Im Zweifel für das Gegenteil
Sir Roger Scruton fotografiert von Pete Helme.

Im Zweifel für das Gegenteil

Sir Roger Scruton war einer der vielfältigsten konservativen Intellektuellen. Nun ist der Brite 75jährig gestorben.

 

«Der Nonsens hat sich im Herzen der öffentlichen Debatte eingenistet. Er nimmt jegliche Bedeutung hinweg. Damit stellt er Wahrheit und Fälschung, Vernunft und Unvernunft, Licht und Dunkelheit auf eine Stufe.»

Am Ende seines Lebens hat Sir Roger Scruton, dessen Buch «The Uses of Pessimism» diese Zeilen entstammen, noch einmal erleben müssen, was es heisst, ein öffentlicher Intellektueller in einer Zeit zu sein, die sich dem Nonsens verschrieben zu haben scheint und deren Verständnis von intellektueller Freiheit darin besteht, «alles Mögliche zu glauben, solange man sich damit nur besser fühlt». Die Mentalität unserer Zeit, das eigene gute Gefühl über Wahrheit und Vernunft zu stellen und zu zeigen, dass man die richtige Haltung besitzt, zeigte sich bei ihm in aller Fatalität. Diese Mentalität kann ganze Karrieren zerstören – Karrieren, an denen ein Mensch ein halbes Jahrhundert mit Fleiss und Sorgfalt gearbeitet hat, mit über 50 Buchveröffentlichungen, mit zahlreichen Artikeln in renommierten Zeitschriften, mit Preisen und Auszeichnungen, darunter der Erhebung in den Adelsstand Grossbritanniens im Jahr 2016.

Es waren ein paar verleumderische Aussagen, die einen Shitstorm auslösen, weil sich die Stimmung gerade so leicht anheizen liess und ein passendes Opfer suchte. So ist es Scruton Anfang 2019, im Alter von 75 Jahren, ergangen, nachdem ihm ein Journalist auf Twitter Homophobie, Antisemitismus, Islamophobie und Rassismus vorgeworfen hatte. Dass jegliche Belege dafür fehlten, interessierte weder den Social-Media-Mob noch die Verantwortlichen in der britischen Regierung, die Scruton im Handumdrehen als Berater für Fragen der Baukultur entliessen.

Doch es gab eine glückliche Wendung in seinem Falle: Der britische Publizist Douglas Murray ergriff Partei für ihn und deckte die Haltlosigkeit der Vorwürfe sowie die Willfährigkeit der mitheulenden Wölfe auf. Entschuldigungen wurden ausgesprochen, Scruton als Berater wieder eingestellt. Ohne Murrays Parteiergreifung wäre er in Grossbritannien vielleicht noch immer eine persona non grata. Das wäre heute nichts Unübliches für einen konservativen Intellektuellen (mit der typisch liberal-englischen Grosszügigkeit), als der Scruton sich seit der Zeit seines geistigen Erwachens im Paris des Jahres 1968 sah.

Der Intellektuelle hatte seitdem links zu sein, um sich gegen den Zeitgeist zu positionieren; dass diese Werkseinstellung des Intellektuellen nach 40 Jahren geradezu langweilig und voraussagbar geworden ist, scheint die meisten nicht zu stören. Scruton hingegen hatte schon früh erkannt, als er die demonstrierenden Studenten im Mai ’68 mit Widerwillen sah, dass das nicht seine Weltanschauung sein würde. Was immer sie dachten, er wollte das Gegenteil vertreten! – Und verbrachte sein gesamtes Leben damit, herauszufinden, was das genau ist.

Es war ein Konservatismus, der sich in Scrutons Fall zwar ursprünglich aus einem Gefühl, einer Haltung speiste, dann aber intellektuell in vielfältigsten Formen ausbuchstabiert wurde. Die Themen seiner Bücher sind ein Kompendium der europäischen Geistesgeschichte: Philosophie und Politik, Kunst, Musik und Architektur, Religion und Sex, Jagen und Tierrechte und nicht zuletzt der Wein. Scrutons intellektuelle Vielfältigkeit (auch Romane und Libretti gehören zu seinem Werk) sucht ebenso ihresgleichen wie seine Existenz als konservativer Intellektueller, der seinen Kampf mit Bestimmtheit und doch immer auch mit Feingefühl, Selbstironie und Verständnis für die Gegenideologien ausfocht.

Es war ein Kampf um die Wahrheit und darum, Licht und Dunkelheit nicht auf ein und dieselbe Stufe zu stellen. «Ein Schriftsteller», schreibt er, «für den es keine Wahrheiten gibt oder jede Wahrheit ‹nur relativ› ist, bittet Sie, ihm nicht zu glauben. Also tun Sie es nicht.»

Scruton können wir glauben. Unabhängig davon, wie wir uns damit fühlen wollen.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»