Nacht des Monats auf dem Gurten
Steff la Cheffe, fotografiert von Nicolas A. Rimoldi.

Nacht des Monats auf dem Gurten

Nicolas A. Rimoldi spielt Discgolf mit Steff la Cheffe.

 

Mit dem Kampfschrei «Jedi, flieg!» wirft Steff la Cheffe den blauen Frisbee in den Wald. Hoch über Bern, bei rauhem Wind und warmer Sonne, spielen wir eine Partie Discgolf. Wer für den Parcours, dessen Körbe grossräumig über den Gurten verteilt sind, weniger Würfe benötigt, gewinnt eine Schokomünze. Nach dem ersten Korb liegen wir gleichauf. Dann beginnt das Abenteuer: Wie kommen wir zum nächsten Korb? Einen Umweg um den Wald nehmen oder quer durchs Unterholz? Steff la Cheffe entscheidet sich für den direkten Weg. «Wir spielen nach unseren eigenen Regeln», sagt sie. Und so kämpfen wir uns unerschrocken durch Gestrüpp, Schlamm und Dornen.

Mit «Ha ke Ahnig» und «Habibi» stürmte Steff la Cheffe die Charts. 2011 gewann die Bernerin den Swiss Music Award als «Best Talent National» und veröffentlichte im Mai bereits ihr viertes ­Album. Wie überstehen Musikschaffende Monate ohne Auftritte? Steff la Cheffe hatte keine Konzerte geplant: «Ig ha huerä Schwein gha.» Sie nutzte die Zeit, um kreativ tätig zu sein, den Garten zu bestellen und auch, um einmal grundsätzlich über die Bücher zu gehen, über Strukturen nachzudenken und zu überlegen, wo es überhaupt im Leben hingehen soll.

Diese selbstreflektierende Haltung zeigt sich auch in ihrer Musik, die ruhiger geworden ist. Wollte sie noch 2010 «dr Uf­schtand plane u Bombe baschtle», verbreiten ihre neusten Lieder ­weniger revolutionäres Feuer, sondern vielmehr gute Laune: «Es isch guet so, wie’s isch. Lah la sii, was isch gsi. Irgendwenn, ­irgendwenn isch des aues vrbii.» Im Gespräch sagt sie: «Wut, die sich anstaut, kühlt ab, verhärtet und wird zu Hass. Wut kannst du aber für etwas Konstruktives nutzen, um etwas zu verändern.» Nur in der Langeweile finde man zu sich selbst. «Die innere Stimme hörst du erst, wenn es ruhig wird, nicht wenn du dich von äusseren, kurzlebigen Dingen ablenken lässt», sagt sie. «Immer wieder kommst du zu deinen Themen zurück, zum ungelösten Problem – bis du es löst.» Mensch zu sein heisse, sich weiter­zuentwickeln.

Zunehmend ist Steff la Cheffe überzeugt, dass sie als Künstlerin nur ein Gefäss sei für die zeitlosen Themen und Fragen ­dieser Welt. Im Lied «Holunder» besingt sie die goldene Mitte, ­einen Ort zwischen den Extremen, einen Zustand der Ruhe. Kompromiss­bereitschaft und gegenseitiges Zuhören liegen der Chefin am ­Herzen, so singt sie in «Einisch»: «Zwüsche Yang u Yin gits no ­Anthrazit.»

Am Ostsignal des Gurtens geniessen wir die Aussicht. Steff la Cheffe dreht sich eine Zigarette und erzählt: «Ins Beatboxen habe ich mich sofort verliebt und gespürt: ‹Hey, das will ich auch!›» Doch das Musikgeschäft hat sich mit der wachsenden Verbreitung von Streamingdiensten grundlegend verändert. Allein mit dem Verkauf von Musik lasse sich heute, als Schweizer Mundartmusikerin, kaum ein sicheres Einkommen verdienen. «Ich könnte zwar Influencerin werden und für irgendwelche Marken Werbung machen. Das könnte ich aber schwierig mit meinem Gewissen vereinbaren.» Also bleibt sie bei der Musik. Zufällig fährt eine Frau mit dem Velo vorbei, hält an und lobt: «Du hesch e huere geili Stimm!»

Kürzlich äusserte sich Steff la Cheffe zu «Black Lives Matter». «Mir war es wichtig, das Schild hochzuhalten», erzählt sie. «Natürlich ist ein einziger Post noch kein Engagement.» Wird mehr folgen? Sie will bei ihren Themen – die Rolle der Frau, Antirassismus, Migration und Umweltschutz – weiterhin Verantwortung übernehmen. Apolitisch waren ihre Lieder nie: Eines ihrer ersten war dem tibetischen Freiheitskampf gewidmet. Sie empfindet es als fehlende Solidarität, wenn Männer schweigen, wenn es um ­Sexismus geht.

Einen Korb lassen wir aus, weil direkt daneben eine Familie picknickt. Die Zeit vergeht wie im Flug. Bald schon sind wir beim letzten Korb. Dieser liegt viele Dutzend Meter entfernt. Drei Runden Schere-Stein-Papier sollen darüber entscheiden, wer…

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»