Gemeinschaftshemmende Gemeinsamkeiten
François Bondy, fotografiert von Isolde Ohlbaum (slash) laif.

Gemeinschaftshemmende Gemeinsamkeiten

«…Europäer sein hingegen sehr»

Wird das direkt gewählte Parlament der Europäischen Gemeinschaft den Bürgern ein neues Gefühl der Einheit oder doch der engeren Verbundenheit, der Schicksalsgemeinschaft geben oder wird sich hier alles in Detailfragen über Zölle und Abschöpfungen verzetteln, die zwar von grossem praktischem Interesse sind, aber dennoch nicht in den politischen Horizont der Europäer treten, ihnen nicht das Gefühl vermitteln, dass Europa mit ihrem Alltag, ihren Entscheidungen zu tun hat? Warum sind die Europäer trotz ihrer Interessengemeinschaft, trotz ihres Kontrastes zum Sowjetimperium und ihrer Unterscheidung gegenüber den Vereinigten Staaten – beides ist Teil ihrer Eigenart – einander in diesen Jahren nicht viel entscheidender nähergerückt? Warum haben sie trotz der Ausschaltung der Konflikte, der Beilegung der Feindschaft noch immer Mühe, einander zu verstehen, sich zu verständigen? Für Europäer, die relativ frei ihre Zukunft bestimmen konnten, schienen damals, um 1950, alle Wege zu einem gemeinsamen Europa zu führen. Heute dürfen wir eher an die Novelle von Jorge Borges denken: «Die Pfade, die nirgendwohin führen». Wir müssen uns fragen, was eigentlich die Europäer von diesem Ziel abgelenkt hat, dem auch extreme Nationalisten in Worten huldigen.

Dass die europäische Idee bei allen Hemmnissen und Enttäuschungen niemals ganz untergegangen ist, dass immer wieder neue Anläufe gewagt werden, ist eher erstaunlich als selbstverständlich. Wenn Karl Marx schrieb, dass sich die Menschheit jeweils nur Probleme stelle, die sie lösen könne, so ist diese Behauptung unbewiesen – und bisher auch nicht durch das «Projekt Europa» bestätigt. Wir kommen von ihm nicht los und nicht ab, und doch haben wir keine Gewissheit, dass eine weithin anerkannte Notwendigkeit in Wirklichkeit umzusetzen ist.

Bevor da Völkerpsychologie bemüht wird, deren letzter grosser essayistischer Vertreter Salvador de Madariaga Ende des vergangenen Jahres verstorben ist und die heute am ehesten von Humoristen wie dem Ungarn-Engländer George Mikes gepflegt wird, soll folgende Hypothese erwogen werden: Die europäischen Völker sind nicht nur durch ihre immer noch deutlich konturierten Verschiedenheiten getrennt – auch die «Amerikanisierung» hat sie nicht abgeflacht –, sondern auch durch gleichzeitige, gleichgerichtete Entwicklungen, die sonderbarerweise mehr Distanz als Kommunikation bewirken.

Wo sind die «Europäer»?

Eine solche Gemeinsamkeit ist das Schwinden einer bestimmten «kosmopolitischen» Schicht – fast hätte ich «Elite» gesagt! –, die nicht nur im übertragenen, sondern auch im unmittelbaren Sinn eine gemeinsame Sprache hat, welche zwischen den «Gründervätern» Konrad Adenauer, Robert Schuman, Alcide de Gasperi übrigens die deutsche war.

Die grössere Vielfalt der Wirtschaftsverbindungen und dazugehörigen Regelungen hat sprachlich nicht zu intensiverer Kommunikation geführt. Das Prestige der eigenen Sprache – die Minister im europäischen Ministerrat brauchen sie grundsätzlich – steht der vernünftigeren Entscheidung im Weg, die wäre, sich auf eine bis zwei «Weltsprachen» oder «Leitsprachen» zu einigen – es wären Englisch und Französisch – und den Brüsseler Verhandlungen und Debatten die Sechssprachigkeit zu ersparen, die auch das dortige Amtsblatt belastet. Ein Nachteil unter andern ist, dass gegenwärtig die Übersetzungen der zahllosen Verordnungen nie schnell genug vorliegen.

Mit der Erweiterung der EG werden demnächst die Griechen, Spanier, Portugiesen ihr bedeutendes sprachliches Erbe geltend machen. Manche deutschen Bildungspolitiker empfehlen, dass in den Schulen drei bis vier Fremdsprachen gelernt werden sollen; sie erhoffen sich eine polyglotte Jugend, wo es doch bereits mit der Zweisprachigkeit nicht gutsteht. Wer die Enqueten über den Rückgang des Französischen in deutschen Schulen kennt, muss vor so anspruchsvollen Lernzielen skeptisch bleiben. Mit grossen Massen junger vielsprachiger Europäer ist nicht zu rechnen. Nun sind unsere indoeuropäischen Sprachen – der Ausdruck «indogermanisch» ist selber ein Relikt des kulturellen Nationalismus! – bei aller Besonderheit übersetzbar, doch gilt das nicht für alle Bereiche im gleichen Mass. Zwischen Deutschen und Franzosen sind die Traditionen der Rechtsphilosophie und Jurisprudenz – um nur dieses Beispiel zu nennen –…

«Der Entkalker fürs Hirn:
Nicht links, nicht rechts –
einfach intelligent!»
Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
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