Der Stoff, aus dem das Neue ist

Der Innovationsbegriff ist am Ende. Zeit für einen besseren!

Der Stoff, aus dem das Neue ist
Leben wie ein Fabrikarbeiter: auch heute noch organisieren sich viele Menschen im Kollektiv und halten sich an Routinen und Normen aus Zeiten der Industriegesellschaft. Was aber die digitale Wissensgesellschaft statt geballter Arbeitskraft braucht, ist Einfallsreichtum. Bild: Montageraum für Rundfunkempfänger, ETH-Bibliothek Zürich, Unbekannt / Ans_05433-038-AL-FL / Public Domain Mark.

Wer heute nicht innovativ ist, dem geht es schlecht – so schlecht, dass man sich fragen muss, ob ihm überhaupt noch zu helfen ist. In Zeiten, in denen viele Manager und Politiker, Medienleute und Soziologen vor lauter «Digitalisierung» und damit zusammenhängender, herausposaunter «Innovation» kaum noch laufen können, stellt niemand mehr die eigentlich wichtige Frage: Reden diese Leute tatsächlich von Innovation? Also von Erneuerung?

Nein, sie beschwören viel eher die herrschenden Verhältnisse. Vieles von dem, was als Neues verkauft wird, ist genau besehen ein alter Hut, eine Mischung aus Kopie, Rekombination und viel Marketing. Diese Entwicklung liegt an der Kontinuität einer überkommenen Kultur, alter Denkmuster und Routinen, schlechter Angewohnheiten im Umgang mit Neuem und Überraschendem. Der Blick ist nach innen gerichtet. In Unternehmen und Politik, Peer Groups und Familien bestimmt die Innensicht nahezu alles: es riecht muffig, man hört nichts, und ausserdem ist der Ausblick miserabel. Innovation entsteht nicht in Powerpoint-Präsentationen, in Seminaren, in langweiligen Meetings und anderen Absurditäten der Angestelltengesellschaft, sondern dort, wo Menschen unternehmerisch tätig sind – ganz gleich, ob innerhalb einer Organisation oder ausserhalb. Unternehmer in diesem Sinne sind nicht Menschen, die einen Gewerbeschein für ihre Tätigkeit benötigen, sondern Selbstdenker, Selbstermächtiger, Ermöglicher.

Wenn wir wieder lernen, was Innovation tatsächlich ist, kann, leistet, wozu wir sie brauchen, woher sie kommt und was sie für uns bedeutet, können wir die Weichen für die Zukunft nach ihr stellen. Denn: echte Innovation ist nichts anderes als die harte Währung der Wissensgesellschaft – und wenn alle «innovativ» sind, haben wir es entweder mit einer Begriffsverirrung oder einer dramatischen Inflation zu tun. Oder mit beidem. Schauen wir also näher hin.

Was ist Innovation?

Die Fähigkeit, die Welt, so wie sie ist, zu verbessern und vieles in ihr «neu zu erfinden», ist eine zentrale kulturelle Leistung, vielleicht die wichtigste von allen. Echte Innovation als empirischer Ausdruck dieser Fähigkeit ist der Beweis, dass die Zukunft existiert, dass es einen Fortschritt gibt, eine Perspektive. Innovationen sind damit Kinder der Moderne, Kinder der menschlichen Emanzipation von einem schicksalhaften Glauben an höhere Mächte. Mit der Innovation, die oft gleichbedeutend mit einer Erleichterung des Alltages und einem Mehr an Möglichkeiten einhergeht, erobern wir uns Stück für Stück das Paradies zurück, aus dem wir einst vertrieben wurden – weil Adam und Eva eine selbständige Entscheidung trafen. Seither wissen wir uns zu helfen. Innovation und der hinter ihr steckende unruhige Geist der Veränderung kämpft sich gegen das Schicksal nach vorne, zum Licht hin. Diese Erleuchtung, so der Sinn des englischen Wortes für Aufklärung, «Enlightenment», lässt uns besser sehen, wohin wir wollen könnten. Sie ermöglicht mehr Durchblick. Dadurch lässt sich echte Innovation von vermeintlicher unterscheiden.

Die Wissensgesellschaft und ihre Feinde

Aber – und hier beginnen die Probleme mit der zeitgeistigen Verwendung des Begriffs: Das Neue ist eben neu, unbekannt, es bedarf ernsthafter Beobachtung – und dazu ist der Aktionismus des aktuell auslaufenden Industriezeitalters eine denkbar schlechte Sehhilfe. Wir sind in der Situation, die John Maynard Keynes als das Grundproblem aller Erneuerung bereits 1936 in seiner «Allgemeinen Theorie» erkannte: «Die Schwierigkeit liegt nicht so sehr in den neuen Gedanken als in der Befreiung von den alten.» Und diese alten Gedanken bestehen in Wirtschaft und Politik, in Kultur und Gesellschaft weiterhin aus Masse, Normen und Routinen, also Grössen, die die Industriegesellschaft geprägt haben – und von ihr geprägt wurden. Die meisten Menschen benehmen sich immer noch wie die Belegschaft einer Fabrik aus der Gründerzeit: alle fahren morgens zur gleichen Zeit zur Arbeit und spätnachmittags wieder zurück. Man organisiert sich, definiert sich in der Menge, im Schwarm, im Kollektiv, in der Regel, der Routine, dem Bekannten, das man für das Verlässliche hält.

Der Schein trügt…