Vertrauen auf Vorschuss

Zusammenhalt wünscht sich jede Gruppe. Aber was, wenn das eigene Leben davon abhängt? Und das vieler anderer auch? Ein kriegserprobter General über Kommandos und Kommunikation, Verwundungen und Vertrauen – und die Lehren für das zivile Leben.

Vertrauen auf Vorschuss
Deutsche Soldaten in Afghanistan, photographiert von Martin Stollberg / Bundeswehr.

Herr Matz, Sie sind ein kriegserprobter General der deutschen Bundeswehr. Sie haben auf verschiedenen Kommandoebenen Truppen in Kampfeinsätzen in Afghanistan geführt. Welche Erfahrung hat Sie in dieser Zeit am nachhaltigsten geprägt?

Die Antwort fällt mir leicht: Es ist die Erfahrung des Zusammenhaltes der Männer und Frauen, die in den Einsatz gehen. Wir bereiten uns in mentaler und handwerklicher Hinsicht gemeinsam hochkonzentriert auf das Kommende vor. Und wir führen dann im Einsatzgebiet unseren Auftrag unter teilweise widrigsten Bedingungen durch. Dies erfordert Disziplin und Leidensfähigkeit – und gegenseitigen Respekt.

Wie wichtig ist die Prämisse eines gemeinsamen Auftrags, um Menschen zu einem geschlossenen Kampfverband zu formen?

Auch im Heer gilt: es kommt alles auf die Ausbildung an! Einsätze in Mali oder in Afghanistan verlangen von der Truppe ganz unterschiedliche Kompetenzen. In der Bundeswehr legen wir deshalb viel Wert auf die einsatzvorbereitende Ausbildung der Kontingente in unseren Übungszentren. Für die Landstreitkräfte mündet dies in einer Zertifizierung der Einheiten und Verbände, die im Gefechtsübungszentrum des deutschen Heeres stattfindet. Ich übertreibe wohl nicht, wenn ich sage, dass es sich hierbei um eine der modernsten militärischen Ausbildungseinrichtungen für Heeresteile weltweit handelt.

In Ihrer Beschreibung schwingt Stolz mit. Gehen wir ins Detail. Wie muss man sich den Ablauf einer solchen Ausbildung genau vorstellen?

Es geht nicht nur um das militärische Handwerk. Es geht zunächst um das Mentale. Vermittelt werden interkulturelle Kompetenz, Kenntnis des geschichtlichen Hintergrunds des Einsatzgebiets, ein ungeschminktes Bild der Bedrohungslage. Die Männer und Frauen müssen wissen, was sie an Ort und Stelle erwartet. Und sie müssen untereinander klarkommen, sich kennen, dieselbe Sprache sprechen, sie müssen problemlos kommunizieren können. Die Streitkräfte in den Einsätzen sind heutzutage stets multinational. Bei meinem letzten Einsatz in Afghanistan hatte ich Soldaten aus 23 Nationen zu führen.

Worin besteht das Handwerk?

Hier gilt es die bereits trainierten Kompanien oder Züge in Situationen zu versetzen, die den möglichen Lagen im Einsatzgebiet entsprechen. Die grössten Bedrohungen in Afghanistan sind für uns beispielsweise die improvisierten Sprengladungen, die am Strassenrand versteckt sind und durch den Gegner zur Detonation gebracht werden, wenn wir vorbeifahren. Die Explosionen hinterlassen ein Bild der Verwüstung, führen zu Verwundungen und Tod. Diese Szenarien stellen wir nach und üben die richtigen Reaktionen vom Soldaten bis zum militärischen Führer.

Also das klassische drillmässige Training?

So ist es. Die richtigen Reaktionen müssen zur zweiten Natur der Männer und Frauen im Einsatz werden. Also: Übung, Besprechung, Verbesserung, Übung. Wir führen die Übungen bewusst unter psychischer und physischer Belastung durch – bei sengender Hitze zum Beispiel oder bei Dunkelheit.

Wie viele Ausbildende treffen auf wie viele Auszubildende?

Wenn wir die bereits erwähnte Einsatztruppe in Afghanistan nehmen, so waren es im Joint Force Training Center im polnischen Bydgoszcz über 200 Ausbildende, die für 400 Auszubildende verantwortlich waren.

Ein riesiger Aufwand.

Der Aufwand mag gigantisch scheinen – doch ist er Garant des Erfolgs in den Einsätzen. Vor meiner Kommandotätigkeit im Norden Afghanistans zählte ich zunächst zu den Auszubildenden; wir waren 14 Tage rund um die Uhr zusammen und haben in Manövern trainiert. Ein Dreivierteljahr später, also nach meinem Einsatz in Afghanistan, habe ich meine Front- und Stabserfahrungen in die Ausbildung des übernächsten Kontingentes eingebracht. Dieser Know-how-Transfer ist entscheidend.

In welcher Sprache reden die Einsatzkräfte aus 23 Nationen untereinander?

Die militärische Lingua franca ist Englisch, wie im Geschäftsleben auch. Angehörige der Bundeswehr ab dem Rang des Feldwebels erhalten im Verlauf ihrer militärischen Ausbildung seit zehn Jahren Englischunterricht.

Wie also formt man eine Truppe?

Durch die gemeinsame Einsatzvorbereitung. Hier lernen sich die Männer und Frauen vor dem Hintergrund einer gemeinsamen Mission kennen; das Verbindende des Auftrags und das Menschliche zählen dann mehr als individuelle, soziale oder kulturelle Unterschiede. Gerade deshalb…