Vom Ende der Schweiz

Vom Ende der Schweiz


Bei den meisten unserer Mitbürger scheint die Existenz der Schweiz das selbstverständlichste der Welt zu sein. Sie glauben, dass der Staat, dem sie angehören, gesichert sei für alle Zukunft, wie der Boden, auf dem sie stehen und wie der Himmel, unter dem sie gehen. Wenn einer behauptet, auch dieser Staat müsse einmal vergehen, wie alles auf der Erde und die Schweiz werde einst nur ein Begriff sein, wie Troja oder Karthago für uns Begriffe sind, so zucken sie die Achseln. Sie halten es für sehr natürlich, dass grosse Staaten um uns zusammenfallen wie Kartenhäuser, aber ebenso natürlich scheint es ihnen, dass unser kleiner Staat von all diesem Geschehen verschont bleibt und sie stöhnen über jede neue Rationierung, als geschähe an ihnen ein Verbrechen. Wer aber gewohnt ist, die Dinge mit klaren Sinnen zu beobachten und auch nicht zurückschreckt, das äusserste, schrecklichste in Betracht zu ziehen, wenn es notwendig ist, der muss gestehen, dass die Zukunft unseres Landes nicht ohne weiteres gesichert ist und dass Umstände eintreten können, die ein Weiterbestehen der Schweiz in Frage stellen oder gar unmöglich machen würden. Wir wissen nicht, wann dies sein wird, zehn Jahre mehr oder weniger spielt in der Geschichte keine grosse Rolle, wie es bei einem Unheilbaren keine grosse Rolle spielt, ob er eine Woche mehr oder weniger zu leben hat, aber dass es möglich ist, beweisen gewisse Verräterprozesse der jüngsten Vergangenheit. Wie bei Menschen geht es auch bei den Staaten: Sie sterben auf jede denkbare und undenkbare Weise, durch Krankheit, Unglücksfälle, Selbstmord oder sie werden getötet, wie Fliegen an der Wand getötet werden. Wir sehen, wie sich Staaten gegen eine ganze Welt erheben und endlich in ihrer Raserei zugrunde gehen, von den andern abgetan, wie Amokläufer abgetan werden, oder andere, die wie jene Burgen fallen, die Philipp von Macédonien durch einen mit Gold beladenen Esel einzunehmen pflegte. Es gibt bei den Völkern auch einen Tod durch das Alter, viele überleben, sich selber und sind in Wahrheit Gespenster, ihr Staat funktioniert nur noch wie eine Maschine, mehr oder weniger gut und bricht endlich in sich zusammen. Oft sind es gerade die sterbenden Völker, die noch einmal, kurz vor dem Ende, eine höchst komplizierte Staatsmaschinerie aufrichten, mit allen nur irgendwie denkbaren Raffinements, um dann beim nächsten Sturmwind einem hohlen Baume gleich zusammenzubrechen. leder Staat hat seine besondere Aufgabe zu erfüllen und hält eine besondere Stellung innerhalb der Staaten inne. Versagt er, oder hat sich die allgemeine Lage so verändert, dass er nicht mehr nötig ist, so verkümmert er im Lauf der Zeit, wie ein unnützes Glied verkümmert und verschwindet endlich. Wir müssen gestehen, dass uns dies alles mit einer geheimen Sorge erfüllt. Es sind Anzeichen vorhanden, die auf eine Vergreisung der Schweiz hindeuten, wir brauchen nicht gerade an den Geburtenrückgang zu denken.

«Vielleicht sind wir schon gestorben und sind Gespenster,

die vom Leben träumen.»

Manchmal müssen wir uns an den Kopf greifen und uns vergewissern, ob wir noch leben. Vielleicht sind wir schon gestorben und sind Gespenster, die vom Leben träumen. Was heute in Europa geschieht, vermögen wir noch nicht abzuschätzen aber die Frage ist am Platze, ob die Schweiz im neuen Europa überhaupt noch notwendig sein wird. Es ist eine dunkle Frage. Sie zu bejahen wagen wir nicht, sie zu verneinen zögern wir. Wir wissen von der Zukunft zu wenig. Die historische Aufgabe der Schweiz, die Alpenpässe zu hüten, genügt nicht mehr, ihr Dasein notwendig zu machen. Eine Schweiz als Fremdenkurort oder als Exporteur von Uhren, Käsen und Oerlikoner Maschinen berechtigt uns nicht, unsere Existenz als  notwendig zu betrachten. Wir sind heute schon so weit, dass wir die Existenz der Schweiz fast nur ideell zu berechtigen vermögen und das ist schlimm. Wir sagen, die Schweiz sei ein leuchtendes Vorbild des Zusammenlebens dreier Völker und darum müsse man sie als ein Museumstück aufbewahren, oder sie sei ein Jumpfernstift für Humanismus und Pädagogie und darum im geistigen Europa von grösster Wichtigkeit. Wir sind stolz, wenn hin und wieder Pläne auftauchen, wie das in Grund und Boden ruinierte Europa nach dem Muster der Schweiz zu renovieren sei. Wir wollen diese Dinge nicht unterschätzen, wir wollen nur vor Ueberschätzung warnen. Es sind viele, die glauben, eine neutrale Schweiz werde alle Gefahren überleben. Dies ist ein schöner Glaube, aber Berge wird er nicht versetzen. Die Gegenwart hat einigen neutralen Staaten bös mitgespielt und wir wissen nicht, ob das zukünftige Europa noch neutrale Staaten will. In der Neutralität sehen wir nicht für alle Zeiten das Alpha und Omega der Schweiz; wir können uns Situationen denken, wo es mit dieser schönen Einrichtung endgültig vorbei ist. Vielleicht wollen iene Staaten, die auf unserem Kontinent mächtig sein werden, neutrale Staaten nicht mehr dulden, und wir werden uns, ob wir wollen oder nicht, dieser oder jener Kräftegruppe praktisch anschliessen müssen. Wir wollen hier nicht untersuchen, wie weit dies schon der Fall war oder noch ist.

«Neutralität ist eine Form der Politik und nicht ein Glaubensbekenntnis.»

Wenn die Vereinigten Staaten Europas ins Leben gerufen werden, wird die Schweiz in diesem neuen Grossstaat aufgehen müssen. Neutralität ist eine Form der Politik und nicht ein Glaubensbekenntnis. Eine Neutralität des Herzens gibt es nicht bei Menschen aus Fleisch und Blut. Politische Formen müssen geändert werden, wenn die Lage es erfordert. Vor allem lehnen wir entschieden eine Neutralität ab, die den Bürgern ein bequemes Spiesserdasein gewährt. Denen, die sich am köstlichsten amüsieren, wenn sie im Kino den Stalingradfilm sehen, würde es gut tun, in Stalingrad kämpfen zu müssen. Nur eine Neutralität hat Sinn, die für Europa nützlich ist. Die Neutralität ist ein Vorrecht, das wir uns verdienen müssen, indem wir helfen. Darum ist es unsere Pflicht, die Menschen aufzunehmen, die an unsere Grenze kommen, sollten wir auch weniger zu essen haben. Nur eine Schweiz, die den Flüchtlingen jeden Schutz und jede Hilfe gewährt, die irgendwie möglich ist, hat ein Anrecht da zu sein. Es ist unser erstes politisches Gebot, zuerst an andere zu denken und dann an uns. Für die Vertriebenen können wir nie genug tun, denn wir berechtigen so unsere Existenz. Jeder Löffel Suppe den wir ihnen geben ist mehr wert als sämmtliche unserer Landesväter und Professoren. Wenn es uns auch nie gelingen wird, ganz vor Ueberraschungen auf ausserpolitischem Gebiet gesichert zu sein, so muss es uns dagegen gelingen, aus der Schweiz das zu machen, was zu machen ist. Wenn uns irgendein Staat vernichten will, so mag er dieses Ziel vielleicht schliesslich erreichen, aber er soll uns nicht schwach antreffen und die Schuld soll nicht bei uns liegen. Kein Staat fusst so sehr auf der Gerechtigkeit wie die Schweiz. Nur in der Gerechtigkeit ist eine Freiheit möglich, die nicht Willkür ist. Gerechtigkeit ist die höchste Aufgabe der Schweiz. Vom Staat zu verlangen, er müsse einen Beethoven, einen Goethe oder einen Rembrandt hervorbringen um weiterleben zu dürfen, wäre töricht, es ist nicht Sache des Staates dies zu tun: Es ist Sache des Staates, die Gerechtigkeit zu verwirklichen. Dies ist vielleicht auf einigen Gebieten weitgehend der Fall, sicher aber nicht auf dem sozialen. Wir können nicht sagen, dass wir eine soziale Schweiz besitzen. Aber gerade dieses Problem ist das Problem unserer Zeit und wir wagen zu sagen, dass die Lösung dieses Problems entscheidend für unsere Zukunft sein wird. Es wird sich entscheiden, ob die Schweiz ein moderner Staat sein kann oder veraltet. Wir müssen begreifen, dass wir an einem Wendepunkt der Geschichte stehen. Eine zukünftige Schweiz ist nur als sozialster Staat der Welt denkbar, sonst wird sie als Kuriosum gelegentlich im Geschichtsunterricht späterer Generationen erwähnt werden. Eine soziale Schweiz zu errichten, ist nicht Sache der Ausländer und keine Siege irgenwelcher Völker über andere entscheiden darüber auch nicht die Russen: es ist unsere Sache. Versagen wir, versagt die Schweiz und es ist gleichgültig, wer uns dann einsackt. Es ist an uns, das Problem zu sehen, an uns, zu handeln. Was die Zukunft bringt, wissen wir nicht aber dass wir handeln müssen, wissen wir. Sonst werden wir zu Grunde gehen, wie Kaufmännische Vereine zu Grunde gehen, die sich nicht mehr rentieren: Weil irgendeine Bank zusammengekracht oder gar, weil der Kassier mit der Kasse durchgebrannt ist.


Geschrieben um 1950, erschienen in: SCHWEIZER MONATSHEFTE 74. JAHR HEFT 6 (1994)

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Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
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