Ein gutes Geschäft
Illustration von Christina Baeriswyl.

Ein gutes Geschäft

Lohnen sich Förderstiftungen für die Gesellschaft? Eine neue Studie gibt eindeutige Antworten.

Dass Stiftungen einen «Mehrwert für die Gesellschaft» schaffen, ist in Stiftungskreisen eine oft zitierte Überzeugung. Auch Vertreter von Staat und Verwaltung begrüssen die steigenden Stiftungszahlen, sehen sie in Stiftungen doch einen Mehrwert für die Gesellschaft. Aus diesem Mehrwert leiten sich unmittelbar die steuerlichen Privilegien ab, die Stifter und Stiftungen geniessen.1 Die Hypothese, dass sich Förderstiftungen für die Gesellschaft lohnen, ist also mehr als eine blosse Selbstzuschreibung: Sie ist Grundlage für die öffentliche Legitimation von Stiftungen und vor allem auch für die Steuervergünstigungen, die der Staat Stiftern und Stiftungen einräumt.

Diese Legitimation ist allerdings alles andere als selbstverständlich. Der Staat schafft mit Spenden und Stiftungen nämlich einen alternativen Weg der Umverteilung: Statt Steuern abzuschöpfen, um öffentliche Aufgaben zu finanzieren, eröffnet er seinen Bürgern die Möglichkeit, ihre Mittel direkt an gemeinnützige Organisationen zu geben. Stimmt es aber tatsächlich, dass hiermit ein gesellschaftlicher Mehrwert geschaffen wird, weil mehr Mittel generiert werden, die andernfalls nicht dem Gemeinwohl zugeflossen wären?

«Der Staat schafft mit Spenden und Stiftungen einen alternativen Weg der Umverteilung.»

Im Auftrag von SwissFoundations, dem Verband der Schweizer Förderstiftungen, haben wir eine europäische Pionierstudie erarbeitet, welche die der Allgemeinheit in Form von Zuwendungen durch eine gemeinnützige Stiftung zufliessenden Mittel mit denjenigen vergleicht, die der Gesellschaft durch die Steuerbefreiung der Stiftung entgehen.2 Dazu haben wir zwei praxisnahe Modellfälle entwickelt, in deren Zentrum zwei Stifterpersönlichkeiten und ihre philanthropischen Ansprüche stehen: Herr Sigrist aus Zürich und Frau Dubois aus Lausanne. Was haben sie vor – und wie profitiert die Gesellschaft davon?

Grüezi, Herr Sigrist!

Herr Sigrist ist 52, verheiratet, hat zwei Kinder und ist erfolgreicher Unternehmer. Er versteuert ein Reineinkommen von rund CHF 2 Mio. und ein Vermögen von rund CHF 100 Mio. Herr Sigrist lebt in Zürich und möchte dort eine kapitalerhaltende Stiftung mit einem Stiftungsbetrag von CHF 20 Mio. gründen. Er entscheidet sich für eine gemeinnützige Förderstiftung, die sich den Themen Bildung und Forschung widmen soll. Er strebt eine Rendite von 3 Prozent an, die jährlich zu 100 Prozent ausgeschüttet wird.

Wenn Herr Sigrist CHF 20 Mio. in eine Förderstiftung einbringt, partizipiert die Gesellschaft an den Ausschüttungen, mit denen die Stiftung gemeinnützige Projekte unterstützt. Bei einer angenommenen Verzinsung von 3 Prozent entspricht dies jährlichen Ausschüttungen von CHF 600 000, die die Stiftung Jahr für Jahr in Bildungs- und Forschungsprojekte investiert.

Dieser Summe stehen die gesellschaftlichen Kosten gegenüber, die durch die Stiftungsgründung anfallen. Hier sind zunächst die Steuereinbussen zu nennen, die entstehen, wenn Herr Sigrist den Stiftungsbetrag in Abzug bringt: Herr Sigrist kann den Stiftungsbetrag bis zu einem Maximum von 20 Prozent seines steuerbaren Einkommens bei der Einkommenssteuer geltend machen. Vom gesamten Stiftungsbetrag von CHF 20 Mio. kann er daher bei einem steuerbaren Reineinkommen von CHF 2 Mio. einen Betrag von CHF 400 000 von seinem steuerbaren Einkommen abziehen. Bei einem anwendbaren Grenzsteuersatz in Zürich von 39,6 Prozent spart er also durch die Errichtung der Stiftung rund CHF 158 000 an Einkommenssteuern.

Zu diesen einmaligen Steuereinsparungen bei der Gründung zu addieren sind noch laufende Steuereinbussen. Denn wenn Herr Sigrist das Geld behält, müsste er die Mittel weiterhin versteuern, so dass diese Steuern in die Betrachtung miteinbezogen werden müssen, um ein vollständiges Bild zu erhalten. Da die Besteuerung unmittelbar von der Frage abhängt, was Herr Sigrist mit den Mitteln alternativ machen würde, werden die laufenden Steuern im folgenden anhand von zwei Verwendungsbeispielen berechnet.

Vergleich 1:
Kapitalerhaltende Stiftung vs. private Vermögensanlage

Im ersten Modellfall wird die Stiftungsgründung einem Szenario gegenübergestellt, bei dem Herr Sigrist das Geld behält, privat anlegt und jährlich versteuert. Wie die Abbildung zeigt, sind dabei jeweils verschiedene Rückflüsse an die Allgemeinheit zu betrachten:

Die Sache mit der Gemeinnützigkeit
Illustration von Christina Baeriswyl.
Die Sache mit der Gemeinnützigkeit

Wer philanthropisch tätig wird, stellt sich und sein Handeln in den Dienst anderer, seine Eigeninteressen hintan. Damit dieses Engagement aber überhaupt möglich wird, müssen die Rahmenbedingungen stimmen – und darüber entscheiden nicht zuletzt die Steuerbehörden.

Vertrauensaufbau statt Steuerabzug

In Politik und Gesellschaft mangelt es am grundsätzlichen Verständnis über die Funktionsweise und die Leistungsfähigkeit des Stiftungssektors. Es gibt Anzeichen, dass sich das ändert – im Hinblick auf politische Strategiefindung, mehr Transparenz, bessere Regulierung und faire Berichterstattung ist aber noch viel zu tun.

«Der Entkalker fürs Hirn:
Nicht links, nicht rechts –
einfach intelligent!»
Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
über den «Schweizer Monat»