Totale Selbstverwirklichung?

Ohne Gleichheit kein Zusammenhalt: Überlegungen zu Geschichte und Grenzen sozialer Kohäsion.

Gesellschaftliche Einheiten werden zusammengehalten von Gemeinsamkeiten. Gleichermassen gilt dies für die Familie, den Stamm, die Nation, den Staatenbund oder das Militärbündnis. Solche Gemeinsamkeiten können verwandtschaftliche Verstrickungen sein, kulturelle Ähnlichkeit, religiöse Überlieferungen, moralische Werte, gemeinsame Interessen oder gemeinsame Feinde. Ein gemeinsames Band ist umso stabiler, je kleiner die Gruppe ist, je enger sie zusammenlebt, je mehr sie aufeinander angewiesen und je weniger ungeregelte und widersprüchliche Aussenkontakte sie hat. Darum war die soziale Kohäsion im mittelalterlichen Kloster, im preussischen Militär oder im europäischen Hochadel zur Zeit des Absolutismus besonders gross (allerdings der individuelle Freiheitsgrad der meisten auch entsprechend gering).

 

Kulturelle Prägung

In modernen individualistischen Staaten ist der Grad der sozialen Kohäsion eine besondere kulturelle und zivilisatorische Leistung. Sie speist sich aus den Tiefen der gesellschaftlichen Tradition, derweil gesellschaftliche Pluralität, politische Freiheiten und der menschliche Eigennutz ununterbrochen an ihr zehren. Jede Nation und jede Gesellschaft hat dabei ihre eigene Geschichte, deshalb verhalten sich Schweizer im Durchschnitt anders als Griechen. Bereits der Wahrnehmungsfilter unterscheidet sich von Gesellschaft zu Gesellschaft: Unterschiedlicher Glaube, woran auch immer, bewirkt eine unterschiedliche Wahrnehmung.

Wer nicht glaubt, ist auf seinen Verstand und seine Gefühle zurückgeworfen. Mit den Gefühlen bewerten wir, und mit dem Verstand analysieren wir. Um zu urteilen, brauchen wir stets beides: einen Standpunkt – den gibt uns unser Gefühl – und eine Einordnung des Gehörten, Gesehenen oder Erlebten – die gibt uns unser Verstand. Unsere Gefühle entscheiden darüber, was wir wahrnehmen und worauf wir unsere Verstandeskräfte richten. So sind die Richtung und das Ergebnis unserer Verstandesleistung kaum je von unseren Gefühlen zu trennen, ausser vielleicht bei der reinen Mathematik. Unsere ursprünglichsten Gefühle – Angst, Zorn, Neugier, Begierde, Liebe, Ehrgeiz, Eifersucht, Mitleid – teilen wir zwar mit allen Menschen (und einige von ihnen auch mit vielen Tieren). Aber die Frage, welchen Ausdruck wir ihnen geben, ob und wie sie uns beherrschen, welchen Impulsen wir folgen und welche wir unterdrücken, kurzum, wie wir mit unseren Gefühlen umgehen und wie sie mit unseren Verstandeskräften zusammenspielen, ist schon wieder sozial vermittelt und im weitesten Sinne ein kulturelles Phänomen.

Auch Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach den eigenen Zielen, nach den Aufgaben der menschlichen Gesellschaft und dem Inhalt menschlichen Glücks ergeben sich jenseits elementarer Bedürfnisse wie Hunger, Durst und Sex stets aus einem kulturellen Zusammenhang, und entsprechend unterschiedlich sind die Antworten. Jeder Mensch ist von Geburt an unterschiedlich, was seine Robustheit, seinen Antrieb, seine Verstandesgaben und seine Gefühlswelt angeht. Die kulturellen Unterschiede treten noch hinzu. Kein Mensch erreicht das Erwachsenenalter ohne eine nachhaltige kulturelle Prägung. Sie beginnt bereits mit der Geburt und erzeugt zahlreiche zusätzliche Unterschiede zwischen den Menschen.

Innerhalb von Völkern, Ethnien, Religionen und sozialen Schichten bewirkt die kulturelle Prägung aber gleichzeitig eine Einebnung von Unterschieden und eine Gleichschaltung von Lebensentwürfen und grundsätzlichen Einstellungen zum Leben, zur Gesellschaft und den «richtigen» Wegen zur individuellen Selbsterfüllung. Kulturelle Prägungen haben ein grosses Beharrungsvermögen, sie vererben sich quasi sozial. So gelang es den Juden über 2000 Jahre, in ganz unterschiedlichen Völkern ihre Identität und ihre Eigenart als kleine Minderheit zu bewahren. Im grossen Einwanderungsland USA sehen wir, wie lange es dauerte, bis sich die Unterschiede zwischen den Nachfahren polnischer, irischer, italienischer und deutscher Einwanderer verwischten, und auch heute noch ist davon vieles übrig geblieben.

Nachhaltig über die Generationen hinweg wirken auch die Unterschiede zwischen den grossen ethnischen Gruppen. Das sieht man beispielsweise, wenn man Bildungsverläufe, Einkommen und andere soziale Indikatoren von amerikanischen Schwarzen, Hispanos oder Ostasiaten in den USA vergleicht. Auch in Europa beobachten wir, wie unterschiedlich sich Einwanderungsgruppen je nach religiöser und ethnischer Herkunft integrieren, und wir registrieren mit Sorge, dass es erhebliche Integrationsprobleme überall da gibt, wo grössere Gruppen von…