Mehr Kohäsion?

Kohäsion meint in der Physik den inneren Zusammenhalt der Moleküle eines Körpers. Individuen sind keine Moleküle – und dennoch gibt es so etwas wie eine gesellschaftliche Kraft des Zusammenhalts. Die Kraft nimmt verschiedene Formen an: familiäre, nachbarschaftliche, vereinsmässige, parteipolitische, zivilgesellschaftliche, klein- und grossnationale. Und spielt auch im grösseren Kontext des weiterhin bestehenden Nationalstaats: als gesellschaftlicher […]

Kohäsion meint in der Physik den inneren Zusammenhalt der Moleküle eines Körpers. Individuen sind keine Moleküle – und dennoch gibt es so etwas wie eine gesellschaftliche Kraft des Zusammenhalts. Die Kraft nimmt verschiedene Formen an: familiäre, nachbarschaftliche, vereinsmässige, parteipolitische, zivilgesellschaftliche, klein- und grossnationale. Und spielt auch im grösseren Kontext des weiterhin bestehenden Nationalstaats: als gesellschaftlicher Wertekonsens, gemeinsame Kultur, kulturelle Identität, Verfassungspatriotismus.

Die Mitglieder eines modernen politischen Kollektivs zeichnen sich durch gemeinsame politische Partizipation aus. Im privaten, (noch) nicht politisierten Leben gilt jedoch ein Maximum an individuellem Gestaltungsraum. Die Kollektivierung des Sozialen im Wohlfahrtsstaat hat nicht nur die Individualisierung der Bürgerinnen und Bürger vorangetrieben, sondern auch deren Entsolidarisierung. Der Preis ist eine Lockerung des zivilgesellschaftlichen Zusammenhalts. Das Bedauern über diese Entwicklung ist allenthalben zu hören. Zu Recht? Wie lässt die Kohäsion sich unter modernen Bedingungen imaginieren? In welchen Bereichen hat sie sich erhalten? Und lässt sie sich womöglich auch im grösseren Kontext (wieder) herstellen? Wenn ja, wäre dies denn erstrebenswert?

Das sind die Fragen, die wir uns auf den folgenden Seiten stellen. Wir haben einen Unternehmer (und Präsidenten der Boy Scouts), einen General, einen katholischen Priester, einen Zunftmeister, einen Politiker und einen Politikwissenschafter gebeten, die Bedingungen und Chancen (und Grenzen) gesellschaftlicher Kohäsion ausgehend von ihren Erfahrungen auf den Begriff zu bringen.

Das Dossier bietet den theoretischen Hintergrund eines Kolloquiums des Vereins Zivilgesellschaft, das im November stattfindet. In der Praxis eines Rollenspiels soll ausgelotet werden, wie die Individualisierung und die Multioptionsgesellschaft, die Globalisierung und die unlesbar gewordene Gegenwart, die Ungleichheit der Verteilungen und der Generationenkonflikt die vielbeschworene gesellschaftliche Kohäsion in der Eidgenossenschaft beeinflussen. Näheres erfahren Sie unter www.zivilgesellschaft.ch oder bald in diesem Magazin.

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