Was heisst denn hier Freiheit?

Eine Antwort aus dem Stegreif von Roland Baader «Durch die Überwindung des Kapitalismus wollen wir die Vorherrschaft der Ökonomie über den Menschen aufbrechen. Unser Ziel ist die Entwicklung der Wirtschaft zum Wohle aller.»
(Parteiprogramm der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz)

«Das ist die übliche Argumentationsweise, die durch ständiges Wiederholen nicht an Überzeugungskraft gewinnt. Man konstruiert einen Gegensatz zwischen der Wirtschaftsordnung des freien Marktes und dem Menschen, um dann zu verkünden: Die Wirtschaft muss dem Menschen dienen und nicht der Mensch der Wirtschaft. Dabei wird die fundamentale Tatsache verschleiert, dass der freie Markt dem Individuum in optimaler Weise dienstbar ist. Aus Millionen von Menschen entstehen Abermillionen von Bedürfnissen, und der Markt ist das einzig taugliche Instrument, um die Bedürfnisse ohne zentrale Befehlsinstitution und ohne den Notbehelf der Zuteilung von Einheitsbrei zu befriedigen. Der Markt erlaubt den Menschen, die im weitesten Sinne stets Konsumenten und Produzenten zugleich sind, Knappheiten zu überwinden und ihre Lebensprojekte zu verwirklichen. Dabei gilt es, den Tausch nicht nur in einem materiellen Sinne als Tausch von Waren zu verstehen. Der Mensch tauscht ebenso Ideen, Gefühle und Werte. Nichts kann das Tauschwesen des Menschen verändern, nicht einmal der Sozialismus. Auch im Sozialismus herrschte ein ständiges Geben und Nehmen. Das Problem war nur, dass am Ende die Funktionäre und Parteisoldaten viel hatten und die Arbeiter wenig. Das Schaffen von Wohlstand wurde ersetzt durch die Verwaltung des Mangels.

Es gibt letztlich bloss zwei Mittel der Bedürfnisbefriedigung: Markt oder Befehl, Tausch oder Politik. Die Teilnahme am Markt ist freiwillig, der Tausch verläuft friedlich, es herrscht der uneingeschränkte Respekt vor den Lebensprojekten der anderen. Die Politik hingegen operiert mit Zwang, was – rein juristisch gesehen – korrekt ist, insofern als der Staat das Gewaltmonopol besitzt. Hält man sich jedoch nicht bei juristischen Feinheiten auf, muss festgestellt werden, dass Gewalt gegenüber einem Individuum eben Gewalt bleibt – unabhängig davon, wer sie ausübt. Aus diesem Grund ist auch die zunehmende Verherrlichung der Demokratie als perfekter Staatsform problematisch. Wenn die Mehrheit beschliesst, die persönliche Freiheit der Menschen einzuschränken, in ihre Privatsphäre einzudringen und ihre Eigentumsrechte zu beschneiden, so bleibt dies ein gewaltsamer und letztlich unzulässiger Eingriff. Demokratie ist aus dieser Sicht lediglich das kleinere Übel.

Bleibt die Frage, woher die weitverbreitete Ablehnung des Marktes rührt. Die Intellektuellen sind daran keineswegs unschuldig. Die wenigsten von ihnen verstehen etwas von Ökonomie und haben die irrige Vorstellung, eines Menschen Gewinn bedeute zwangsläufig eines anderen Verlust. Das ist falsch, weil die Menschen unterschiedliche Präferenzen und Bedürfnisse haben. In Wahrheit gewinnen beim Tausch beide, der Käufer und der Verkäufer. Hätten die Intellektuellen mit ihrer statischen und deterministischen Denkweise recht, so würden wir noch heute in der Steinzeit leben.

Damit ist noch nicht geklärt, weshalb auch so viele Menschen, die nicht auf Intellektuelle hören, die Marktwirtschaft ablehnen. Der Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek hat als Erklärungshypothese ein Zwei-Welten-Modell entwickelt. Er unterscheidet zwischen kleinen, «warmen» Gemeinschaften wie Familie und Freundeskreis und grossen, «kalten» Gemeinschaften wie der arbeitsteiligen Grossgesellschaft. Während wir in der «warmen» Welt jeden nach seinen Bedürfnissen behandeln können, ohne uns an starre Regeln zu halten, kann die anonyme Grossgesellschaft nur funktionieren, wenn gleiche Regeln für alle gelten. Die Menschen haben Mühe, in beiden Welten gleichzeitig zu leben. Sie würden am liebsten die Verhaltensweisen der kleinen Gemeinschaft auf die grosse Gesellschaft übertragen – und das ist auch der Wesenskern des Sozialismus. Dabei übersehen sie, dass dieser Versuch in Diktatur und Knechtschaft enden muss.»

Roland Baader ist Nationalökonom und Autor in Waghäusel, Deutschland

aufgezeichnet von René Scheu

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Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
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