Zünftig reden

Zürcher Zünfte beruhen auf Leistung, Tradition und Freundschaft. Gäbe es sie nicht seit bald 700 Jahren, man müsste sie erfinden. Eine Innensicht auf einen der letzten männlichen Rückzugsräume.

Zünftig reden
Thomas Sprecher, zvg.

Eine Vorbemerkung. Zünfte sind nicht gleich Zünfte. Wo immer das Zunftwesen bis zur Gegenwart bei Leben und Kräften geblieben ist, tat es dies auf je eigene Weise. Hier wird von den Zünften Zürichs gesprochen.

Die Zünfte, die mit der Brun’schen Zunftverfassung am 16. Juli 1336 zugelassen wurden, blickten von den Berufen her auf die Bevölkerung. Als «Beruf» galt jene Tätigkeit, die in einer arbeitsteiligen Wirtschaftsordnung von den Menschen erlernt und ausgeübt wurde. Grundsätzlich jedermann wurde in diesem planwirtschaftlich-kartellistischen System einem Beruf zugerechnet und als Berufsmann einer Zunft. Zur Zunft zur Schiffleuten zum Beispiel gehörten die Fischer, die Schiffer, die Karrer (Fuhrleute), die Seiler und die Tregeln (Träger, Dienstmänner und Boten). Über Jahrhunderte hinweg bildeten die Zünfte ein umfassendes, fast alle Bereiche berührendes oder gar bestimmendes Gesellschaftssystem; neben ihren wirtschaftlichen Funktionen griffen sie auch ins politische, militärische, religiöse, rechtliche und soziale Leben ein.

Mit der Invasion der Franzosen und den staatsrechtlichen Umwälzungen der Helvetik kam diese Ordnung 1798 an ihr Ende – und doch nicht ganz. Denn im 19. Jahrhundert etablierten sich die Zünfte als zivilrechtliche Vereine, welche keine politischen, sehr wohl aber weiterhin gesellschaftliche Funktionen ausübten. Mehr noch: neben die historischen Zünfte traten seit 1867, meistens im Zusammenhang mit Eingemeindungen, neue Zünfte, so dass heute neben zwölf historischen auch vierzehn Zünfte der neueren Linie anzutreffen sind.1 Es gibt daher eine zweifache «Hackordnung»: Erstens neigen die historischen Zünfte, durch ihr Alter gesalbt, dazu, gönnerhaft auf den Nachwuchs aus den Quartieren hinabzusehen. Und innerhalb der historischen Zünfte halten sich manche von ihnen für umso feiner, je weiter oben sie in der Brun’schen Liste rangieren.

Die angestammten Berufe werden in den historischen Zünften heute meist nur noch ausnahmsweise ausgeübt, und die neuen Zünfte knüpfen gar nicht mehr an einen Beruf an. Dass das Zunftwesen auch jene erfasst, die noch nicht oder nicht mehr erwerbstätig sind, wird zu einem seiner Vorteile. Denn Alt und Jung finden so zusammen. Wenn die Handwerke historisch die Ausbildung der Lehrlinge und Gesellen regelten, so kennen die Zünfte nun für die Jungen eine eigene Mitgliedschaftsform: Als «Stubengesellen» gehören sie früh dazu. Man achtet auf sie, sie achten aufeinander und lernen dabei, wie man sich in der Gesellschaft bewegt. Schon im Kindergarten- und Primarschulalter können Zünftersöhne am Zunftleben, an Familienanlässen teilnehmen und am Sechseläuten mitmarschieren.

Sodann fallen Zünfter, die ihre Berufstätigkeit altershalber aufgeben, nicht aus allen Listen und der Einsamkeit anheim, sondern bleiben in einen Kreis eingebunden, der ihnen regelmässigen Austausch sichert. Ihre zünftige Präsenz und der soziale Kontakt können sich durch mehr oder weniger formelle «Stämme» sogar verstärken. Selbst wenn jemand aus Gesundheitsgründen an den Zunftanlässen nicht mehr teilnehmen kann, reisst die Verbindung nicht ganz ab; er bekommt Post und gelegentlichen Besuch. Kurzum: jeder zählt, in der Zunft nimmt man am Leben der andern teil.

Zünfter kennen kaum weniger Abstürze, Scheidungen, Karrierebrüche als andere Männer. Gerade in solchen Krisen kann die Zunft helfen – als ein Netz, das hält, wenn andere Stricke reissen. Die Zünfte schliessen niemanden aus, der privat oder beruflich falliert, solange damit kein ehrenrühriges Verhalten verbunden ist. Ganz im Gegenteil bieten sie jemandem festen Boden, der etwa seine Frau oder Stelle oder beides verliert. Wer sie noch hat, dem bedeuten sie daher eine soziale Versicherung. Ungefähr so kann man den Wahlspruch der Zunft zur Schiffleuten verstehen: «Auf Wellen und vor Anker treu».

Als Zünfter werden nur Männer aufgenommen. Das mag unter Diversity-Gesichtspunkten ein Mangel sein. Aber Institutionen, die sich seit 1336 am Leben zu erhalten verstanden haben, sind nicht gezwungen und auch nicht dazu geneigt, sich jeder Strömung anzupassen. Der flüchtige Zeitgeist ist nicht der Kompass, nach dem sie sich zu richten haben. Dass es…