Weiss die Europäische Zentralbank, was sie da tut?

Die Geldpolitik ist in einer Sackgasse – und der einzige Weg hinaus aus politischen Gründen versperrt.

Weiss die Europäische Zentralbank, was sie da tut?
Mathias Binswanger, zvg.

Wenn es darum geht, die Geldpolitik der wichtigsten Zentralbanken in den letzten Jahren zu analysieren, stellt sich erst einmal eine Frage: Welche Auswirkungen können tiefe Zinsen und eine damit verbundene expansive Geldpolitik auf die Wirtschaft haben? Eine solche Politik hat insbesondere die Europäische Zen­tralbank (EZB) in jüngerer Zeit verfolgt. Da Geld in erster Linie geschaffen wird, indem die Geschäftsbanken Kredite vergeben, hängt die Antwort ganz entscheidend davon ab, was die Kunden dieser Banken mit dem neugeschaffenen Geld machen. Dabei lassen sich die folgenden drei grundsätzlichen Möglichkeiten unterscheiden:

1. Reales Wachstum: 

Geld wird produktiv verwendet, etwa zur Finanzierung zusätzlicher bzw. besserer Arbeitskräfte oder Sachwerte. Es wird also in die Produktionsfaktoren Arbeit und Realkapital investiert, was eine Ausdehnung bzw. Veränderung der Produktion bewirkt. 

Unternehmen, die sich von einer Geschäftsbank Geld ausleihen, verwenden das Geld dafür, neue Maschinen oder Anlagen zu kaufen, die Beschäftigung zu erweitern und die Produktionsprozesse zu verbessern, so dass sie in Zukunft mehr oder auch neue Arten von Gütern und Dienstleistungen produzieren können. Das zusätzlich in der Wirtschaft umlaufende Geld ermöglicht dann eine Zunahme sowohl der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage als auch des gesamtwirtschaftlichen Angebots. In der Realität sind allerdings nicht alle finanzierten Investitionsprojekte erfolgreich, und die Finanzierung nicht erfolgreicher Investitionsprojekte führt zu Inflation, da den erhöhten Ausgaben keine Mehrproduktion gegenübersteht. Solange aber eine Mehrheit der Investitionsprojekte erfolgreich ist, bewirken Investitionen in Realkapital genauso wie die Schaffung neuer Arbeitsplätze in erster Linie reales Wirtschaftswachstum1

2. Inflation bei Gütern und Dienstleistungen: 

Geld wird unproduktiv verwendet, um bereits existierende Güter und Dienstleistungen zu kaufen.

Wird neugeschaffenes Geld für den Kauf von bereits früher produzierten Gütern oder Dienstleistungen eingesetzt, dann erhöht sich die Geldmenge, ohne dass irgendetwas Zusätzliches hergestellt wird. In diesem Fall führt die Geldschöpfung zu Inflation, da sich die gesamtwirtschaftliche Nachfrage erhöht, aber das Angebot konstant bleibt. Eine solche unproduktive Verwendung ergibt sich am offensichtlichsten bei Konsumkrediten, wo nur zusätzliche Nachfrage finanziert wird. Aber auch Kredite an Unternehmen und Geldschöpfung durch Aufkauf von Staatsschulden können zu unproduktiver Geldverwendung führen, wenn damit keine zusätzliche Produktion finanziert wird.

3.  Inflation auf Finanzmärkten: 

Geld wird unproduktiv zum Kauf von Wertpapieren (vor allem Aktien) und – in jüngerer Zeit noch viel wichtiger – Immobilien verwendet. 

Neugeschaffenes Geld kann auch zum Kauf von Wertpapieren oder Immobilien verwendet werden. In diesem Fall findet die Inflation auf den entsprechenden Finanzmärkten oder dem Immobilienmarkt statt, ohne dass sie in den Statistiken als Inflation gemessen wird. Sie äussert sich dann in Form von steigenden Aktienkursen oder steigenden Grundstückpreisen, da die Nachfrage nach diesen Aktiven ansteigt, ohne dass sich das Angebot verändert. Solche Preissteigerungen haben häufig spekulativen Charakter. Bei länger anhaltenden, starken Preissteigerungen spricht man von spekulativen Blasen. Diese Blasen platzen oft abrupt – es kommt zum «Crash» – und verursachen dann Finanzkrisen.

«Kaum jemand ausserhalb der EZB wird ernsthaft annehmen, dass Unternehmen mehr investieren, wenn die Inflationsrate statt bei 1 Prozent bei 2 Prozent liegt.»

In der Realität können wir alle der drei beschriebenen Auswirkungen beobachten, wobei je nach wirtschaftlicher Situation die eine oder andere dominiert. So war in Deutschland in den 1950er und 1960er Jahren, also in der Zeit des Wiederaufbaus und des Deutschen Wirtschaftswunders, eindeutig die produktive Verwendung von Krediten vorherrschend. Entsprechend bewirkte Geldschöpfung vor allem reales wirtschaftliches Wachstum. Nach dem Ersten Weltkrieg bis zur Hyperinflation im Jahre 1923 hatte hingegen die unproduktive Verwendung dominiert – «schnell ausgeben, bevor es nichts mehr wert ist», wie dies immer der Fall ist, wenn zu schnell zu viel Geld geschaffen wird. Der Börsenboom Ende der 1990er Jahre in den USA, aber auch in vielen europäischen Ländern ist ein Beispiel für eine grösstenteils unproduktive Verwendung von…

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