Schweizerische Eigenart und europäische Integration
gerhardwinterberger.ch

Schweizerische Eigenart und europäische Integration


Die Schweiz besteht, weil es ihr trotz aller trennenden Unterschiede gelungen ist, die im flachen Land mit den an den Hängen lebenden Menschen im gleichen staatlichen Willen zu vereinen und so das ganze zum Mittellandgehörende Gebiet vom obersten Grat der Alpen bis auf die Höhen des Jura derart zusammenzuschließen, daß jedes Bundesglied als gleichberechtigter Teil eines größeren Ganzen und doch für sich nach seinen eigenen Bedürfnissen sich entfalten konnte.                                           

Hermann Weilenmann

Die konsequente und sichere Haltung der schweizerischen Behörden und der Wirtschaft in der Integrationspolitik hat ihre Wurzeln in der Eigenart unseres Landes und der geistigen Einstellung seiner Bevölkerung. Nur wer die schweizerische Eigenart in ihrer rationalen und irrationalen Breite und Tiefe erfaßt, wird den schweizerischen Standpunkt in der Integrationsfrage richtig verstehen. Er wird zur Überzeugung gelangen, daß die Schweiz in historischer, politischer, kultureller und wirtschaftlicher Hinsicht eine Welt für sich ist. In zutreffenden, knappen Worten hat der eingangs zitierte Hermann Weilenmann die Schweiz, diesen Bund zahlreicher Bünde, diese Genossenschaft von Gemeinden, diese Nation eines aus eigenem Willen geeinigten Volkes in seinem hervorragenden Werk «Die Schweiz und ihre Demokratie» wie folgt umschrieben:

«Es gibt kaum ein Land, das auf kleinem Raum so vielgestaltig ist wie die Schweiz, kaum ein uneinheitlicheres Volk als die Schweizer, kaum einen Staat, der weniger Macht und Kompetenzen besessen hat als die Eidgenossenschaft. Weder natürliche oder historische Grenzen noch die Sprache oder irgend eine andere objektiv nachweisbare nationale Eigenschaft, auch nicht die Autorität einer Dynastie oder zentralen Regierung haben diese Menschen zum Volk, diese Täler und Städte zum gemeinsamen Vaterland, diese ganz verschiedenartigen Gemeinden zu einem Staat zusammengefügt. Trotzdem können wir es wagen, die Schweiz am höchsten und vollkommensten Begriff der Nation zu messen, der verlangt, daß die Vereinigung zum Volk auf Freiheit und Gleichheit beruht, und daß Volk und Staat eins sind.»

In der Schweiz hat eine gemeinsame politische Überlieferung und Überzeugung verschiedene Sprachen, Kulturen und Konfessionen dermaßen zusammengefügt, daß sie schwersten äußern und innern Belastungen standhielt.

Historische Reflektionen

Die Natur, der karge Boden und vor allem die großen Nachbarn rings herum haben es der Eidgenossenschaft durch all die Jahrhunderte nie leicht gemacht. Sie stellen jedoch die eigentlichen Voraussetzungen dar, daß die schweizerische Nation sich bilden konnte. Die Schweiz ist entstanden im Kampf gegen die Mächte des Tieflandes, in der Abwehr und Niederwerfung des Adels und der Feudalmönche. Bereits im 13. Jahrhundert traten die zu Talgemeinden zusammengeschlossenen reichsfreien Bewohner des Haslitals, von Uri, Schwyz und Nidwalden sowie einzelner Städte als Träger eigenen Rechtes und eigener Verantwortung auf. Ähnliche Rechtsverhältnisse, wie die Selbstverwaltung der Gemeinde, bildeten sich schon früher, zum Teil zur selben Zeit und anschließend in den Walserkolonien Graubündens, den tessinischen Kommunen, ferner im Oberwallis, im Berner Oberland (Saanen), in der Grafschaft Greyerz, in Glarus, im Appenzellerland und in einigen rätoromanischen Gemeinden Bündens heraus.

Im spätern Mittelalter und gegen die Neuzeit hin erfolgte die Entwicklung der Städte und ihrer Landschaften weniger in freiheitlicherer Richtung als in den Alpengemeinden der Urschweiz, des Wallis und Graubündens. Ständische Herrschaftsrechte setzten sich in den Städten und den ihnen gehörenden ländlichen Gebieten immer mehr durch. Die Geschichte der Schweiz wurde jahrhundertelang einerseits durch das Zusammenwirken und anderseits durch den Gegensatz zwischen alpiner und städtischer Politik bestimmt. Weder die Bergbauerngemeinden allein noch die Städte allein hätten die Eidgenossenschaft durch die Fährnisse der Zeit erhalten können. Nur der bündischen und föderativen Zusammenfassung beider Gruppen ist es zu verdanken, daß die Schweiz Bestand hatte. Jede Gemeinde, jedes Tal hat eine eigene Geschichte, aus welcher sich das Lokal- und Geschichtsbewußtsein der Bewohner nährt. Heroisch — wie seine Landschaft — ist die Geschichte des Oberwallis. Nicht nur sind…

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»