Nacht des Monats mit Roland Wagner

Nacht des Monats mit Roland Wagner

Hand aufs Herz: Gibt es ein besseres Motiv für den Besuch eines Stripetablissements im Zürcher Niederdorf als die Suche nach den monetären Hinterlassenschaften eines in jeder Hinsicht potenten Onkels, der vor 25 Jahren beim Sexspiel zu Tode stranguliert wurde? Die beiden leicht bekleideten, verlegen lächelnden Damen, die sich soeben neben Roland Wagner und mich aufs rote Leder setzten, staunen jedenfalls nicht schlecht, als er die hollywoodeske Geschichte seines Onkels auftischt. Tagsüber residierte Arthur Bezzola in feinster Zürcher Gesellschaft, speiste mit Staats- und Geschäftsmännern aus der ganzen Welt und investierte in renditeträchtige OPEC-Unternehmungen, aber auch in die Novo-Park-Hotelgruppe. Bis zu dem Tag jedenfalls, an dem er – nackt im Bett, mit einem Strick um den Hals und tot – von der Polizei gefunden wurde. Er, Wagner, sei nun hier, um die Geschichte seines Onkels und dessen Ablebens zu rekonstruieren, das in diesem Club am Abend des 19. Dezembers 1985 seinen Ausgang nahm. Und die Geschichte der 20 Millionen Franken, die sein Onkel zuvor bei einer liechtensteinischen Bank deponierte, versteht sich. Sie sind der publikumswirksame Aufhänger für das Mitmach-Rechercheprojekt des Harvard-Absolventen, ehemaligen IBM-Managers, streitbaren Gesamtkunstwerkers und zu allem Überfluss auch Wahlkampfberaters einer grossen nationalen Partei namens Roland Wagner. Seit zwei Jahren bestellt er Aktenkopien beim Obergericht, interviewt zwielichtige Zeitgenossen seines Onkels, gründet aber auch Facebookgruppen für jene, die ihm bei der Recherche helfen wollen. Er gibt sich als Mitglied der High Society in und um Zürcher Grandhotels und lädt wildfremde Mädchen zu teuren Bootstouren ein. Oder besucht auf meine Kosten Stripclubs in der Zürcher Innenstadt. Einerseits gehe es ihm um die Recherche, sagt er, andererseits um die Figuration. Sein Ziel: dem Leben und der Zeit seines Onkels so nahe wie möglich kommen, um sie in seinem Medienkunstprojekt in Szene zu setzen.

Wagner erläutert der dunkelblonden Natalia zu seiner Rechten, dass es augenscheinlich zu Onkel Arthur, Arturo, Turi Bezzolas Alltag gehörte, sich im Zürcher Niederdorf von sämtlichen sittlichen Fesseln zu befreien. Und zwar, indem er sich spätnachts deren andere, unsittliche nämlich, anlegen und sich lustvoll misshandeln liess. Bis er es einmal zu weit trieb. Natalia und Carolina schauen einander über den Champagnerkübel hinweg fragend an. Wagner nippt seelenruhig an seinem 40-CHF-Schlückchen Tullamore Dew mit Eis. «Die 80er. Gute Mädchen, anständige Kunden: annehmbare Gepflogenheiten, beste Trinkgelder», sagt Natalia. «Die Zeit der Träume.» Heute sei es eher die Zeit der Tränen: Mädchen, die – wie sie – im Ausland von Agenturen angelockt würden, kein Wort Deutsch sprächen, geschweige denn die Chance hätten, sich ihr Studium auf alternativem Wege zu finanzieren, treffen gut und teuer abgefüllte Männer in schlechtsitzenden Anzügen, die von lokalen Unternehmen im Anschluss an gut verlaufene Geschäftstermine hereingekarrt werden. Die guten Zeiten seien vorbei, schliesst sie. Was sie uns mit vorsichtigem Blick auf die klischeehaft strenge Bardame flüsternd erzählt, ist ein offenes Geheimnis: um 23.45 Uhr sind wir noch immer die einzigen Gäste. In einer Ecke blubbern Wassersäulen, die ihren ästhetischen Mehrwert bereits in den frühen 90ern eingebüsst haben, zwei Bilder an der Wand erinnern mit ihren Blink- und Wasserfalleffekten eher an ein Chinarestaurant im Ruhrgebiet als an Zürcher Nacktnoblesse. Musikalisch untermalt wird die Szenerie durch ohrenbetäubend laute Remixe von Eurodanceklassikern. Acryl statt Samt: Lust und Leid sind an Ort und Stelle und im Jahr 2011 weit davon entfernt, ein ganzheitliches Aphrodisiakum zu bilden.

Das war einmal anders, lacht Wagner – und referiert über blonde Frauen mit wallendem Haar und weissen Federboas. Und die Kunden: Männer wie sein Onkel, die gut und gern auch einmal fünfstellige Beträge im samtigen Halbdunkel liessen. Wagner stockt, schaut mich fragend an. Carolina und Natalia goutieren die nun folgende…

«Jeden Monat frische Denküberraschungen! Eine gehaltvolle und elegant gestaltete Zeitschrift.»
Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
über den «Schweizer Monat»