Waffen an den «Islamischen Staat» verkauft habe. Gemäss Medienanalysen des Portals BuzzFeed wurden in den letzten drei Monaten vor der Präsidentschaftswahl mehr Fake News1 über die Kandidaten weitergeleitet als Nachrichten von etablierten, den Standards der Journalisten angemessenen Tageszeitungen wie der «New York Times». Damit entsteht eine globale Zweistromgesellschaft. 

Ein globales Zweistromland?

Auf der einen Seite stehen diejenigen, welche sich für die Quelle und den Wahrheitsgehalt interessieren, besonders bevor sie die Nachricht weiterleiten – und die anderen. Man könnte auch eine Grenze ziehen zwischen denen, die für Nachrichteninhalte bezahlen, und denen, die gratis Nachrichten nutzen. Gutenbergs Druckerpresse ist heute Allgemeingut: Mit einem Twitter-Account, Instagram, Facebook und so fort, da kann jedermann jederzeit zu seinem eigenen Verleger werden.

Es gibt relativ viele akademische Nutzeruntersuchungen in den Vereinigten Staaten. Dort scheint Facebook vorne zu liegen. Ungefähr 64 Prozent der Erwachsenen sind Teil dieses Netzwerks in den Vereinigten Staaten, und ungefähr die Hälfte davon konsumieren Facebook-Nachrichten. Die meisten Inhalte werden auf Facebook weitergeleitet. Wie aber wissen die Konsumenten dieser Inhalte, dass diese wahr sind? Gemäss einer anderen US-Studie, welche die Twitter-Nachrichten nach dem Boston Marathon untersuchte, waren 29 Prozent des Inhalts entweder Gerüchte oder Falschinformationen und 75 Prozent wurden via Mobiltelefon weitergeleitet. 51 Prozent der Inhalte waren persönliche Meinungen und Kommentare und schliesslich nur 20 Prozent, ein Fünftel, waren nachweislich wahr. Eine andere Studie des Pew Research Centre nimmt an, dass 23 Prozent der US-amerikanischen Erwachsenen wissend oder unwissend Fake News weitergeleitet haben.

Während in Ländern wie Brasilien 66 Prozent der Nutzer vor allem Social Media als primäre Informationsquelle nutzen (in den Vereinigten Staaten sind es 45 Prozent), sieht es in Europa etwas besser aus. Im Vereinigten Königreich waren es 39 Prozent, in Frankreich 36 Prozent und in Deutschland 31 Prozent der Nutzer (2018)2. Gemäss einer Reuters-Studie gingen 65 Prozent der untersuchten Menschen nicht direkt zur direkten Nachrichtenquelle, beispielsweise einer grossen Nachrichtenagentur, sondern erhielten ihre Nachrichten über Social Media, die Google-Suche, E-Mail und andere Quellen. Hier gibt es von Land zu Land Unterschiede. In Finnland und Norwegen etwa gehen zwei Drittel der Nutzer direkt zur Nachrichtenquelle. Ebenfalls kann nach Altersgruppen unterschieden werden: 73 Prozent der unter 35-Jährigen erhalten ihre Nachrichten nicht direkt von der Quelle, sondern über Social Media und andere Kanäle.3 

Wie ist die Situation in der Schweiz? Gemäss der genannten Reuters-Studie sind erstaunlich viele Nutzer (80 Prozent) online, um Nachrichten zu erhalten – 50 Prozent der Nutzer sind zu diesem Zweck auf Social Media präsent. 33 Prozent leiten Nachrichteninhalte per Social Media oder E-Mail weiter. In Schweden beispielsweise sind 87 Prozent online und 30 Prozent leiten die Nachrichten weiter. Der Trend in Schweden ist allerdings, die Nachrichtendienste zu abonnieren. 26 Prozent der Schweden zahlen für ihre Nachrichten. Dies bringt uns zum Thema: Wem trauen die Medienkonsumenten? In Schweden trauen fast zwei Drittel der Befragten dem Staatsradio bzw. -fernsehen. In der Schweiz in beiden untersuchten Landesteilen trauen die befragten Menschen ebenfalls dem Staatssender.

Wenn wir uns auf die Schweiz konzentrieren und uns fragen, wem die Menschen trauen, dann sind es in der Deutschschweiz vornehmlich die staatlich…

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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