Barbaren schlagen die Notenbanker
Die Goldwährung Tremissis trotzte dem Untergang des Römischen Reiches und war vierhundert Jahre lang ein Anker der Stabilität. Dagegen wirken heutige Geldpolitiker wie Falschmünzer.
Barbaren ruinierten das Römische Reich, ihre Reiche schoben sich selbst ab circa 420 über- und hintereinander, aber etwas hielten sie hoch – ihre Währung. Vierhundert Jahre lang trotzte die Goldmünze Tremissis dem Chaos auf dem europäischen Kontinent und beherrschte den Handel Europas und Nordafrikas. Vierhundert Jahre behielt sie ihr Goldgewicht von 1,45 Gramm, kein Barbarenreich kratzte daran, fälschte oder inflationierte, nicht die Ostgoten, nicht die Westgoten, Vandalen, Burgunder, Merowinger, Langobarden oder Angelsachsen.
Unsere ach so hochstehende Zivilisation fällt dagegen krass ab. Der Dollar als Währung der Weltmacht USA verlor seit 1971 über 99 Prozent seines Goldwerts, von Pfund, Lira oder Franc nicht zu reden. Der Franken, für viele ein Hort der Stabilität, hat, seit die Nationalbank ihn ausgibt (1907), über 90 Prozent an Goldwert verloren. Die Konsumkaufkraft in anderen realen Gütern gerechnet fiel überall ebenso drastisch ab. Die «Inflationsziele» der Notenbanken von zum Beispiel 2% amputieren ein Geldguthaben in 35 Jahren um die Hälfte.
Währung übernommen
Für das Währungswunder des Tremissis gibt es Erklärungen. Es geht von der Währungsreform ab 383 n. Chr. der oströmischen Kaiser Valentinian und Justinian aus, wodurch der Solidus als Goldmünze von 4,5 Gramm etabliert wurde. Handlicher war die kleinere Variante eines Drittels des Solidus, eben des Tremissis von 1,45 Gramm Gold. Die Barbarenreiche übernahmen diese Teilmünze und prägten sie über Jahrhunderte selbst weiter, teils mit Justinians Konterfei, teils mit Symbolbildern ihrer Könige.

Tremissis des letzten weströmischen Kaisers Julius Nepos (etwa 474–475). Bild: Wikimedia Commons.
Dass sie den Goldwert nicht manipulierten, kommt aus dem Währungswettbewerb der damaligen Zeit: Es gab keine Einheitswährung, keinen Zwangskurs. Ein neues Reich von Barbarenstämmen musste dringend seine Reputation aufbauen und wahren. Nur mit werthaltigem, stabilem Geld war das zu machen. Nur mit gutem Geld als Tauschmittel kam der Warenhandel wieder langsam in Gang, der nach dem Zerfall des grossen römischen Marktes ins Stocken geraten war.
Schliesslich war Gold erstaunlicherweise vorhanden. Die Barbaren hatten in den letzten Jahren des Weströmischen Reiches als Söldner Gold verdient, hatten Gold von Ostrom und Westrom als Tribute abgepresst, hatten geraubt – die Goten 410 bei der Eroberung Roms 5000 Pfund Gold, die Vandalen 455 ebendort ein Mehrfaches, darunter den 50 Kilogramm schweren goldenen Tisch aus Jerusalems Tempel, den Titus für Rom abserviert hatte. Die 165 Tonnen Gold aus dem Dakerkrieg Kaiser Trajans (im heutigen Rumänien) waren natürlich auch in der Geldzirkulation Roms geblieben. Da Westeuropa kaum Goldminen kannte und kennt, dürfte dasselbe Gold von Hort zu Hort, von Raub zu Raub zirkuliert haben.
«Die Kriegsherren waren nicht die Äxte schwingenden wilden Barbaren aus Historienbildern des 19. Jahrhunderts, sondern nüchterne Rechner.»
Ganz wichtig ist eine moderne Erklärung der «Völkerwanderung». Diese Stämme fielen nicht zu Millionen ins Römische Reich ein, sie praktizierten nicht flächendeckende Brandschatzung, sie mordeten nicht römische Bürger wahllos hin. Vielmehr war Westrom bankrott und wehrlos; es lief meist auf einen «Elitentausch» hinaus – ein paar tausend, zehntausend Kriegsherren erhielten Land zugewiesen, oft auch nur das Steuersubstrat gewisser Regionen. Die römische Verwaltung blieb lange intakt, zog diese Steuern weiter ein und lieferte sie statt nach Rom an die Kriegsherren. Der grosse Rest der Völker zog dann nach und musste arbeiten.
Die Kriegsherren waren nicht die Äxte schwingenden wilden Barbaren aus Historienbildern des 19. Jahrhunderts, sondern nüchterne Rechner. Sie sprachen fliessend Latein. Sie kannten die römische Verwaltung und Heerestaktik von Kindsbeinen an: Die Fürstensöhne der Barbaren waren oft unter den Föderatenverträgen der letzten Jahrzehnte Roms als Geiseln am römischen Hofe gewesen. Sie hatten viel abgeguckt und wurden verwöhnt – umgekommene Geiseln hätten Kriege ausgelöst. Diese Kulturübernahme lief nach den Reichsgründungen der Barbaren zu voller Staatlichkeit auf, wozu eben auch eine gute Geldordnung gehörte.

Kollektive Geldillusion
Die spätantike Geldordnung ging zu Ende, als Karl der Grosse das Langobardenreich 774 eroberte. Aber mit erst späteren, kleinen Abschlägen im Goldwert und dem Ersatz gelegentlich durch Silber dauerte der Tremissis 400 Jahre als Hauptmünze auf dem Boden des alten Westroms. Die heutigen Notenbanker sind Falschmünzer im Vergleich und der amerikanische Präsident insbesondere, wenn er die Geldpolitik selbst bestimmen und den Dollar erklärtermassen weiter schwächen will.
Das ist denn auch der Unterschied heutigen Papiergeldes zur damaligen Metallgeldordnung. Die Emittenten, heute die Zentralbanken mit staatlichem Zwangskurs, können die Geldmenge beliebig ausdehnen, es sind eben Fiatwährungen. (Immer noch muss Latein herhalten, damit der moderne Geldpfusch wissenschaftlich tönt: fiat = es werde). Mit der Migration auf Elektronik wird das Ganze noch manipulierbarer.
Hilfreich bei dieser kollektiven Geldillusion ist das kurze Gedächtnis, der geschäftliche kurze Horizont der Teilnehmer. Wer schert sich schon darum, dass der Dollar und der Euro innert weniger Jahre 40 Prozent ihrer Konsumkaufkraft verloren haben? Geld wird zur heissen Kartoffel, die man möglichst schnell weiterreicht und in Sachwerte, Wertpapiere steckt. Dass die Banken ihrerseits grossenteils hohl sind, weil sie Einlagen mehrfach weiterleihen, interessiert kaum. Das Ganze dauert ja an, nur wer zuletzt den Besen hält, verliert wie bei der Finanzkrise 2008. Lehman Brothers, die UBS, fast alle Grossbanken des Westens hatten rote Köpfe, als das Publikum sein Geld sehen wollte. Denn sie hatten das Geld, das ihre Bilanzen auswiesen, gar nicht vorrätig, sondern es lag anderswo im Kreislauf. Fast alle mussten sich von öffentlichen Kassen retten lassen.
Unser System des Buchgeldes ist auf das ungebrochene und ungefragte tägliche Weiterdauern angelegt. Doch die Dauer bricht gelegentlich ab wie das alte Westrom mit seiner Geld- und Fiskalverluderung. Vielleicht glänzt auch bei uns, wie in den neuen Barbarenreichen, dereinst das Gold wieder als letzter Währungsanker. Oder private Selbsthilfe wie Goldklauseln in Verträgen, Kryptowerte, Geldersatz auf realer Hinterlage, Vollreservebanken, indexierte Obligationen schaffen Remedur, indem sie die vertraglich abgemachten Werte wahren.