Pfadfinder halten zusammen

…und zwar nicht nur untereinander, sondern auch die Gesellschaft. Eine Lobrede auf das grösste soziale Netzwerk der Welt. Von einem, der ihm selbst viel verdankt.

Pfadfinder halten zusammen
Lars Kolind, photographiert von Kristine Funch.

Woran denken Sie, wenn Sie an Pfadfinder denken? Vielleicht an Mädchen und Jungen in bunten Uniformen, die im Wald Abenteuer erleben. Da liegen Sie nicht falsch. Aber auch nicht ganz richtig. Denn in der Pfadfinderei geht es um mehr als das. Wenn ich von Pfadfindern rede, denke ich an Mädchen und Jungen aller Religionen, Hautfarben und Länder. Im Kern sind es weder das Draussensein noch die Uniform, die uns Pfadfinder ausmachen, sondern der Wunsch, ein aktiver, engagierter Bürger zu sein.

Genaugenommen handelt es sich beim Pfadfindertum um eine informelle erzieherische Bewegung, die jungen Menschen hilft, ihr Potential auszuschöpfen – sei es in physischer, sozialer, intellektueller, emotionaler oder spiritueller Hinsicht. Dadurch werden sie zu autonom handelnden Erwachsenen, die sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst sind, zu Menschen, die dazu fähig sind, in ihrem Umfeld einen positiven Wandel herbeizuführen, um so beim Aufbau einer besseren Welt zu helfen.

Der Ausdruck «bessere Welt» bedeutet aber natürlich nicht für alle Menschen dasselbe. Deswegen teilen alle Pfadfinder gemeinsame Werte, die den Begriff klären, nämlich das «Pfadfindergesetz». Es beinhaltet zwölf Aspekte, die den idealen Pfadfinder beschreiben: Vertrauenswürdigkeit, Loyalität, Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit, Aufmerksamkeit, Liebenswürdigkeit, Folgsamkeit, Fröhlichkeit, Sparsamkeit, Tapferkeit, Reinlichkeit und Respekt. Je nach Kultur und Tradition können diese Aspekte natürlich ganz unterschiedlich ausgedrückt werden.

Pfadfinder verstehen unter einer besseren Welt eine Welt, in der die Menschen zusammenhalten, der Natur und allen Lebewesen Sorge tragen und in der alle auf ihre eigene Weise zum Gemeinwohl beitragen. Das Pfadfindergesetz erklärt ein System universeller Werte auf einfache Weise. Der zentrale Wert lautet: Zusammenhalt. Alle Pfadfinder sind Geschwister.

Die Grösse und der Einfluss unserer Bewegung mögen vielleicht überraschen. Aber die Zahlen sprechen für sich. Abgesehen von der Volksrepublik China gibt es in fast jedem Land Pfadfinder – insgesamt sind es 50 Millionen.1 Vor fünfzig Jahren gab es rund 40 Millionen Pfadfinder. Unsere Zahl ist also im letzten halben Jahrhundert um rund 10 Millionen gewachsen. Pfadfinder erhalten eine drei- bis vierjährige Ausbildung. Jahr für Jahr schliessen gegen 15 Millionen junge Leute ihre Pfadfinderausbildung ab. In den letzten fünfzig Jahren haben also wohl ungefähr 700 Millionen Menschen ihre Trainingsjahre absolviert. Lässt man China ausser acht, entspricht das fast 17 Prozent der Weltbevölkerung. Bezieht man diese Zahl auf die Erwachsenen, hat jeder fünfte zwischen 15 und 64 die Pfadfinderausbildung erhalten und gelobt, dem Pfadfindergesetz Folge zu leisten. Diese Menschen haben versprochen, aktive Bürger zu sein und für einen positiven Wandel in ihrer Gemeinschaft einzustehen. Und sie haben nicht vergessen, was sie als Pfadfinder gelernt haben. Wenn Sie einen Fünfzigjährigen fragen, ob er früher bei den Pfadfindern war, wird er entweder zugeben, nie einer gewesen zu sein, oder von seinen Erfahrungen zu schwärmen beginnen. Jeden fünften Erwachsenen zu erreichen – das ist kein geringer Einfluss!

Unter Menschen mit Managementverantwortung kann sogar jeder dritte auf Pfadfindererfahrungen zurückblicken. Ich vermute, dass es weltweit etwa 70 Millionen Manager mit Pfadfinderhintergrund gibt; manche mögen sogar länger als drei Jahre als Pfadfinder gedient haben. Stimmen diese Zahlen, erhöht sich der Einfluss unserer Bewegung, denn ein Manager beeinflusst das Leben und Denken zahlreicher Menschen.

Es überrascht kaum, dass viele Staatsoberhäupter, Minister und erfolgreiche Geschäfts- und Meinungsführer früher Pfadfinder waren. Meine eigene Geschichte ist das beste Beispiel: Mit neun Jahren wurde ich Pfadfinder. Mit elf leitete ich ein Fähnlein von vier Jungs, mit vierzehn eine Equipe mit acht Jungen. Ich organisierte Treffen, plante Zeltreisen und Wanderungen, die ich dann selbst leitete – ohne die Aufsicht Erwachsener. Einmal verletzte sich ein Pfadfinder aus meiner Gruppe schwer am Knie. Ich musste seinen Transport zum Krankenhaus organisieren, seine Eltern kontaktieren (damals gab es noch keine Handys) und sicherstellen, dass der Rest der Truppe seine Aufgaben weiterhin erfüllte. Ich musste sichergehen, dass wir unseren Weg fanden und niemand zurückgelassen wurde. Ich musste Aufgaben an meinen Assistenten delegieren. Ausserdem musste ich gewährleisten, dass wir genug zu essen und einen Schlafplatz hatten. Und ich musste, das war das Wichtigste, dafür sorgen, dass wir niemals den Mut verloren. Alles Fähigkeiten, die einen guten Manager ausmachen.

Ich war dreizehn Jahre lang Pfadfinder – bis ich 27 Jahre alt wurde. Mit achtzehn war ich für eine Rotte verantwortlich, die aus 36 Pfadfindern bestand, und habe ein Führungsteam rekrutiert, das aus vier anderen jungen Erwachsenen bestand, um die Truppe gemeinsam zu leiten. Wir haben die Pios trainiert und dabei unterstützt, ihre Equipen zu leiten. Wir organisierten einwöchige Ausflüge, wobei wir besorgt waren, die Kosten gering zu halten, indem wir lokale Geschäfte als Sponsoren gewannen. Ich bekam nie auch nur einen Cent für meine Arbeit, sondern habe alle Kosten selbst getragen – genau wie meine Teammitglieder.

Mit 25 Jahren trat ich meine erste Vollzeitstelle an. Zwei Jahre darauf brauchte die Firma, für die ich arbeitete, einen neuen CEO. Man bot mir den Job an. Der Vorstandsvorsitzende machte mir klar, dass ich trotz meines jungen Alters über mehr Managementerfahrung als meine zehn Jahre älteren Kollegen verfügte. Später habe ich nachgezählt. Mit 27 konnte ich bereits auf 3000 Stunden praktischer Führungserfahrung zurückblicken, egal, ob es ums Planen, Organisieren, Delegieren, Marketing, den Verkauf, die Motivation oder das Problemlösen ging. Meine Kollegen akzeptierten die Wahl des Vorstandsvorsitzenden. Fünf Jahre später belegte unsere Firma den zweiten Platz in unserer Industrie – obschon wir praktisch aus dem Nichts kamen. Was ich als Pfadfinder gelernt hatte, half mir definitiv im Geschäft.

Vergleicht man verschiedene Manager mit Pfadfinderhintergrund, zeigen sich in den meisten Fällen drei Gemeinsamkeiten:

  • Der Manager ist ein «Servant Leader». Er stellt das Team über sich und sieht die Teammitglieder nicht als seine Untergebenen, sondern als Kollegen, die mit ihm für einen gemeinsamen Zweck arbeiten.
  • Der Manager verlässt sich nicht auf extrinsische, sondern auf intrinsische Motivation. Resultate sind ihm wichtiger als Mittel und Regeln. Natürlich bestehen Regeln, die befolgt werden sollen. Aber es sind Mittel, keine Selbstzwecke; Werkzeuge, die einen reibungslosen Ablauf garantieren.
  • Der Manager sorgt für ein Klima des gegenseitigen Vertrauens und der Transparenz. Er befähigt die Teammitglieder, eigene Entscheide zu fällen und sowohl Erfolge als auch Niederlagen zu teilen. Niederlagen sind okay, sofern die Teammitglieder daraus lernen.

Gewiss: Dieses Verhalten findet sich auch unter Managern mit anderem Hintergrund. Aber die Pfadfindererfahrung fördert dieses Verhalten, weil es für Pfadfinder selbstverständlich ist, sich freiwillig zu beteiligen und das Team über sich zu stellen. Rex Tillerson, Präsident und Geschäftsführer von ExxonMobil, einer der grössten Firmen der Welt, hat mir vor einigen Jahren erzählt, dass er seine Art, die Firma zu leiten, seinen Pfadfindererfahrungen verdanke.2 Er erklärte mir, wie er das Konzept der «Servant Leadership» umsetzt und wie wichtig es sei, als Chef mit gutem Beispiel voranzugehen. Exxon hat weltweit etwa 80 000 Angestellte, und Organisationen werden von den Werten und dem Führungsstil ihrer Vorsitzenden enorm geprägt. Das zeigt sich übrigens auch beim ehemaligen UNO-Generalsekretär Kofi Annan, bei ehemaligen Präsidenten der Vereinigten Staaten und den Regierungschefs vieler anderer Länder.

Einst habe ich für das dänische Parlament kandidiert. Leider wurde ich nicht gewählt. Zunächst war ich enttäuscht – aber nur, bis ich realisierte, dass die Pfadfinderbewegung wohl einen zehnmal grösseren Einfluss auf die Welt ausübt als die dänische Regierung.

Es ist mein ehrgeiziges Ziel, diesen Einfluss in den nächsten zehn Jahren zu verdoppeln, so dass weltweit die Mehrzahl der Führungspersonen auf wenigstens drei Jahre Pfadfindererfahrung zurückblicken kann. Wenn wir die Rolle der Pfadfinderei klarer kommunizieren, werden uns viel mehr Leute beitreten. Es ist ein grosser Unterschied, ob man unter dem Begriff «Pfadi» nur Zeltwochenenden für junge Leute versteht oder auch eine Methode, die Wirtschaftskapitäne von morgen auszubilden.

Pfadfinder tragen enorm zum sozialen Zusammenhalt bei, weil der Zusammenhalt innerhalb der Bewegung stark ist und es auch zum Kern der Pfadfinderei gehört, sich täglich für mehr Kohäsion zu engagieren. Wir bilden vermutlich das grösste soziale Netzwerk von Leuten, die dieselben Werte teilen und sich verpflichtet fühlen, diese Werte auch zu leben. Mir fallen kein Unternehmen und keine Organisation mit einem ähnlich grossen Einfluss ein. Und Ihnen?


 

1 Die Pfadfinderei ist in China seit geraumer Zeit, aber hoffentlich nicht mehr für lange, verboten.
2 Das Gespräch kann auf YouTube angesehen werden: https://www.youtube.com/watch?v=LO5ZVyNkOZg . [Letzter Aufruf: 27.08.2015]

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Kohäsion meint in der Physik den inneren Zusammenhalt der Moleküle eines Körpers. Individuen sind keine Moleküle – und dennoch gibt es so etwas wie eine gesellschaftliche Kraft des Zusammenhalts. Die Kraft nimmt verschiedene Formen an: familiäre, nachbarschaftliche, vereinsmässige, parteipolitische, zivilgesellschaftliche, klein- und grossnationale. Und spielt auch im grösseren Kontext des weiterhin bestehenden Nationalstaats: als gesellschaftlicher […]

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