Wodka

Die Verbreitung der westlichen Zivilisation ging vielerorts einher mit der Zerstörung indigener Kulturen durch Alkoholmissbrauch. Im Alten Testament und auch in der europäischen Geschichte gibt es aber genügend Beispiele für den umgekehrten Prozess: die Kultivierung eines ursprünglich barbarischen Umgangs mit Trunkenheit zu massvollen, gesellschaftlich integrierten Verhaltensweisen. Die griechische Maxime «Niemals zuviel» und die von Paracelsus formulierte Erkenntnis, dass es die Dosis sei, die ein Genussmittel zum Gift mache, gehört zu den Leitplanken der abendländischen Kultur. Der Schritt zum richtigen Mass hat sich in verschiedenen religiösen und nationalen Kulturen und in verschiedenen Epochen sehr unterschiedlich abgespielt, und der Zivilisationsprozess ist diesbezüglich weltweit keinesfalls abgeschlossen und auch nicht vor Rückschlägen gefeit.

Dass der masslose Umgang mit Wodka in der russischen Geschichte bis heute eine prägende Rolle spielt, ist mehr als nur ein Klischee. Es ist immer wieder versucht worden, die kulturhistorischen, politischen und ökonomischen Ursachen dieser Volksseuche zu ergründen und zu erklären. In Tolstojs Erzählung von Kornej Wasiljew, der im Rausch seine Frau misshandelt und ihr Kind zum Krüppel schlägt, als Trinker im Elend verkommt und schliesslich im Haus seiner Tochter stirbt, bevor ihm seine Frau verzeihen kann, wird ein Leitmotiv abgehandelt, das in der russischen Literatur allgegenwärtig ist. Die Reduktion aller Probleme Russlands auf das Stichwort «Wodka» wäre allerdings zu einfach, die meisten Kenner der russischen Geschichte und Kultur räumen jedoch ein, dass das Ausmass und der Stellenwert des Alkoholismus im Problemkatalog dieses Landes nicht unterschätzt werden darf, unabhängig von der Frage, ob darin eine Ursache oder eine Folge zu sehen sei.

Die in Berlin lebende russische Publizistin Sonja Margolina versteht es meisterhaft, das Phänomen «Wodka» in seiner ganzen Bandbreite zu beschreiben und die vielfältigen Erklärungsmöglichkeiten mit geschichtlichen Fakten zu verknüpfen. Sie warnt vor der voreiligen Erwartung, mit der politischen Unterdrükkung verschwänden automatisch auch tief verwurzelte Gewohnheiten, sie lässt aber auch Raum für Hoffnung auf einen schrittweisen Ausstieg aus einer Seuche, die nicht ausschliesslich als Bestandteil des Volkscharakters gedeutet werden kann, sondern immer auch ein perfider Bestandteil der autoritären und totalitären fiskalischen Unterdrückungsmaschinerie gewesen ist. Die Illustrationen von Katrin Laskowski unterstreichen die realistische, selbstkritische Darstellung, die frei ist von jeder Romantisierung des masslosen Trinkens.

«Wodka» kann unentgeltlich über die Adresse schriftenreihe@vontobel.ch bezogen werden.

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Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
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