Auf Fels gebaut

Eine einheitliche Lehre, eine starke Zentrale und ein grosser Leib: So hält die katholische Kirche seit 2000 Jahren zusammen.

Auf Fels gebaut
Martin Grichting, zvg.

Der Mensch ist ein Partikularist. Auch wenn er sich einer Gruppe zugehörig fühlt, vergisst er seine Sonderinteressen nicht. Beim Katholiken ist das nicht anders. Das ist nicht negativ, denn was der einzelne leistet, kommt (un)mittelbar auch den anderen zugute. In einer Organisation wie der katholischen Kirche, die sich − wie das Adjektiv sagt − als weltumfassend versteht, sind jedoch starke Kohäsionskräfte nötig, um die zentrifugalen Kräfte zu kanalisieren und sie auf das Gedeihen der Glaubensgemeinschaft auszurichten. Denn sonst hätten 2000 Jahre mehr als ausgereicht, um diesen «Global Player» zu atomisieren in Nationalismen und Partikularismen aller Art.

Wenn man verstehen will, wie die katholische Kirche seit der Zeit der Römer überlebt hat und heute Menschen aller Kontinente sowie fast aller Kulturen umfasst, kommt man nicht umhin, einerseits ihr Gründungscharisma und andererseits handfeste «Management-Tools» zu bedenken, welche die Kohäsion fördern.

Grundlegend für die Kohäsion der Kirche ist der Glaube, dass Jesus Christus eine Kirche gegründet hat. Deren Leitung hat er zwar dem Kollegium der Apostel übertragen und damit die menschliche Vielfalt eingebunden. Aber zugleich hat er an die Spitze dieses Gremiums eine Person, Petrus, gestellt. Ebenfalls fundamental ist die Überzeugung der Kirche, dass ihre Botschaft von Jesus Christus stamme und damit im Kern der Kirche selbst nicht zur Disposition stehe. Das bedeutet jedoch nicht, dass diese Lehre nicht interpretierbar wäre. Dies zeigte sich bereits in biblischer Zeit, als die Einheit der Kirche durch eine Frage, zu der es keine direkte Anweisung von Jesus Christus gab, auf die Probe gestellt wurde: Sollte die Kirche nur Juden aufnehmen oder auch Heiden (Römer, Griechen)? Das Instrument, welches die Kirche damals gefunden hat, um angesichts strittiger Fragen ihre Einheit zu wahren, nennt man Konzil.

 

Der Leib

Ein Konzil ist die Versammlung aller Bischöfe. Dessen Aufgabe hat der Theologe Vinzenz von Lérins im 5. Jahrhundert mit dem Bild des Leibes erklärt. Dieser trägt von der Zeugung an bereits alles in sich, was er später ist. Er entfaltet sich, ohne dass etwas qualitativ Neues hinzukäme. Ebenso differenziert sich die Botschaft Jesu Christi unter der Führung des Heiligen Geistes im Verlauf der Jahrhunderte immer mehr aus, ohne dass sie dadurch in ihrer Substanz verändert würde. Nicht die Sache ändert sich, sondern nur das Verständnis darüber wird vertieft. 21 Konzilien hat die Kirche in diesem Sinn bisher abgehalten, um das, was immer gilt, differenzierter zu verstehen und es in die jeweilige Zeit hinein neu zu sagen.

Mit dem Wachstum der Kirche und ihrer globalen Verbreitung erwuchsen der Kirche auch organisatorische Knacknüsse. Es stellte sich die Frage, wie die Kohäsion, die Einheit der Kirche, aufrechterhalten werden konnte innerhalb einer immer weltumspannenderen Organisation: Wie war der Stellenwert der vielen Teilkirchen (Bistümer), die gegründet wurden, zu bewerten? Als selbständige Kirchen? Oder als Filialen der Weltkirche?

Was hierzu im Auf und Ab der Jahrhunderte gelebt wurde in Konzilien und Synoden (lokalen Treffen von Bischöfen eines Landes oder einer Region), hat das II. Vatikanische Konzil (1965) schliesslich auf eine einfache Formel gebracht: Die katholische Kirche besteht in und aus den einzelnen Teilkirchen (Bistümern). Das heisst: einerseits ist die katholische Kirche, ähnlich einem Puzzle, aus den einzelnen Teilkirchen zusammengesetzt. Das allein ergäbe aber nur eine Art Föderation, deren Einheit und Zusammenhalt stets prekär wäre. Deshalb gilt vor allem und zuerst: die katholische Kirche besteht in den einzelnen Teilkirchen. Und das heisst: jede einzelne Teilkirche muss im wesentlichen diese Einheit widerspiegeln in bezug auf die Glaubenslehre, die Feier des Gottesdienstes, das Recht, die Struktur und die Leitung, was die Gesamtkirche ist. Denn diese geht den Teilkirchen nicht nur geschichtlich (Apostelkollegium in Jerusalem), sondern auch wesensmässig (Gründung einer Kirche durch Jesus Christus) voraus.

Es ist klar, dass dies eine ideale Vorstellung von Kohäsion und Einheit ist. Denn bekanntlich ist der 2000jährige Weg der Kirche gesäumt von Abspaltungen. Immer dann, wenn sich eine Teilkirche oder ein Verband von Teilkirchen zu sehr mit einer bestimmten Kultur verbunden hat oder zu sehr unter den Einfluss lokaler politischer oder wirtschaftlicher Kräfte geriet, ging die Verbindung zur Weltkirche verloren. Dies ist der Fall gewesen im Bereich der orthodoxen Kirchen, die so sehr russisch, griechisch, rumänisch oder bulgarisch wurden, dass sie − obwohl ihre Mitglieder auch Christen waren − sich nicht mehr verstanden haben. Durch die Überbewertung nationaler, sprachlicher oder kultureller Eigenheiten sind sie zu partikularen Staatskirchen mutiert, die sich teilweise bis zum heutigen Tag spinnefeind sind. Auch im Bereich der reformatorischen Gemeinschaften vermochten die Kohäsionskräfte der Kirche letztlich nicht zu bestehen gegenüber den Ansprüchen nationalistischer Art, wie sie sich in Skandinavien oder England zeigten oder in den Fürstentümern Deutschlands. Und auch in der Schweiz war der Bruch der kirchlichen Einheit im 16. Jahrhundert ganz wesentlich die Folge der (typisch helvetischen) Kommunalisierung der vorreformatorischen Kirche und ihrer Unterordnung unter partikuläre politische und wirtschaftliche Interessen.

 

Die Botschaft

Es wird der katholischen Kirche vorgeworfen, in der Vergangenheit zu wenig getan zu haben, um Abspaltungen zu verhindern bzw. entstandene Spaltungen zu heilen. Im Nachhinein zu urteilen ist leicht. Klar ist auf jeden Fall, dass die Kirche, wenn sie vor die Wahl gestellt war, ihre Lehre zu opfern oder Verluste an Gläubigen zu erleiden, sich im Zweifelsfall immer für die Wahrung der Integrität ihrer Lehre entschieden hat. Die Sorge um die Kohäsion bestand also nicht darin, alle um jeden Preis halten zu wollen, sondern vielmehr darin, an den unverzichtbaren Glaubensgrundsätzen festzuhalten. Deshalb war die Kirche, wie Chesterton gesagt hat, einige Male kurz davor, vor die Hunde zu gehen. Immer jedoch sei es der Hund gewesen, der gestorben sei. Und so steht diese Kirche heute, nachdem sie etwa die Völkerwanderung, den Vormarsch des Islams, ihre Verwicklung in die Politik seit dem Hochmittelalter, die Reformation, die Französische Revolution, den Untergang des Kirchenstaats, den Nationalsozialismus oder den Marxismus überlebt hat, als globale, zentral gelenkte Organisation mit rund 1,2 Milliarden Gläubigen da.

Die Herausforderung, die Initiative der einzelnen Gläubigen zu fördern, aber nicht in partikulare Kirchentümer zu zerfallen, ist jedoch geblieben. Immer neu zu justieren ist auch heute das Verhältnis zu den einzelnen Nationen, Kulturen und Weltanschauungen. Auf der einen Seite muss sich die Kirche diesen öffnen, um überhaupt vor Ort verstanden zu werden und ihre Botschaft vermitteln zu können. Diese Inkulturation der einen Kirche darf aber eben nicht so weit gehen, dass Wesentliches ihrer Botschaft verdunkelt wird und eine Form von Kirche entsteht, die nicht mehr ins Ganze der Weltkirche hinein vermittelbar ist. Deshalb ist hier nun der Ort, um über konkrete «Techniken» zu sprechen, die der katholischen Kirche helfen, eine richtig verstandene Einheit in der Vielfalt zu leben, Partikularismus und Kohäsion zu einer fruchtbaren Synthese zu bringen.

Entscheidendes Moment der Einheit in der katholischen Kirche ist − neben der schon erwähnten Unverfügbarkeit ihrer Lehre − eine starke Zentrale. Das ist der Papst, zusammen mit der römischen Kurie. Dieses Element ist nicht einfach nur ein geschichtlich gewachsener Machtfaktor. Die zentrale Stellung des Papstes ist vielmehr Teil des Glaubensbekenntnisses der Kirche, sie ist − säkular gesprochen − Teil der «Firmenkultur». Denn die Kirche hat von Anfang an die Tatsache, dass Jesus Christus den Apostel Petrus als Chef eingesetzt hat, nicht bloss als «ad personam»-Lösung verstanden, sondern als Schaffung einer dauerhaften Institution.

Dem Papst als Nachfolger des Petrus kommt die volle Entscheidungsgewalt in der Kirche zu, wobei er in den seltensten Fällen davon direkt Gebrauch macht. Denn auch die Kirche kennt, wenn man diesen für sie eigentlich inadäquaten Begriff verwenden darf, eine Form von Dezentralisierung. Die Kunst hierbei besteht, wie in anderen globalen Organisationen, nicht darin, seitens der Zentrale alles an sich zu reissen, sondern die für die Kohäsion und das Funktionieren der Organisation wesentlichen Kompetenzen bei der Zentrale zu halten. Konkret geschieht dies in der katholischen Kirche durch ein weltkirchlich geltendes Recht, das in den einzelnen Teilkirchen anzuwenden ist. Es regelt umfassend, wie die Kirche in Weltkirche und Teilkirche strukturiert und geleitet wird. Auf der Stufe der Teilkirche kommt dabei dem Bischof die Rolle des Förderers der Kohäsion zu. Er ist durch sein Wirken gemäss der Lehre und den Grundsätzen der Kirche der Garant für die Einheit seiner Teilkirche mit der Weltkirche und für die Einheit der Gläubigen seiner Teilkirche untereinander.

 

Die Lehre

Zu den Werkzeugen, die für die Kohäsion der Kirche wesentlich sind und die deshalb zentral vom Papst bzw. seiner Kurie wahrgenommen werden, gehört an erster Stelle die Sorge um die Unversehrtheit der kirchlichen Lehre. Die Kongregation für die Glaubenslehre wacht im Auftrag des Papstes darüber, dass bei allen Bemühungen um Vermittlung der kirchlichen Botschaft in die verschiedenen Kulturen hinein diese Lehre nicht verfälscht oder verunklärt wird. Denn die Einheit der Kirche ist − wie erwähnt − zuinnerst eine Einheit im Glauben, erst dann in den Strukturen. Als Prüfstein gibt es für die Arbeit der Glaubenskongregation den «Katechismus der katholischen Kirche» (1993), der alles Verbindliche, das in die jeweiligen Kulturen und Sprachen hinein zu vermitteln ist, enthält. Was diesbezüglich inhaltlich gilt, muss dann an die Mitarbeiter und mittelbar an alle Gläubigen weitergegeben werden. Darüber wacht ein eigenes «Ministerium», die Kongregation für das katholische Bildungswesen, die einem weltweiten Netz von kirchlichen Universitäten und theologischen Fakultäten, Priesterseminaren sowie Schulen vorgeordnet ist.

Von eminenter Wichtigkeit sind für die Kohäsion − wiederum säkular gesprochen − weltkirchlich gemeinsame Rituale: Die Kirche feiert überall auf der Welt die gleichen Sakramente (Taufe, Firmung, Eucharistie etc.). Diese werden, mit legitimen lokalen Anpassungen, überall gleich zelebriert. Deshalb müssen die Bücher, nach denen sie gefeiert werden, von der Römischen Kurie approbiert sein, wie übrigens auch die Bibelübersetzungen, die im Gottesdienst verwendet werden. Für beides gilt es, weltkirchlich verbindliche Übersetzungsrichtlinien zu beachten. Die Sorge um Einheit ist hier besonders wichtig, weil es den in den letzten Jahrzehnten erfolgten Verlust der jahrhundertealten gemeinsamen liturgischen Sprache des Lateins aufzufangen gilt.

Bisweilen kritisch kommentiert, aber in seiner Wirkung für die Stärkung der Kohäsionskräfte in der Kirche nicht zu unterschätzen ist die sichtbare Präsenz des «Garanten der Einheit», des Papstes, in den verschiedenen Teilkirchen. Zweifellos haben soziale Medien wie Facebook und Twitter hier ihren Platz. Und sie werden von Papst Franziskus auch eifrig genutzt, wie seine rund 20 Millionen Follower zeigen. Die Papstreisen in alle fünf Kontinente sind dennoch nach wie vor wertvoll, denn sie erlauben den einzelnen Gläubigen ein persönliches Erleben des Nachfolgers Petri als der personifizierten Einheit der Kirche. Auch die von Papst Johannes Paul II. initiierten Weltjugendtage, die alle zwei Jahre Millionen von jungen Katholiken aus aller Welt versammeln, haben geholfen, das Bewusstsein zu stärken, einer um den Papst gescharten globalen Organisation anzugehören.

 

Die Gesandten

Ein oft übersehenes Kohäsionswerkzeug, ohne das die katholische Kirche als Weltkirche kaum funktionieren würde, sind die Vertreter des Papstes bei den einzelnen Teilkirchen: die Apostolischen Nuntien. Diese werden oft nur als Botschafter des Völkerrechtssubjekts Heiliger Stuhl bei den Staaten wahrgenommen. Tatsächlich aber sind die päpstlichen Gesandten ein eminent wichtiges Bindeglied zwischen den Teilkirchen und dem Papst. Dafür werden sie in Rom zentral in einer eigenen Akademie ausgebildet. Sie informieren über die Kirche vor Ort nach Rom und geben Weisungen des Vatikans an die Teilkirchen weiter. Ihre Scharnierfunktion üben die Nuntien vor allem auch aus, indem sie in päpstlichem Auftrag die Personalpolitik auf der Ebene der Teilkirchen bestimmen: Es ist der jeweilige Nuntius im betroffenen Land, der dem Papst die Kandidaten für das Bischofsamt vorschlägt. Dazu konsultiert er die betroffenen Teilkirchen. Bei seiner Beurteilung spielt jedoch das Element der Kohäsion ebenfalls eine wichtige Rolle, geht es doch bei allem Lokalkolorit eines zukünftigen Bischofs immer auch darum, dass er seine Teilkirche nicht aus der Einheit der Weltkirche hinausführt, sondern ganz im Gegenteil immer wieder hilft, den Partikularismus in seiner Teilkirche auf die Weltkirche hin zu öffnen.

Die Vorteile einer global aufgestellten Glaubensgemeinschaft, an deren Spitze jemand steht, der für alle sprechen kann, sind offensichtlich. Man sieht es aktuell etwa daran, dass keine allgemein anerkannte islamische Autorität verbindlich Greueltaten als dem Islam widersprechend verurteilen kann, die im Namen Mohammeds verübt werden. Und in der Schweiz kann man beobachten, wie die Reformierten an einem Wahrnehmungsdefizit seitens der Medien und der Öffentlichkeit leiden, weil ihre zahlreichen Kantonalorganisationen es nicht schaffen, nur schon eine nationale Repräsentanz ausreichend robust zu mandatieren. Die Kohäsion, wie sie die katholische Kirche lebt, hat freilich auch ihren Preis, indem sie von ihren Mitgliedern das Opfer verlangt, nicht einfach dem jeweiligen gesellschaftlichen Mainstream zu folgen. Wie schwer das fällt, wird in der katholischen Kirche in der Schweiz etwa dann sichtbar, wenn sich fortschrittlich dünkende Kreise über bestimmte Glaubensinhalte beschweren, die sie von ihrer lokalen Perspektive her betrachtet für nicht mehr zeitgemäss halten. Da die Schweizer Katholiken jedoch nur 2,5 Promille der Weltkirche ausmachen, ist ihr Gewicht begrenzt.

Kohäsion versus Partikularismus: dieser Antagonismus wird die katholische Kirche auch in ihrem dritten Jahrtausend begleiten. Er ist ein Spiegelbild des Menschen, der selbst immer zugleich Gemeinschaftswesen und Sonderfall ist.

Mehr Kohäsion?

Kohäsion meint in der Physik den inneren Zusammenhalt der Moleküle eines Körpers. Individuen sind keine Moleküle – und dennoch gibt es so etwas wie eine gesellschaftliche Kraft des Zusammenhalts. Die Kraft nimmt verschiedene Formen an: familiäre, nachbarschaftliche, vereinsmässige, parteipolitische, zivilgesellschaftliche, klein- und grossnationale. Und spielt auch im grösseren Kontext des weiterhin bestehenden Nationalstaats: als gesellschaftlicher […]

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