Was der Schweiz fehlt, sind nicht Fachkräfte, sondern der Mut, Älteren eine Chance zu geben
Wir können es uns nicht leisten, ältere Mitarbeiter aufs Abstellgleis zu schieben und wertvolle Erfahrung zu verspielen. Ein Appell an die Schweizer Wirtschaft.
Sie sind verlässlich, loyal und kompetent – und bleiben dennoch auf der Strecke: ältere Arbeitnehmer. Wer über 50 ist, gilt in vielen Branchen als «zu alt», «zu teuer» oder «zu wenig digital». Diese Haltung ist nicht nur sozial fragwürdig, sondern auch ökonomisch eine kurzsichtige Betrachtungsweise. Denn wer auf erfahrene Mitarbeiter verzichtet, verspielt Know-how und Loyalität – genau jene Qualitäten, die in Zeiten des Fachkräftemangels dringend gebraucht werden.
Simone F. hat eine typische Schweizer Karriere hinter sich: KV-Lehre, Weiterbildungen, Branchenwechsel, stetiges Engagement. Und doch verliert sie mit 55 Jahren ihre Stelle – offiziell aus Kostengründen und wegen mangelnder digitaler Affinität. Ein Einzelfall? Mitnichten. Im Oktober 2025 waren in der Schweiz über 36 969 Personen zwischen 50 und 64 Jahren arbeitslos – rund 5000 mehr als im Vorjahr. Eine aktuelle Swiss-Life-Studie zeigt zudem, dass mehr als ein Viertel der Unternehmen Bewerber über 55 grundsätzlich nicht mehr berücksichtigt. Die Gründe sind meist dieselben Vorurteile: angeblich geringe Flexibilität, hohe Löhne, die Angst vor Krankheitsausfällen. Übersehen wird dabei, was Erfahrung tatsächlich bedeutet: Belastbarkeit, gewachsene Netzwerke, Loyalität – und das unbezahlbare Wissen, wie man schwierige Situationen und Krisen meistert.
Wenn Algorithmen das Karriereende besiegeln
Die Digitalisierung hat vieles verändert – auch das Recruiting. Künstliche Intelligenz sortiert Bewerbungen aus, noch bevor sie ein Mensch zu Gesicht bekommt. Wer älter ist oder nicht perfekt ins Raster passt, landet rasch auf dem digitalen Abstellgleis. Das ist algorithmische Diskriminierung! KI erkennt Diplome, aber keine Kompetenzen im umfassenden Sinn. Sie bewertet formale Skills, nicht jedoch Motivation, Empathie oder Teamgeist. Viele Unternehmen nutzen mittlerweile KI-Tools für den Bewerbungsprozess, die genaue Vorgaben machen. Verwendet der Bewerber nicht haargenau die Wörter aus dem Stelleninserat, wird er von der KI aussortiert. Dies, obschon er eigentlich die Anforderungen grösstenteils erfüllt. Daher gilt: Technologie darf Entscheidungen unterstützen, aber nicht ersetzen. Menschliche Erfahrung gehört ins Zentrum – nicht an den Rand.
Die Babyboomer gehen in Rente, der Nachwuchs reicht nicht aus, um den demografischen Wandel auszugleichen. Gleichzeitig bleiben erfahrene Fachkräfte weitgehend unberücksichtigt. Dieses Paradox ist hausgemacht. Statt konsequent auf Weiterbildung und Integration zu setzen, verlassen sich viele Unternehmen auf Zuwanderung. Natürlich braucht die Schweiz internationale Fachkräfte, doch sie darf das Potenzial im Inland nicht verspielen. Ich sage es deutlich: Wir haben keinen eigentlichen Mangel an Fachkräften, wir haben einen Mangel an Mut. Mut, älteren Mitarbeitern etwas zuzutrauen. Mut, in Weiterbildung zu investieren, statt Vorurteile zu pflegen. Und Mut, Erfahrung als strategischen Vorteil zu begreifen.
«Statt konsequent auf Weiterbildung und Integration zu setzen, verlassen sich viele Unternehmen auf Zuwanderung.»
Der Wert der Erfahrung
Im Amt für Wirtschaft und Arbeit Thurgau erleben wir täglich, wie motiviert, lernfähig und engagiert ältere Stellensucher/-innen sind. Wir unterstützen Unternehmen, die diesen Menschen eine Chance geben – auch finanziell. Förderprogramme und Einarbeitungszuschüsse setzen gezielte Anreize, das vorhandene Potenzial zu nutzen. Es gibt keinen vernünftigen Grund, auf Erfahrung zu verzichten – lediglich den Willen, sie zu erkennen.
Die Politik debattiert derzeit über ein höheres Rentenalter. Realistisch ist das jedoch nur, wenn der Arbeitsmarkt alle Menschen mitnimmt. Dafür braucht es eine Revision der Pensionskassen, steuerliche Anreize für Doppelverdiener, flexible Arbeitsmodelle – und vor allem ein Umdenken in den Köpfen von HR-Verantwortlichen und Entscheidungsträgern. Erfahrung darf kein Makel sein, sondern muss als strategischer Erfolgsfaktor gelten. Unternehmen, die ältere Mitarbeiter fördern, handeln nicht aus Sozialromantik, sondern aus ökonomischer Weitsicht.