Wir brauchen Ihre Unterstützung — Jetzt Mitglied werden! Weitere Infos

Millimeterarbeit mit Schwermetall

Bohren, montieren, Gleise verschieben und beschriften: Ein Tag unterwegs in der Gleisfertigung der Basler Verkehrs-Betriebe.

Millimeterarbeit mit Schwermetall
Trotz Unterstützung zahlreicher Maschinen ist Gleisfertigung vor allem eins: Teamarbeit. Bild Fabian Gull.

Ein Selbstversuch zum Thema Handwerk soll es also werden, haben die Kollegen auf der Redaktion befunden. Na toll, denke ich. Nicht dass ich handwerklich völlig unbegabt wäre. Eigentlich gar nicht. Okay, vielleicht ein bisschen. Doch ehrlich gesagt gehört es nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen, mich darum zu kümmern, wenn zu Hause wieder einmal etwas klemmt oder kaputtgegangen ist. Anderseits liebe ich das Kochen. Das ist schliesslich auch Handwerk.

An diesem heissen Sommertag im August helfe ich in der Produktion der Gleisfertigung der Basler Verkehrs-Betriebe (BVB) aus. Wobei Aushelfen optimistisch formuliert ist. Es geht wohl vielmehr darum, den Werksbetrieb nicht unnötig zu stören. Die Werkhalle im Basler Dreispitzareal ist von imposanten, aufeinandergestapelten Gleisen umgeben. Das Lager ist zurzeit randvoll. Grund dafür sind auch die vielen Einsprachen, welche Bauvorhaben auf Jahre hin blockieren können. Sei es, weil sich jemand an einer Haltestellenverschiebung oder einer neuen Gleislage stört. Dann bleiben die Gleise halt länger auf dem Areal als geplant.

Unterirdisches Millefeuille

Die Gleise stammen aus einem Stahlwerk in Luxemburg. Die Schienen sind 18 Meter lang und wiegen 1080 Kilogramm. Bewegt werden sie mit einem Portalkran, draussen wie drinnen in der Halle. Das Areal ist gesichert, der Zugang überwacht. Die Gleise werden hier so weit vorbereitet und gebogen, dass sie dann von den Kollegen auf der Baustelle – irgendwo draussen im verästelten Streckennetz der Rheinstadt – gelegt, arretiert und einbetoniert werden können.

Man zeigt mir technische Zeichnungen von Schienen auf zahlreichen verschiedenen Bodenschichten – ein wahres unterirdisches Millefeuille, denke ich, über das die Passagiere unbemerkt hinweggleiten. Alles, was die Jungs in der Werkhalle leisten (Frauen gibt es hier keine), dient der Minimierung des Aufwandes auf der Baustelle.

«Man lobt mich fürs Schönschreiben. Immerhin.»

Daniel Gut ist der Werkstattleiter und führt ein Team von sieben Mitarbeitern. Der filigrane 62-Jährige ist gelernter Konstruktionsschlosser. Und ein Urgestein mit 35 Jahren Erfahrung bei dem städtischen Drämmli. Einst war er Weichenschlossser, dann als Mechaniker zuständig für Reparatur und Unterhalt (inklusive der Oldtimer). Er ist Industriemeister und hat sich zum European Industrial Engineer weitergebildet – eine Handwerkskarriere wie aus dem Bilderbuch. Wie alle ausser mir ist auch Dani bewaffnet mit Metermass und Kugelschreiber in der seitlichen Hosentasche.

Also, Signalweste auf, und los geht’s! Sechs Gleise müssen vom Aussenlager in die Halle verschoben werden. Martin, ein gelernter Schlosser aus dem grenznahen Deutschland, hat sie mit seinem Kran bereits auf die Rollenbahn gelegt. Den Weitertransport in die Halle übernehme ich. Das kleine Schaltpult mit Joystick und Knöpfen wird vorübergehend zu meiner ganz persönlichen Kommandozentrale. Sensoren und Martins wachsames Auge helfen mir dabei. Kann also nichts schiefgehen.

Weiter geht es mit der beidseitigen Beschriftung jedes einzelnen Gleises mit den folgenden drei Parametern: Baustelle, Position und Regelfahrtrichtung. In meinem Fall ist das die Missionsstrasse, Position 18. Die Fahrtrichtung wird mit einem Pfeil markiert. Meine Werkzeuge: Schablone, Spraydose und Farbe aus der Tube. Das soll verhindern, dass Gleise auf der Baustelle falsch angeliefert und eingesetzt werden. Man lobt mich fürs Schönschreiben. Immerhin.

Mehr Platz in der Kurve

Dann widme ich mich der Montage von Abstandshaltern zwischen zwei aufgebockten Gleisen. Vor mir liegen Kisten mit fettigen, schwarzen Bolzen, Schrauben und Muttern. Mir schwant Böses. Erinnerungen an einen Schnuppertag als Sekundarschüler werden wach. Weil ich früher gerne ferngesteuerte Autos zusammengebaut habe, entschied ich mich, als Apparatebauer bei einem Hebebühnenproduzent zu schnuppern. Wir Schüler standen an einer grossen Werksbank aus Holz. Vor uns waren Zylinder und verschiedene Metallteile aufgebaut. Dazu ein Plan und ein Kübel schwarzes Schmierfett. Das Zusammenbauen fiel mir leicht, das Einfetten aller Teile – von Hand (!) ‒ weniger. Es dauerte Wochen, bis sich die seifenresistenten Rückstände aus der Haut herausgebildet haben. Ich ging dann weiter zur Schule.

Doch heute scheint mein Glückstag zu sein. Martin bringt mir ein paar Handschuhe und zieht sich selbst welche an. Noch mal Schwein gehabt. Damit hat man zwar weniger Feingefühl, dafür saubere Hände. Genau meine Prioritäten. Mit einem schweren Akkuschrauber bewaffnet, arbeite ich mich Meter um Meter vor und arretiere die Riesenschrauben. In den gebogenen Abschnitten vergrössere ich den Abstand der Gleise minimalst (durch das Unterlegen von dünnen Metallplatten), damit das Tram in der Kurve etwas mehr Platz hat. «Heavy Metal» trifft auf Millimeterarbeit.

Es folgt die mehrfache Messung und Protokollierung des Abstands der beiden Gleise. Geforderte Toleranz: maximal 3 Millimeter. Wir sind meist bei einer Abweichung von 0 bis 2 mm. Gute Arbeit also. Dann wird schweres Gerät aufgefahren. Zumindest ist dies die grösste und schwerste Bohrmaschine, an die ich je Hand angelegt habe. Löcher zum Anbringen von Entwässerungskasten müssen markiert und gebohrt werden. Alles nach Plan. Bescheidener Kraftaufwand, und der Bohrer arbeitet sich erstaunlich leicht durch den zentimeterdicken Stahl. Die Entwässerungskasten können fixiert werden. Die Arbeiten mit der programmierbaren Fräsmaschine überlasse ich den Profis.

Jedes Gleis an seinem Platz: Die exakte Beschriftung verhindert das falsche Anliefern oder Einbauen der Gleise. Bild: Fabian Gull

Gleisarbeit klingt nach Schwerstarbeit. Körperlich besonders anstrengend ist die Arbeit in der Werkhalle nicht. Klar, im Vergleich zu meinem Bürojob als Tastaturakrobat natürlich schon. Denn die Metallspezialisten sind den ganzen Tag auf den Beinen und ihre Hände im Dauereinsatz. Doch für die wirklich (gewichtsmässig) schweren Arbeiten können sie auf die Unterstützung zahlreicher Maschinen zählen. Der Automatisierungsgrad scheint mir recht hoch und viele Arbeitsschritte erfordern Fachwissen, das weit über das Handwerkliche hinausgeht. Das sorgt für Abwechslung im Alltag.

Hydraulischer Kraftprotz

Auch Schweisserarbeiten für das Finetuning von Weichenelementen sowie das Zurechtbiegen der mächtigen Gleise (auf der erstaunlich klein aussehenden, dafür umso stärkeren Biegemaschine) finden normalerweise hier statt. Doch an diesem heissen Sommertag ist es vielleicht sogar den Schweissgeräten zu heiss zum Feuerspucken. Der Gleiskrümmer macht ebenfalls Pause. Doch an sich ist er ein hydraulischer Kraftprotz, ein wahrer Kurvenkünstler, der Gleise für Kurven, Kehrplätze und Weichen mit höchster Präzision und einem Druck von 200 Tonnen in die richtige Form bringt. «In Bern biegen sie mit Rollen. Zürich und Basel setzen auf das Knickbiegen», meint Werkstattleiter Daniel mit ernster Miene. Ich nicke fachkundig.

«Gleisarbeit klingt nach Schwerstarbeit. Körperlich besonders anstrengend ist die Arbeit in der Werkhalle nicht. Klar, im Vergleich zu meinem Bürojob als Tastaturakrobat natürlich schon.»

Der Aufwand für das Werkstattpersonal nimmt in der Tendenz zu. Nicht etwa, weil das Tramnetz immer grösser würde, sondern weil die bestehenden Gleisanlagen immer häufiger ersetzt werden müssen. Mehr Verkehr, ein verdichteter Fahrplan und vor allem längere und schwerere Tramkompositionen belasten das Material stärker als früher. Auf den am stärksten befahrenen Abschnitten des BVB-Netzes werden die Gleise mittlerweile alle sieben Jahre ersetzt. Mein Arbeitstag neigt sich zu Ende. Die Arbeit wird den Metallern der BVB also nicht so schnell ausgehen. Und ich werde an «mein» Schienenstück beim Spalentor denken, wenn ich das nächste Mal an der Missionsstrasse sein werde.

»
Das Licht brennt, das Gebäude steht, das Auto läuft wieder: Manuelle Arbeit hat etwas Befriedigendes. Bild: Keystone / Ennio Leanza
Resultate statt Identitätskrise

Ich wuchs in einer Sekte auf. Mein Job als Hilfselektriker lehrte mich, Verantwortung zu übernehmen. Die Klarheit des Tuns führt zu einer Klarheit des Denkens.

Abonnieren Sie unsere
kostenlosen Newsletter!