Medienliebling Berset
Clara Goebel, zvg.

Medienliebling Berset

Eine Analyse zeigt grosse Unterschiede in der Berichterstattung über die Akteure der Coronapandemie. Bei einigen Medienhäusern scheinen Transparenz und Vielfalt zu kurz gekommen zu sein.

Clara Goebels Studie finden Sie hier.

Die Coronakrise bescherte den Schweizer Medien wie kein anderes Thema steigende Klick-, Leser- und Abozahlen. Gleichzeitig zeigt eine Studie der SRG1, dass das Vertrauen in die Medien seit Beginn der Pandemie stetig abgenommen hat. Die Krise der vergangenen zwei Jahre war somit nicht nur eine Goldgrube, sondern hat die Medien auch Kritik ausgesetzt. Einerseits wurde der Umfang der Coronaberichterstattung beklagt: So stieg gemäss der Studie der Anteil an Befragten, welche die Dauerberichterstattung zu Corona als übertrieben empfanden, von 40 Prozent im Juni 2020 auf 48 Prozent im Oktober 2021. Andererseits wurde die Berichterstattung inhaltlich kritisiert: Während im Juni 2020 noch 26 Prozent der Befragten angaben, die Medien würden sachlich einordnen, waren es im Oktober 2021 lediglich noch 20 Prozent.

Besonders der inhaltliche Vorwurf wiegt schwer. In meiner Masterarbeit am University College London habe ich geprüft, ob sich die anekdotischen Vermutungen von Unsachlichkeit systematisch bestätigen lassen. Eine Möglichkeit, sich dem Vorwurf der Unsachlichkeit zu nähern, besteht darin, den Anteil an negativ gefärbten Nennungen in den Schweizer Medien gegenüber den zentralen Akteuren und Instanzen der Pandemie zu untersuchen, beispielsweise gegenüber Alain Berset oder dem BAG. Um darüber Aufschluss zu erhalten, führte ich in der Schweizer Mediendatenbank eine computerbasierte Sentiments­analyse von 42 000 Zeitungsartikeln durch, die zwischen Januar 2020 und April 2022 publiziert wurden. Bei einer Sentimentsanalyse handelt es sich um eine automatisierte Bewertung der emotionalen Färbung einer Textstruktur, das heisst es wird ermittelt, ob die Stimmungslage des Texts negativ, neutral oder positiv ausfällt. Diese Bewertung kann zum einen anhand von regelbasierten Algorithmen erfolgen, beispielsweise anhand eines Sentiments­lexikons, das Wörter und ihre jeweilige Konnotation beinhaltet. Zum anderen können Machine-Learning-Algorithmen angewendet werden, die anhand eines kleinen Samples an manuell klassifizierten Äusserungen «lernen» und dadurch das Sentiment auch für weitere Äusserungen vorhersagen können. In meiner Analyse habe ich verschiedene Ansätze in einer sogenannten Ensemblemethodik kombiniert. Da positive Äusserungen in der Corona­berichterstattung sehr selten auftraten und so die Algorithmen nicht genügend Datenmaterial zum «Lernen» erhielten, fiel die Erfolgsrate bei der Identifizierung von positiven Äusserungen unterdurchschnittlich aus. Deswegen wurde die Analyse nachfolgend auf eine Unterscheidung von negativen gegenüber neutralen (unter Umständen auch positiven) Äusserungen eingeschränkt.

Nur wenig Kritik an Schlüsselfiguren

Gemäss dieser Analyse übten die Schweizer Medien nur selten Kritik an den Schlüsselfiguren der Pandemie: Weniger als 10 Prozent der Äusserungen weisen im Durchschnitt eine explizit negative Färbung auf. Dass die Berichterstattung überwiegend neutral ausfällt, mag auf den ersten Blick als Sachlichkeit ausgelegt werden. Dieser Schluss wäre ­jedoch verkürzt. Sachlichkeit muss höheren Ansprüchen genügen, als lediglich eine unparteiische Haltung einzunehmen. Sie erfordert eine Haltung, die der Sache entspricht. Dies darf und soll auch wertende Inhalte einschliessen, sofern diese argumentativ gestützt und faktisch belegt sind.

Ein möglicher Treiber der als mangelhaft wahrgenommenen Sachlichkeit der Schweizer Medien lässt sich an Alain Berset und Ueli Maurer als Symbolfiguren des Konflikts zwischen strengen Massnahmen und Eigenverantwortung in der Pandemiebewältigung veranschaulichen. Während Äusserungen zu Maurer in 10 Prozent der Fälle negativ ausfielen, waren es bei Berset lediglich 7 Prozent. Berset wurde vor allem wegen seiner Gratwanderung zwischen Zero-Covid-Politik und Durchseuchung kritisiert: Während ihn die einen als Diktator beschimpften, wurde er von anderen als passiv-reaktiver Entscheidungsträger abgestempelt. Pannen des BAG, darunter die fehlende Digitalisierung, eine chaotische Datenhandhabung mit mehreren Falschmeldungen und verwirrende Aussagen zum Nutzen der Maske, die von einer fehlenden strategischen Vorbereitung auf eine Pandemie zeugen, wurden ebenfalls Berset angelastet. Trotzdem scheint die Kritik am Gesundheitsminister abgeperlt zu sein: Nach der Pandemie belegt Berset im Sympathieranking der Bundesräte2 weiterhin den ersten Platz.

Maurer hingegen wurde in erster Linie für seine eigenwillige Haltung im Bundesrat kritisiert, beispielsweise ­wegen seines Unverständnisses für die SwissCovid-App, seiner Ablehnung eines zweiten Lockdowns sowie seines Auftritts im Freiheitstrychler-T-Shirt. Seine Rolle als geschickter Finanzminister, der mit einem unbürokratischen Programm für Notkredite viele Unternehmen über Wasser hielt und Arbeitsplätze sicherte, fand dagegen weniger Beachtung. Maurer hatte wenige Tage nach dem Beginn des ersten Lockdowns ein Kreditprogramm verkündet, durch welches KMU, die aufgrund der Krise Umsatzeinbussen verzeichneten, innert Minuten einen Überbrückungs­kredit aufnehmen konnten. Insgesamt wurden knapp 17 Milliarden Franken vergeben.

Es überrascht, dass Maurer von allen grossen Medienhäusern ausser CH Media in einem negativeren Licht ab­gehandelt wird als sein Kollege Berset – zumal die Schweiz im Europavergleich bei der Pandemiebewältigung in wirtschaftlicher Hinsicht überdurchschnittlich gut abschnitt, in gesundheitlicher Hinsicht jedoch nur mittelmässig. Das Gefälle zwischen der Einordnung von Berset und Maurer ist allerdings je nach Medium unterschiedlich gross. So nehmen besonders die SRG und Ringier eine vergleichsweise unkritische Bewertung von Berset vor: Äusserungen zu seiner Person sind lediglich in 4,6 Prozent beziehungsweise 6,7 Prozent der Fälle negativ gefärbt. Dies ist insbesondere im Kontext der Vorwürfe der Regierungstreue gegenüber Ringier erhellend, die befeuert wurden durch eine an die Öffentlichkeit gelangte Aussage von Ringier-CEO Marc Walder in einer Videokonferenz3 zu Beginn sowie die Anstellung der ehemaligen «Blick»-Redaktorin Gianna Blum als Co-Leiterin von Bersets Kommunikationsabteilung gegen Ende der Pandemie. Die SRG nimmt aufgrund ihres ­Service-public-Auftrags tatsächlich grösstenteils eine informierende statt kommentierende Rolle in der Medienlandschaft ein. So ist ein unterdurchschnittlicher Anteil an kritischen Äusserungen nicht zwingend überraschend. Dennoch tritt auch bei der SRG die Diskrepanz in der Bewertung zwischen Berset und Maurer deutlich hervor.

Die Nähe zu Berset zeigte sich in den wohlwollenden Einschätzungen von SRG und Ringier. Das SRF sprach etwa vom «richtigen Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort». Auch die Schlagzeilen zu Pannen seitens Bersets und des BAG fielen bei diesen Medienhäusern milde aus, selbst wenn es bei anderen Zeitungen Kritik hagelte. So schrieb der «Blick», nachdem Berset die Omikronvariante mit der Grippe verglichen hatte, schlicht: «Für Geimpfte ‹eher wie eine Grippe›.» In «20 Minuten» war hingegen zu lesen: «Berset torpediert die Booster-Kampagne.» Zum zögerlichen Umgang mit Boostern und Omikronmassnahmen titelte der «Blick»: «Darum zahlt sich die Schweizer Langsamkeit aus.» Der «Tages-Anzeiger» forderte demgegenüber: «Berset soll endlich sagen, dass er die Durchseuchung will.»

«Bersets Kritiker werden von Ringier häufig in
einem abwertenden Licht gezeichnet.»

Schliesslich werden Bersets Kritiker von Ringier häufig in einem abwertenden Licht gezeichnet. Kommentare von Maurer wurden etwa im «Blick» als «Lästern», «hämischer Seitenhieb» und «in den Rücken fallen» gegenüber Berset und dem Gesamtbundesrat beschrieben. So ist es nicht verwunderlich, dass sich auch bei Maurer Unterschiede in der Einordnung durch die Medienhäuser offenbaren. Besonders hart mit ihm ins Gericht gingen «20 Minuten» und Ringier, bei denen Maurer auf 12,3 beziehungsweise 11,8 Prozent negative Nennungen kommt. So schrieb der «Blick»: «Maurer sorgt für Stirnrunzeln» oder «Maurer spaltet aktiv das Land». Bei «20 Minuten» war zu lesen: «Maurer fällt dem Bundesrat in den Rücken.» Ein Artikel, in dem ein Beitrag der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» aufgegriffen wurde, stellte sogar einen Vergleich zwischen Maurer und Trump an und resümierte: «[Maurer] gefährdet die Gesundheit im Land.»

Konstruktive Verantwortung

Medien sollten grundsätzlich den Anspruch verfolgen, ihrer Leserschaft als zuverlässige, zeitgerechte und umfassende Informationsquelle zu dienen. Damit stehen Medien nicht bloss in einer deskriptiven, sondern auch in einer konstruktiven Verantwortung: Sie beschreiben nicht bloss die Wirklichkeit und geben die öffentliche Meinung wieder, sondern prägen diese auch massgeblich mit. Dies kann offen­kundig durch polarisierte Meinungsbeiträge oder Schlagzeilen erfolgen, es kann jedoch auch subtiler durch das selektive Präsentieren von Informationen geschehen.

Aus dieser konstruktiven Rolle und der damit einhergehenden Wertegebundenheit von Medien ergibt sich ihre enorme Verantwortung in demokratischen Gesellschaften, gerade in Krisenzeiten: Typischerweise haben Bürger nur ein vages, anekdotisch belegtes Verständnis der politischen Orientierung der Medien. Wenn sich uninformierte Bürger bei der Entscheidungsfindung auf solche Medien stützen, kann dies demokratische Prozesse substantiell ­beeinträchtigen.

Es ist für Medien eine nichttriviale Herausforderung, dieser Verantwortung gerecht zu werden. In der Pandemie galt dies erst recht angesichts der Ungewissheit über das Wesen des Virus, der sich rasant wandelnden Bedingungen und der überwältigenden Flut an Informationen auf verschiedenen Kanälen. Journalisten sollten solchen komplexen Sachverhalten, deren nuancierte Einschätzung schwerfällt, auf zwei Weisen begegnen: Zum einen gilt es transparent zu kennzeichnen, inwiefern es sich bei de­r Berichterstattung um eine standpunktgebundene Wahr­nehmung handelt, und offenzulegen, welche Daten und Prozesse hinter einem Artikel stehen. Zum anderen gilt es, den Blickwinkel nicht auf eine solche Wahrnehmung zu verengen, sondern eine Vielfalt an belastbaren Meinungen gleichberechtigt zu Wort kommen zu lassen, um den Leser bei der Meinungsbildung zu unterstützen.

«Maurers Rolle als geschickter Finanzminister, der mit einem
unbürokratischen Programm für Notkredite viele Unternehmen über
Wasser hielt und Arbeitsplätze sicherte, fand weniger Beachtung.»

Brachte das Coronavirus nicht bloss eine Gesundheits- und Wirtschaftskrise, sondern auch eine Medienkrise? Diese Frage kann nicht allein anhand der Sentiments­analyse beantwortet werden. Die Qualität der Berichterstattung im Kontext der Coronapandemie bemisst sich nicht allein anhand des Kritikniveaus gegenüber der Politik. Auch andere Dimensionen sind relevant, darunter der Faktengehalt dieser Kritik, aber auch die Bandbreite an behandelten Themen, die Diversität der zu Rate gezogenen Experten und die qualitative Einordnung von Statistiken. Dennoch können das Gefälle im Kritikniveau von Berset und Maurer bei SRG und Ringier sowie die Tatsache, dass sie den Vorwurf der Hofberichterstattung kategorisch ablehnen, als ein starkes Indiz dafür gewertet werden, dass Transparenz und Vielfalt in der Coronaberichterstattung bei gewissen Medienhäusern zu kurz gekommen sind.

«Abwechslungsreich,
neugierig und unberechenbar.»
Oliver Zimmer, Historiker,
über den «Schweizer Monat»