«Green Cube» – Kunst trifft Bauernhof

Kälber, Oper, Dadaismus: Kuratorin Heike Munder inszeniert zeitgenössische Kunst auf Kuhweiden am linken Ufer des Zürichsees und fordert: mehr Reibung!

«Green Cube» – Kunst trifft Bauernhof

Heike, wir sitzen in einer Scheune auf einem Bauernhof in Samstagern und trinken frischgepressten Apfelsaft. Was hat das alles mit Kunst zu tun?

Martin Blum, der Besitzer dieses Hofes, Künstler und Landwirt, hat mich vor zwei Jahren angesprochen, ob ich auf seinem Land ein Projekt als Gastkuratorin realisieren möchte. Als er 2009 den Hof von seinem Vater übernahm, hat er begonnen, Projekte mit befreundeten Künstlern zu realisieren. Da sich das Migros Museum für Gegenwartskunst zurzeit im Umbau befindet, ist ein solches Aussenraumprojekt natürlich eine interessante Gelegenheit, um einmal aus den Strukturen eines «White Cube» ausbrechen zu können, den man sonst bedient. Ich finde den Widerspruch von Idee und Ort spannend.

 

Welchen Widerspruch?

Den Widerspruch zwischen Kunst, Gartenromantik und einem Nutzhofbetrieb. Ein Landwirtschaftsbetrieb ist rationalisiert, da die Landschaft sinn- und zweckstiftend aufgeteilt ist. Daran reibt sich natürlich so ein Projekt, das sich an den verwunschenen Renaissancegarten Sacro Bosco in Bomarzo anlehnt. So ein Garten bleibt ohne Nutzfunktion ein reiner Ort der Verzauberung. Eine reiche Verschwendung und ein herrschaftlicher Gedanke: Die Zeit zu haben, sich sein Leben lang mit einem Garten zu beschäftigen und sich diesem hinzugeben.

 

Wie romantisch! Wie sind die Künstler auf das Setting Bauernhof eingegangen?

Sehr unterschiedlich: der Kanadier Geoffrey Farmer reagierte direkt auf den Hof, indem er ein dadaistisches Gewand für Kühe anfertigte, das an traditionellen indischen, aber auch schweizerischen Festschmuck für Vieh erinnert. Dagegen arbeitet der Opernpavillon des Argentiniers Pablo Bronstein mit dem Kontrast zum urchigen Bauernhof. Sein Häuschen bietet nur Platz für fünf Zuschauer! Jeden Monat wird dort die Arie von Scarlatti einmal aufgeführt, den Rest der Zeit ist der Pavillon geschlossen.

 

Du kuratierst nun schon seit über 16 Jahren. Erinnerst du dich noch an deine allererste Begegnung mit Kunst?

Nicht konkret – ich erinnere mich nur an ein Ölbild eines Waldstückes, das bei einer geliebten Grosstante hing. Ich konnte meinen Blick kaum abwenden, so sog es mich auf. Kunst, insbesondere Zeichnungen, hat mich schon sehr früh inspiriert. Kunstgeschichte wollte ich aber seltsamerweise nie studieren.

 

Sondern?

Kulturwissenschaften. Die Kunstgeschichtslehrgänge waren mir zu konservativ. Ich konnte mir damals nicht vorstellen, mich nur mit Mittelalter oder Barock auseinanderzusetzen. Mich haben die Gegenwart und die Zukunft interessiert und damit die intellektuelle Auseinandersetzung mit Kunst. Parallel zum Ende des Studiums habe ich mit Freunden in Lüneburg 1995 einen Kunstverein, die Halle für Kunst e.V., gegründet. Am Anfang waren wir primär performativ und in wechselnden Lokalitäten aktiv. Nach drei Jahren Arbeit erhielten wir erstmals staatliche Förderung und konnten uns damit professionelle Strukturen und permanente Räume leisten.

 

Schon bald darauf wurdest du im zarten Alter von 32 Direktorin des Migros Museums. Es existiert seit 1996, seine Sammlung besteht aber schon seit 1957. Wie haben sich Sammlung und Museumsbetrieb seither verändert?

Die Sammlungsschwerpunkte in den 70ern und 80ern wurden vom damaligen Sammlungsleiter Urs Raussmüller zusammengetragen, sie sind in der Minimal Art, Konzeptkunst und Malerei angesiedelt und haben uns heutige Klassiker wie Bruce Nauman oder Robert Mangold beschert. Der Museumsgründungsdirektor Rein Wolfs versuchte dann in den 90ern, die Idee des klassischen Museums aufzubrechen: er holte das Alltagsleben hinein, verwischte also die Grenzen von Kunst und Leben. Der «White Cube» wurde zum Wohnzimmer. Es wurde gekocht, geschweisst, getanzt – es gab einen Club, Kino und Gesprächsrunden. Das hat die öffentliche Wahrnehmung des Migros Museums für Gegenwartskunst sehr geprägt. Die Sammlungszugänge bestanden in dieser Zeit vor allem aus sozialpolitischen Positionen, etwa Atelier van Lieshout, Alicia Framis, Rirkrit Tiravanija oder Arbeiten von Maurizio Cattelan oder Urs Fischer.

 

Welche sind nun deine Themen- und Sammlungsschwerpunkte?

Als ich Ende 2001 anfing, waren kurz zuvor in New York die Twin Towers zusammengestürzt.…

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