Tyler Cowen, zvg.

Wachstum heisst Wohlstand

Die langfristigen positiven Auswirkungen des Wirtschaftswachstums werden dramatisch unterschätzt. Wir sollten politische Massnahmen nicht nach ihrer Sofortwirkung beurteilen, sondern nach ihrem Einfluss auf den Innovationspfad.

Es klingt so einfach: Prosperität und individuelle Freiheit! Wer könnte dagegen etwas einwenden? Auf abstrakter Ebene findet man tatsächlich kaum Menschen, die sich gegen diese Werte aussprechen. In der Praxis aber wenden wir uns immer wieder von ihnen ab, weil wir keine klare Vorstellung davon haben, warum und wie Freiheit und Wohlstand überhaupt zustande kommen bzw. voneinander abhängen. Deshalb ist es notwendig, diese abstrakten Grössen nachvollziehbar und Wachstum transpa­renter zu machen – und vielleicht tut es gut, sich noch einmal zu vergegenwärtigen, worüber wir hier reden.

Die Annehmlichkeiten des Wachstums

Warum überhaupt Wachstum? Stellen Sie sich vor, ein Zeitreisender aus dem 18. Jahrhundert würde Bill Gates besuchen. Er würde Fernseher, Autos, Kühlschränke, Zentralheizung, Antibiotika, reichlich Nahrung, Spültoiletten, Handys, PCs und erschwingliche Flugreisen finden. Die beeindruckendsten Annehmlichkeiten aus Gates’ Leben wären aus Sicht dieser zeitreisenden Person jene, die auch den meisten anderen Bürgern wohlhabender Länder zur Verfügung stehen. Die blosse Existenz einer Hochkultur – das Produkt kumulativen Wirtschaftswachstums – bringt den gewöhnlichen Bürgern immense Vorteile. Wirtschaftswachstum ist der einzige dauerhafte Weg aus dem Elend. Dank ihm ist die westliche Welt der Armut des Jahres 1000 n.Chr. oder 5000 v.Chr. entronnen, dank ihm wurde Ostasien jüngst bemerkenswert wohlhabend, dank ihm, so es denn anhält, wird sich unser Lebensstandard auch in Zukunft verbessern.

Die Geschichte des Wirtschaftswachstums zeigt, dass dieses – von einigen Ausnahmen abgesehen – Elend lindert, die Möglichkeiten zum Streben nach Glück erweitert und das Leben verlängert. Wohlhabendere Gesellschaften haben einen besseren Lebensstandard, bessere Medikamente, sie bieten mehr persönliche Autonomie, mehr Erfüllung und mehr Spass. Die schiere Dimension des kumulierten Wirtschaftswachstums wird gern verkannt: Vom Ökonomen Russ Roberts befragte Journalisten schätzen die Erhöhung des Lebensstandards seit dem Jahr 1900 typischerweise auf etwa 50 Prozent. In Wirklichkeit hat er sich – konservativ geschätzt – aber um Faktor 5 bis 7 erhöht, möglicherweise noch viel mehr, abhängig davon, wie wir die Preise und den Wert des Outputs im Laufe der Zeit messen.

Fest steht: So wie die Gegenwart aus Sicht der Vergangenheit bemerkenswert erscheint, würden wir heute die Zukunft beurteilen, wenn sie uns ein Zeitreisender schildern würde. Höhere Lebenserwartung, Heilmittel für schwächende Krankheiten, kognitive Aufwertungen: Milliarden von Menschen werden ein viel besseres und längeres Leben haben. Viele Merkmale des heutigen Lebens werden uns eines Tages so rückständig erscheinen, wie uns heute z.B. die hohe Geburtensterblichkeit früherer Jahrhunderte rückständig erscheint. Einfach zusammengefasst: Die Herrlichkeiten der modernen Welt sind also nicht einfach frivole Spielereien, sondern wichtige Quellen menschlichen Komforts und Wohlbefindens.

BIP-Wachstum vs. Wohlstandsplus

Ein kleiner, aber wichtiger Einwand: Wenn ich von Wachstum spreche, meine ich nicht das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Das BIP verwenden die Ökonomen, um den Gesamtwert der innerhalb eines Jahres produzierten Waren und Dienstleistungen zu messen und zu vergleichen. Ich schlage ein umfassenderes Konzept vor, nennen wir es «Wohlstandsplus»: Dieses berücksichtigt neben dem BIP auch den «Konsum» von Freizeit, die Haushaltsproduktion (produktive Aktivitäten, die unentgeltlich zu Hause ausgeführt werden), Annehmlichkeiten, die uns die Natur zu bieten hat, und vieles mehr, das unser Wohlergehen beeinflusst. Denn: Die BIP-Statistiken sind verzerrt zugunsten jener Dinge, die leicht und einigermassen präzise messbar sind. Das Wohlstandsplus umfasst hingegen den gesamten Wertumfang, der innert eines gewissen Zeitraums von den Menschen erzeugt wird. Maximierung des Wohlstandsplus bedeutet entsprechend nicht, dass wir alle so viel wie möglich arbeiten sollten. Ein 14-Stunden-Arbeitstag könnte zwar kurzfristig das BIP maximieren, er wäre aber langfristig weniger vorteilhaft, wenn wir den Wegfall unserer Freizeit und die erhöhte Burn-out-Gefahr einkalkulieren. Maximierung des Wohlstandsplus beinhaltet auch Bewahrung der Umweltqualität. Generell impliziert die Maximierung des Wohlstandsplus das Streben nach einem wirtschaftlich wie ökologisch nachhaltigen, also langfristigen Wachstum.

Wirtschaftswachstum und Glück

Doch macht uns all dieses…

Wachstum heisst  Wohlstand
Tyler Cowen, zvg.
Wachstum heisst Wohlstand

Die langfristigen positiven Auswirkungen des Wirtschaftswachstums werden dramatisch unterschätzt. Wir sollten politische Massnahmen nicht nach ihrer Sofortwirkung beurteilen, sondern nach ihrem Einfluss auf den Innovationspfad.

Vom Baum der Erkenntnisse
Joel Mokyr, fotografiert von Basso Cannarsa/Opale/Leemage/laif.
Vom Baum der Erkenntnisse

Ja, wir haben die tiefhängenden Früchte des technischen Fortschritts schon gepflückt, aber die Wissenschaft ermöglicht es uns, immer höhere Leitern zu bauen. Bei der Beurteilung des Innovationstempos sollten wir uns nicht auf BIP-Zahlen verlassen. Sie führen in die Irre: Uns steht keine Stagnation bevor.

«Der Entkalker fürs Hirn:
Nicht links, nicht rechts –
einfach intelligent!»
Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
über den «Schweizer Monat»