In dieser Ausgabe

Editorial

Editorial

Wasser ist und bleibt geheimnisvoll. Weder die Naturwissenschaft noch die Ökonomie und schon gar nicht die Metaphysik vermögen alles aufzuschlüsseln, was der Geist des Schöpfers, der nach dem Bericht der Bibel «über den Wassern schwebte», mit dem offenbar bereits vorhandenen Urstoff anfangen wollte. Nach dem poetischen Schöpfungsmythos der Pima-Indianer in Neumexiko wurde die Mutter Erde […]

Dossier «Knappes Wasser»

(0) Auftakt

Das Land, in dessen Flüssen Milch, Wein und Honig fliessen – so wird das Schlaraffenland beschrieben. Wer immer dort gewesen sein mag, er scheint nicht zu uns zurückgekehrt zu sein, sonst wäre von dort wohl überliefert: Milch,Wein und Honig machen zwar satt und vergnügt, doch der Mensch bleibt auf Dauer durstig und verschmutzt. Mindestens anderthalb […]

Der Monopolist der Oase

Friedrich August von Hayek (1899 bis 1992) Der österreichische Nationalökonom und Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek hat in seinem Werk «Die Verfassung der Freiheit» den gross angelegten Versuch unternommen, Regeln für eine freiheitliche Gesellschaft zu formulieren. Die Problematik von Zwang und Monopol hat er mitunter am Beispiel eines Oasenbesitzers exerziert – das Beispiel gab und gibt weiterhin vielen seiner Kollegen zu denken.

Das Lacan Seminar Zürich

Freud selbst war nicht immer Freudianer, so der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan. «Zurück zu Freud» war das Motto seiner Lehre, die er zu einem Gedankengebäude ausarbeitete, das vor allem in romanischsprachigen Ländern Einfluss geniesst.
Im deutschen Sprachraum wurden Lacans Schriften lange Zeit nur wenig wahrgenommen. Vieles blieb auch nach der Übersetzung eines Teils seiner Arbeiten unver-standen. Um diesen Schwierigkeiten zu begegnen, wurde vor 10 Jahren das Lacan Seminar in Zürich gegründet. In Seminaren und Workshops werden vor allem die Werke aus der Schule Lacans wie auch Freuds gelesen und diskutiert.

Martin Disler – Höhlenbilder für die Gegenwart

Ein vom malträtierten Körper gerissener, blutender Kopf, ein dreibrüstiger weiblicher Torso, eine monumentale Vase, ein Boot, sexualisierte Männchen, ein Skelett, ein Pferd und anderes Getier, ein sinkendes Schiff, eine feuerrote Sonne, ein stürzendes Haus und Gewehre bevölkern in einem albtraumhaften Taumel das vermutlich längste Leinwandgemälde der Schweizer Kunstgeschichte. Die Dispersionsmalerei auf Nessel ist 140 Meter […]

Was heisst denn hier Freiheit?

Eine Antwort aus dem Stegreif von Michael Hagner «Die neue Regierungskunst stellt sich also als Manager der Freiheit dar, und zwar nicht in dem Sinne des Imperativs ‹Sei frei›. Es ist nicht das ‹Sei frei›, was der Liberalismus formuliert, sondern einfach folgendes: ‹Ich werde dir die Möglichkeit zur Freiheit bereitstellen. Ich werde es so einrichten, dass du frei bist, frei zu sein›.»
(Michel Foucault: «Die Geburt der Biopolitik»)

Wohnen am Wasser
Wohnen am Wasser

Ein halbes Leben sitze ich in meiner Kartause überm Strom, sehe aufs Wasser, das vorbeizieht, ohne je die Richtung zu ändern. Stets fliesst es von rechts nach links, und sein Strömen zeigt mir hartnäckig die Vergänglichkeit: jeder Wirbel, kaum dass ich ihn sehe, ist schon nicht mehr, jede Welle bereits verebbt. Woher nehme ich also […]

Aktuelle Debatten

Kultur

Schweizer Literatur in Kurzkritik, IV

14 Bücher Schweizer Autoren, gelesen von 14 Rezensenten, meist mit Begeisterung, seltener mit Durchhaltewillen, rezensiert mit Lob und auch mit Tadel. Dies alles in der vierten Folge der Schweizer Literatur in Kurzkritik. Fortsetzung folgt.

Gerald Funk schreibt über Urs Widmer: «Vom Leben, vom Tod und vom Übrigen auch dies und das. Frankfurter Poetikvorlesungen». Zürich: Diogenes, 2007.

Francesco Micieli schreibt über Kurt Aebli: «Ich bin eine Nummer zu klein für mich». Basel: Urs Engeler Editor, 2007.

Sabine Kulenkampff schreibt über André Winter: «Die Hansens». Zürich: Bilger, 2007.

Joachim Feldmann schreibt über Rolf Dobelli: «Wer bin ich? 777 indiskrete Fragen» und «Turbulenzen. 777 bodenlose Gedanken». Zürich: Diogenes, 2007.

Marcus Jensen schreibt über Franz Hohler (Hrsg.): «112 einseitige Geschichten». München: Luchterhand, 2007.

Beat Mazenauer schreibt über Simona Ryser: «Maries Gespenster». Zürich: Limmat Verlag, 2007.

Michael Harde schreibt über Michael Theurillat: «Eistod». Berlin: Claassen, 2007.

Georg Deggerich schreibt über Zsuzsanna Gahse: «Oh, Roman». Wien: Edition Korrespondenzen, 2007.

Gérald Froidevaux schreibt über Annemarie Schwarzenbach: «Lorenz Saladin. Ein Leben für die Berge». Basel: Lenos, 2007.

Stefana Sabin schreibt über Alfredo Häberli: «Design Live». Basel: Birkhäuser, 2007.

Christoph Simon schreibt über Anita Siegfried: «Die Schatten ferner Jahre». Zürich: Dörlemann, 2007.

Pirmin Meier schreibt über Sergio Giovannelli-Blocher: «Va’ Pensiero. Geschichte eines Fremdarbeiters aus Ligurien». Zürich: Edition 8, 2007.

Markus Bundi schreibt über Dieter Zwicky: «Reizkers Entdeckung». Zürich: Bilger 2006.

Michael Braun schreibt über Felix Philipp Ingold: «Tagesform. Gedichte auf Zeit». Graz–Wien: Literaturverlag Droschl, 2007

Flaneur in der Buchstabenwelt

Germanisten sind Arschlöcher – soll er gesagt haben. Nun, womöglich ist diese Behauptung in ihrer apodiktischen Kürze ein bisschen zu allgemein formuliert. Vielleicht hätte ihr eine kleine Einschränkung wie «manche» oder «die meisten» gut getan. Und ein bisschen gemein ist sie auch. Aber sei’s drum. Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht. Heisst es […]

Die Tapete ist abgereist

Mit dem einladend gestalteten neuen Gedichtband von Kurt Aebli hätte ich gerne eine Reise nach Klagenfurt gemacht. Das anthrazitfarbene Buch hätte gut in meine Hand gepasst, und ich hätte es so gehalten, dass der Satz auf der Rückseite sichtbar gewesen wäre: «Die Tapete ist abgereist ich bin noch da». Den Titel des Buches «Ich bin […]

Groschenroman in Überlänge

Lebenslange Lesegewohnheiten dringend ablegen! Das ist meine persönliche Lesefrucht aus André Winters grossangekündigtem Familien- und Jahrhundertroman «Die Hansens», der im August – durchaus ansprechend ausgestattet – im Bilgerverlag erschienen ist. Zunächst beginnt alles ganz gut; das Innenleben eines fiebernden Kindes ist die Anfangssichtweise, die durchaus mitreisst. In den Blicken des Jungen durch das Fenster nach […]

Mindestens 777 mal zuviel

Vor sechs Jahren, so ist der Damenzeitschrift «Amica» zu entnehmen, bemächtigte sich die Langeweile des erfolgreichen Managers Rolf Dobelli. Also begann er zu schreiben und hat seitdem nicht mehr aufgehört. Nach drei Romanen liegen nun zwei Bände mit jeweils 777, mehr oder weniger einleuchtenden, Gedankensplittern vor. «Wer bin ich?» – so der Titel der ersten […]

113 Hits, Füller und Nieten

Das Vorwort zu diesem Band ist kurz, frech, ehrlich und überflüssig. Hier folgt der komplette Wortlaut: «Ich habe 112 Geschichten gesammelt, die nicht länger als eine Druckseite sind, und lege sie Ihnen hiermit unter dem Titel ‹Einseitige Geschichten› zur Lektüre vor. Zürich, Februar 2007, Franz Hohler». Wenn dem Herausgeber selbst zu all den Miniaturen nichts […]

Einkaufen, Wolf anrufen

Marie streift unstet durchs Unterholz der Grossstadt und kann nicht ruhen. Doch im Unterschied zu ihrer Namensverwandten bei Georg Büchner, die es nicht länger aushält, kommt sie mit dem Leben durchaus zurecht, auch wenn sie dafür eine Unzahl täglich neu erstellter Listen und Aufzählungen benötigt. Kaffee kaufen steht zuoberst, und Wolf anrufen. Wolf, ihr Freund, […]

Parole Emil

Eschenbach dreht wieder seine Runden. Rechts und links und in der Limmat ist der bissige Züricher Kommissar aus der Feder Michael Theurillats unterwegs. In seinem zweiten Fall läuft er durch das winterliche Zürich, isst zwischendurch viel und fettig und nimmt – zwischen Weihnacht und Neujahr – zehn Kilo ab. Aber darum geht es nicht. Er […]

Lange, bernsteinfarbene Beine…

Es ist beileibe nicht einfach, Zsuzsanna Gahses neuen Roman literarisch einzuordnen. Das Buch ist ebenso Kranken- wie Liebesgeschichte, ein Lehrstück über die Macht der Erinnerung und nicht zuletzt eine Reflexion über das Erzählen selbst. Doch der Reihe nach. Alles beginnt mit einer ganz alltäglichen Begebenheit. Die Ich-Erzählerin, eine Frau um die fünfzig, besucht einen befreundeten […]

Lorenz Saladin, neu aufgelegt

Lorenz Saladin, neu aufgelegt In jeder Biographie steckt ein mehr oder weniger offenes autobiographisches Interesse. Weshalb sich Annemarie Schwarzenbach (1908 – 1942) so intensiv mit dem Alpinisten Lorenz Saladin beschäftigte ­– heute würde er als ein Extrem-Bergsteiger gelten ­– ist offensichtlich: auch sie gehörte zu den Menschen, für die das wahre Leben nur anderswo sein […]

Sofa, Schublade, Teller, neu designt

Das schweizerische Design hat ein besonderes Renommee, das nicht zuletzt von der Zürcher Hochschule für Gestaltung ausgeht, die inzwischen in der Zürcher Hochschule der Künste aufgegangen ist. Zu ihren Absolventen gehört auch der Designer Alfredo Häberli: 1964 in Buenos Aires geboren, 1977 mit der Familie in die Schweiz gekommen, hatte er zuerst eine Lehre als […]

Ada Lovelace, neu vorgestellt

In ihrem dritten Roman nähert sich Anita Siegfried dem Leben der britischen Mathematikerin Ada Lovelace, die mit ihren Liebesaffären, ihrer Spiel- und Drogensucht ihre Zeitgenossen provozierte. Ada wurde 1815 als einzige legitime Tochter Lord Byrons geboren, den sie nie kennenlernen sollte. Zu ihrer Geburt war der Dichter ausser Haus, «er vergnügt sich im Drury-Lane-Theater mit […]

Betrachtungen eines Gastarbeiters

Mit «Va’ Pensiero. Geschichte eines Fremdarbeiters aus Ligurien» legt Sergio Giovannelli ein Dokument vor, das über seinen Wert als autobiographische Studie hinaus repräsentativ wird für eine nunmehr bereits historisierte Phase der neueren Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Schweiz. Es handelt sich um jene von der Hochkonjunktur geprägte Phase der Migration in der Mitte des letzten Jahrhunderts, […]

Tricky und vor allem zwicky

Nach «Der Schwan, die Ratte in mir» (2002) legt Dieter Zwicky unter dem Titel «Reizkers Entdeckung» einen weiteren Band mit Prosatexten vor: klassische Erzählungen, Parabeln, Allegorien, Reflexionen und Beobachtungen im weitesten Sinn. Vieles dreht sich in seinen Texten um Sprache, sei dies experimentell oder philosophisch; wenn dieser Autor will, dann erstreckt sich ein einziger Satz […]

Der Dazwischer

Es darf als programmatische Pointe gelten, dass der Umschlag des neuen Gedichtbandes von Felix Philipp Ingold eine berühmte mathematische Figur zeigt: das Möbiusband. Diese seltsam verschlungene Figur hat – obwohl dreidimensional strukturiert – keine Rückseite. Ein poetologischer Glücksfall für einen durch und durch sprachreflektierten Autor wie Ingold. Denn die Poesie, wie er sie anstrebt, verwirklicht […]