Adieu, Amateure?

Das Schweizer Milizsystem lebt in politischen Sonntagsreden, in freier Wildbahn aber werden immer mehr Freiwillige von Profis ersetzt. Das Durchschnittsalter der verbleibenden Milizionäre steigt rasant, der Sonderfall Schweiz wird zum Normalfall. Was man dagegen tun kann.

Adieu, Amateure?
Die teils gefährliche Wartung der Walliser Suonen, die das wertvolle Wasser aus den Bergen ins Tal brachten, war ein «Gmeiwärch» aller Besitzer – und das waren fast alle Bewohner eines Dorfes. Bild: Bisse de Savièse (1930 bis 1935), fotografiert von Charles Paris / Médiathèque Valais, Martigny.

Der Vogel des Jahres 2019 ist der Kiebitz. Wurde sein Bestand in der Schweiz 1975 noch auf mindestens 1000 Paare geschätzt, erreichte seine Population 2005 mit 83 Paaren seinen Tiefstand. Dank beschlossener Massnahmen zu seinem Schutz erholte er sich seither immerhin etwas.1 2019 ist auch das Jahr der Milizarbeit, und es wirkt beinahe so, als müsse man sie ebenfalls als gefährdet einstufen. Dabei ist die Bürgerbeteiligung im Staat etwas Wunderbares: Der Staatsapparat bleibt so angenehm schlank, nah beim Bürger, seiner Kultur und seiner Wirtschaft. Das Milizsystem verstärkt quasi nebenbei auch das Verständnis für die Probleme des Staates, und seine Bürger werden darin sogar angehalten, sie in Eigenregie zu lösen. Und indem der Bürger gesellschaftliche Probleme löst, lebt er das Staatswesen und hat es nicht nötig, dasselbe als politischen Fremdkörper zu verunglimpfen. Denn: Wäre dem so, fiele es in seine eigene Verantwortung.

Neben der direkten Demokratie, dem Föderalismus und der Konkordanz gehört das Milizsystem (und auch die Freiwilligenarbeit) für viele zur unverzichtbaren DNA des Schweizer Sonderfalls der Beteiligungsdemokratie.2 Das politische Milizsystem der Schweiz umfasst zwar von Gemeinde- bis Bundesebene um die 150 000 Mitglieder3, darin immer stärker vertreten sind aber Rentner und Rentnerinnen, die Begeisterung von Jüngeren ist nur punktuell auszumachen. Man kommt also nicht umhin festzustellen, dass das in der Welt einzigartige Milizsystem nach Schweizer Art in einer Krise steckt, und die Freiwilligenarbeit dazu. Das hat verschiedene Gründe, die zu betrachten sich lohnt. Einigen von ihnen kann man – wie beim Kiebitz – mit konkreten Massnahmen begegnen.

1. Fehlende oder wenig attraktive Anreize

Die bisherigen Anreize, sich freiwillig zu engagieren, verschwinden nach und nach. Wie motiviert man Leute heute?

Ist das Angebot, auf einem Bauernhof mitzuhelfen, für junge Menschen heute noch attraktiv? Die Antwort ist: Kommt darauf an, wie das Mistschaufeln und Einzäunen verkauft wird. Steht der Hof in einem Land, das junge Menschen gerade bereisen, verhält es sich anders, als wenn jemand zum «Landdienst» im Inland verpflichtet wird. Ein Blick auf die Website Workaway.info, die Reisenden Kost und Logis gegen Arbeit anbietet, zeigt bei vielen der über 200 Workaway-Angebote aus der Schweiz überschwengliche Bewertungen: «Staying with Fritz and Theres was truly one of the best experiences in my life», schreibt etwa Lars, 31, aus Florida über seinen Arbeitsaufenthalt auf dem Bauernhof der Abbühls in Gimmelwald im Berner Oberland. Jean-Luc, Rodrigo, Thomás und Juan, die ebenfalls dort lebten und arbeiteten, ergänzen: «What a magical month», «One of the most beautiful experiences of life», «One of the most incredible experiences of my life», «The best place I have been in my year abroad in Europe».4 Wer Zweifel hegt, ob freiwillige Arbeit heute noch etwas sein könnte für junge Menschen, muss nur einige dieser Bewertungen durchlesen, um von ihnen erlöst zu werden.

Bei Tätigkeiten im Dienst der Gesellschaft kommt es also darauf an, wie man sie verkauft. Um ein völlig willkürlich ausgewähltes Beispiel herauszupicken: Das Wohn- und Pflegehaus Wienerberg in St. Gallen sucht auf Benevol-jobs.ch freiwillige Helfer, die Bewohner begleiten und sich sozial mit ihnen abgeben. Als Anreiz dafür gibt es gemäss Inserat «Wertschätzung und Anerkennung für Ihre Arbeit», eine Einsatzvereinbarung mit Rahmenbedingungen – auch der Sozialstundenausweis sei selbstverständlich. Ob sich da viele Studenten melden, etwa von der HSG, die direkt nebenan residiert? Wohl kaum. Auf der Plattform sind aktuell fast 1000 Inserate für «regelmässige Einsätze» zu finden. Um das Überangebot zu reduzieren, sollte man über eine Veränderung von Anreizen nachdenken.

Was führt denn im Milizwesen zu Resultaten? Ein Amtszwang oder ein Rücktrittsverbot während der Amtsperiode können zwar Resultate liefern, auf mittlere Frist aber sind sie wohl eher kontraproduktiv.…

Adieu, Amateure?
Die teils gefährliche Wartung der Walliser Suonen, die das wertvolle Wasser aus den Bergen ins Tal brachten, war ein «Gmeiwärch» aller Besitzer – und das waren fast alle Bewohner eines Dorfes. Bild: Bisse de Savièse (1930 bis 1935), fotografiert von Charles Paris / Médiathèque Valais, Martigny.
Adieu, Amateure?

Das Schweizer Milizsystem lebt in politischen Sonntagsreden, in freier Wildbahn aber werden immer mehr Freiwillige von Profis ersetzt. Das Durchschnittsalter der verbleibenden Milizionäre steigt rasant, der Sonderfall Schweiz wird zum Normalfall. Was man dagegen tun kann.

Selbst ist der Mensch
Der freiwillige Helfer Thu Saw Oo fährt den Krankenwagen der Marga Society in Myanmar, fotografiert von Eva Hirschi.
Selbst ist der Mensch

In Ländern mit wenig ausgebauten staatlichen Strukturen blüht der freiwillige Einsatz im Dienst der Gesellschaft: ein Besuch vor Ort beim Notfalldienst in Myanmar, bei den Section Chiefs in Sierra Leone und bei der Vermisstensuche in Weissrussland.

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Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
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