Anomalien um Ascona

Die Künstlerin Ingeborg Lüscher erzählt von ihrer Arbeit mit Sonderlingen im Tessin und den Grenzen ihrer eigenen Menschlichkeit. Und sie erklärt, weshalb sie den Nachlass von Harald Szeemann trotz Verbundenheit mit der Schweiz nach Los Angeles verkaufte.

Anomalien um Ascona

Ingeborg, was macht die Kunst?

Oh, das ist gerade das Allerschwierigste. Ich habe eben die Videoarbeit «Die andere Seite» beendet, an der ich zwei Jahre gearbeitet habe. Dafür filmte ich in Israel und Palästina bei Menschen, die durch «die andere Seite» nahe Menschen verloren haben. Ich richtete an sie jeweils drei Aufforderungen, erstens: Denke, wer du bist, dein Name, deine Herkunft. Zweitens: Denke, was die andere Seite dir angetan hat. Und drittens: Denke, ob du das vergeben kannst.

 

Also Filmportraits ganz ohne Worte. Kommen die Fragen aus dem Off? 

Die ganze Arbeit ist stumm, die Aufforderungen sind auf dem
Boden geschrieben, sichtbar durch das Licht der Projektionen. Man sieht jeweils nur das Gesicht, über drei Meter gross. Als Zuschauer bewegst du dich wie in einer Landschaft, in der du wirklich jeden Schmerz und jeden Gedanken wahrnimmst. Das war beim Filmen oft schwer erträglich: du hast es nur mit Tod, Tränen und Verzweiflung und nur sehr selten mit Grosszügigkeit zu tun. Die dritte Frage um das Vergeben war die dramatischste, weil sie vielen noch nie gestellt wurde. Immer wieder spontanes Kopfschütteln und suchende Augen, die fragen: «Kann man das vergeben?»

 

Blenden wir kurz zurück, zum Anfang deiner Karriere: du bist ausgebildete Schauspielerin, wie kamst du zur bildenden Kunst?

Für die Dreharbeiten zu «Till Eulenspiegel» weilte ich 1968 – kurz vor dem Prager Frühling – mehrere Monate in Prag. Dort habe ich viele Menschen kennengelernt, die die Revolution vorbereitet haben. Das war eine Erschütterung und liess mich meine Situation überdenken: Was mache ich mit meinem Leben? Was setze ich ein? Und wofür? Was will ich überhaupt? Einfach dem Regisseur und der Technik gehorchen? Das ist doch kein Zustand für ein ganzes Leben. Ich musste etwas ändern und habe dann bereits in Prag angefangen, mit Farben zu experimentieren. Wieder zuhause, hab’ ich mir gesagt: So, ich will jetzt malen, und zwar jeden Tag.

 

Zuhause – das war damals schon das Tessin?

Ja. Mein erster Ehemann, der Farbpsychologe Max Lüscher, wollte im Tessin leben, und so zogen wir dorthin. Ich fand schnell ein leeres Zimmer, in das ich jeweils zum Malen ging. Alles noch ohne Konzept, Sinn und Verstand: es ging mir einzig um den Genuss des
Malens und die Schönheit der Farben.

 

Du bist als Künstlerin Autodidaktin, wie gingst du vor und wie alt warst du damals?

Ich war glaub’ 31, eben aus meiner Ehe ausgetreten und ohne Finanzpolster im Rücken. Ein Freund gab mir damals einen wichtigen Rat: lies jeden Tag mehrere Stunden in zeitgenössischen Kunstzeitschriften, und zwinge dich, kein Urteil zu fällen. Das ist wie eine buddhistische Übung, das ist wahnsinnig schwer. Denn je dümmer du bist in einer Materie, desto schneller sagst du natürlich: «das ist nichts» oder «das ist toll». Das zu vermeiden, war meine Kunstakademie.

 

Nach ersten Malexperimenten und seriellen Installationen hast du schon früh begonnen, eine Dokumentation über den als Einsiedler im Tessin lebenden Armand Schulthess und dessen phantastische «Bibliothek des Wissens» anzufertigen.

Ja. 1969 hörte ich das erste Mal von ihm. Über eine Freundin. Der Grossvater ihres Mannes hatte einen Onkel, der als Kind von diesem Einsiedler in seinen Kastanienwald mitgenommen wurde, in dessen Bäumen Tausende von Täfelchen mit Informationen hingen. Wo, wusste er jedoch nicht mehr. Dieses Bild ging mir aber nicht mehr aus dem Kopf. Und so ging ich ihn suchen, habe in Gemeinden und in Restaurants gefragt, bis ich ihn schliesslich in Auressio im Onsernonetal fand.

 

Wie war die erste Begegnung?

Lange war er einfach unerreichbar. Immer wenn ich ihn rief oder von ferne sah, versteckte er sich. Ich habe begonnen, ihm Briefe…

«Jeden Monat frische Denküberraschungen! Eine gehaltvolle und elegant gestaltete Zeitschrift.»
Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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