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Marko Kovic hält eine Moralpredigt für den Veganismus – steht argumentativ aber auf dünnem Eis

Ob Fleischkonsum moralisch zu rechtfertigen ist oder nicht, ist eine schwierige Frage. Der Sozialwissenschafter Marko Kovic reduziert sie auf Gewissheiten ohne eigentliche Argumente.

Marko Kovic hält eine Moralpredigt für den Veganismus – steht argumentativ aber auf dünnem Eis
Viele Veganer haben eine romantische Vorstellung davon, wie ein gutes Leben für Tiere aussehen sollte. Bild: Unsplash.

Man könne nicht zugleich Tiere lieben und Fleisch essen, erklärte die Sängerin Billie Eilish kürzlich und löste damit einen kleinen Skandal aus. Im Nachgang dazu hat der Gesellschaftskritiker Marko Kovic auf Nau.ch einen Text geschrieben. Darin macht er aus der Bemerkung von Eilish eine grössere Anklage: Der Fleischkonsum sei ein eklatanter Widerspruch, Veganismus eine moralische Selbstverständlichkeit, und die Empörung über Eilish nichts anderes als die Abwehrreaktion eines schlechten Gewissens.

Sein Essay will erklären, warum Veganismus gescheitert sei. In Wahrheit erklärt er vor allem, wie wenig es braucht, damit ein moralisierender Tonfall für eine rationale, moralische Begründung gehalten wird.

Denn Kovics Text hat eine Eigenschaft, die ihn auf den ersten Blick kraftvoll und auf den zweiten schwach macht: Er spricht mit der Gewissheit eines Richters, ohne die Arbeit eines Anklägers zu leisten. Er behauptet, wo er beweisen müsste; er verurteilt, wo er unterscheiden müsste; er psychologisiert, wo er argumentieren müsste. Fast jeder zentrale Satz seines Essays ist nicht das Ergebnis einer nachvollziehbaren Argumentation, sondern eine unbegründete Behauptung, auf der anschliessend die nächste unbegründete Behauptung aufgebaut wird.

So entsteht ein Kreis aus zirkulärem Denken: Fleischessen ist falsch, weil es Leid verursacht; dieses Leid ist moralisch entscheidend, weil Leid moralisch entscheidend ist; wer das bestreitet, beweist damit nicht etwa ein anderes Moralsystem als das von Kovic, sondern dass er sein Schuldbewusstsein verdrängt.

Predigender Eiferer

Die erste ungeprüfte Stelze, auf die Kovic seine moralische Tirade stellt, ist die Behauptung, Tiere litten durch unseren Konsum in einer Weise, die sie bereits zu Wesen mache, die moralischer Berücksichtigung würdig seien. Kovic schreibt von «enorm viel unnötigem Leid», als sei damit eigentlich alles gesagt.

Aber gerade das, worauf sein ganzer Text lastet, wird nicht begründet. Dass Tiere auf Reize reagieren, dass sie Stressverhalten zeigen, dass sie Neuronen besitzen und Vermeidungsverhalten entwickeln, ist unbestritten. Daraus folgt jedoch nicht ohne weiteres, dass sie Schmerz als subjektives Leiden erleben, das eine moralische Gleichstellung oder auch nur eine bestimmte moralische Pflicht zwingend begründen würde.

Man kann annehmen, dass Tiere empfindungsfähig sind. Aber eine Annahme ist noch kein Argument, und auch eine plausible Annahme wird nicht dadurch zwingend, dass man jeden, der sie nicht teilt, für moralisch defekt erklärt. Kovic macht hier den klassischen Fehler des predigenden Eiferers: Er behandelt die strittige Voraussetzung als erledigte Tatsache und wundert sich dann über den Widerstand gegen seine Folgerungen.

Wer beweisen will, dass der Mensch die tierhaltige Ernährung aufgeben müsse, weil Tiere leiden, muss erstens zeigen, dass und in welchem Sinn sie leiden; zweitens, weshalb dieses Leiden moralisch zählt; drittens, weshalb es stärker zählt als die Gründe, die für Fleischkonsum sprechen können; und viertens, warum daraus nicht bloss Reformen der Tierhaltung, sondern der moralische Imperativ veganer Ernährung folgt. Kovic erledigt keinen dieser Schritte.

Noch schärfer zeigt sich die Argumentationslücke in seinem Satz, es sei «kategorisch falsch», empfindungsfähigen Wesen Leid zuzufügen und sie zu töten, um sie zu essen. Das Wort «kategorisch» soll hier offenbar die fehlende Begründung ersetzen. Es klingt nach Kant, funktioniert aber tatsächlich als rhetorischer Ersatz für den Beweis, den Kovic schuldig bleibt. Denn eine kategorische Norm ist nicht schon dadurch gegeben, dass jemand sie kategorisch ausspricht.

Warum soll es ausnahmslos falsch sein, ein empfindungsfähiges Wesen zu töten? Ist jedes Töten eines Tieres gleich falsch? Ist das Töten schmerzlos gehaltener und schmerzlos getöteter Tiere ebenfalls falsch? Ist die Falschheit im Schmerz, im Tod, in der Instrumentalisierung, in der Missachtung eines Eigenwertes oder in der menschlichen Gesinnung begründet? Diese Fragen sind nicht nebensächlich; sie sind die Sache selbst. Kovic umgeht sie.

Stattdessen greift er zu einem hedonischen Kalkül. Der Genuss des Fleischessens sei trivial gering im Vergleich zum verursachten Leid. Hier wird der Text nur scheinbar rationaler. Denn wer so rechnet, setzt bereits voraus, dass Moral im Wesentlichen als Abwägung von Lust und Leid zu verstehen sei.

Das ist eine utilitaristische Grundannahme. Man kann Utilitarist sein; man kann es sogar mit beträchtlicher philosophischer Eleganz sein. Kovic hingegen erklärt jene, die seine hedonische Rechnung nicht akzeptieren, kurzerhand zu Menschen, die bloss ihre Schuld verdrängten. Aber man darf nicht so tun, als müssten alle anderen Menschen heimliche Utilitaristen sein, die bloss zu feige sind, ihre eigene Rechnung zu Ende zu führen.

Viele Menschen lehnen gerade diese Verengung von Moral auf Empfindung ab. Sie können Pflichten, Tugenden, Würde, Vernunft, Ordnung, Dankbarkeit, Kultur, Familie, Religion, Naturrecht oder menschliche Sonderstellung für moralisch grundlegender halten als die blosse Bilanz von Lust und Schmerz. Kovic muss diese Positionen nicht teilen. Aber wenn er behauptet, es gebe «keine rationalen Argumente» für den Konsum von Tieren, müsste er sie widerlegen. Er widerlegt sie nicht. Er erwähnt sie kaum. Er erklärt seine eigene Moral zur Vernunft und alle konkurrierenden Moralsprachen zur Ausrede.

Damit wird auch seine Behauptung, es gebe keine rationalen Argumente für Tierkonsum, haltlos. Schon innerhalb seines eigenen Rahmens wäre sie zu stark. Wenn der entscheidende Einwand gegen Fleischkonsum das Leiden der Tiere ist, dann wäre eine Tierhaltung, in der dieses Leiden minimiert oder vermieden wird, moralisch anders zu beurteilen als eine Tierhaltung, in der es maximiert wird. Wenn der Tod selbst das Problem ist, müsste Kovic zeigen, weshalb ein Tier ein moralisches Interesse an seinem Weiterleben besitzt, das dem menschlichen Interesse an seinem Tod vergleichbar oder überlegen ist. Wenn die Instrumentalisierung das Problem ist, müsste er erklären, warum jede Nutzung von Tieren unzulässig ist, nicht aber jede Nutzung von Pflanzen, Landschaften, Maschinen oder menschlicher Arbeit. An jedem Punkt öffnet sich ein Argumentationsbedarf. Kovic schliesst die Tür, bevor sein Publikum den Raum betreten hat.

Ravioli essen hinter Milchglas

Besonders entlarvend ist seine Feststellung, der Konsum von Tieren sei sehr intim; es gebe fast nichts Persönlicheres als die Frage, was man isst. Das klingt klug, ist aber bei näherem Hinsehen reiner  Quark. Wenn Essen tatsächlich zu den intimsten menschlichen Handlungen gehörte, dann wären Restaurants keine öffentlichen Gaststätten mehr, sondern moralische Séparées mit diskreten Vorhängen und einer gedämpfter Beleuchtung, die sonst eher den Etablissements des Rotlichtmilieus vorbehalten ist. In traditionellen britischen Pubs sind die Fenster oft mit Milchglas oder mattiertem Glas versehen, damit Kinder und Passanten von draussen die Erwachsenen nicht beim Alkoholkonsum beobachten können. Muss der Staat demnächst Warnhinweise an Restaurantfenstern anbringen, damit Kinder nicht zufällig Zeugen der hochpersönlichen Handlung werden, mit der Erwachsene Ravioli di carne bestellen?

Kovic behauptet weiter: «Wenn Menschen damit konfrontiert werden, dass ihr Ernährungsverhalten ein deutliches moralisches Fehlverhalten ist, fühlen sie sich angegriffen.» Doch dass Menschen auf eine solche Kritik an ihrer Ernährung empfindlich reagieren, liegt nicht daran, dass Essen unaussprechlich intim wäre. Es liegt daran, dass Kovic ihnen nicht sagt: «Du isst anders als ich», sondern: «Du beteiligst dich an einer moralischen Katastrophe.» Wer so angesprochen wird, fühlt sich nicht grundlos angegriffen; er ist angegriffen worden.

Kovic deutet diese Reaktion sogleich als Flucht in emotionale Rechtfertigungen. Auch das ist bequem. Denn wer dem Gegner nicht nur Irrtum, sondern Selbsttäuschung unterstellt, muss sich mit dessen Gründen nicht mehr ernsthaft befassen. Diese Figur durchzieht den ganzen Text. Fleischesser verdrängen, rationalisieren, beschwichtigen, flüchten. Der Widerspruch gegen Kovic wird dadurch nicht als mögliche Kritik, sondern als psychologisches Symptom behandelt. Kovic nennt das auch «kognitive Dissonanz». Das ist intellektuell unredlich. Eine These wird nicht wahrer, weil man ihre Gegner diagnostiziert.

Ironischerweise ist es Kovic selbst, der seine Moral auf eine emotionale und/oder psychologische Grundfigur stellt: Leid ist schlecht, weil es Leid ist. Genuss ist gering zu wertschätzen, weil fremdes Leid schwerer wiegt; Mitleid soll den moralischen Kreis erweitern. Noch einmal: Das kann man vertreten. Aber es ist nicht selbstevident. Wer aus Empfindung Moral macht, sollte vorsichtig sein, anderen Emotionalität vorzuwerfen.

Wo endet der Kreis?

Der nächste grosse Begriff, den Kovic bemüht, ist der «moralische Fortschritt». Dieser bestehe darin, den Kreis der Wesen, denen wir moralischen Status zusprechen, auszuweiten. Auch hier klingt der Satz grösser, als er trägt. Denn Ausweitung allein ist kein Kriterium der Wahrheit oder des Fortschritts. Wer den moralischen Kreis erweitert, kann Recht haben; er kann aber auch Unrecht haben und wichtige Begriffe verwischen. Wenn Kovic fordert, Tiere in den Kreis moralisch zu berücksichtigender Wesen aufzunehmen, muss er erklären, warum die Linie dort verläuft. Warum nicht auch Pflanzen? Sie reagieren auf Verletzungen, kommunizieren chemisch, leiten Signale weiter. Warum nicht hochkomplexe Maschinen? Warum nicht Ökosysteme? Warum nicht alles, was in irgendeinem Sinn auf Einwirkung reagiert?

Das wäre nur dann ausreichend, wenn erstens sicher festgestellt wäre, dass Tiere tatsächlich in moralisch relevanter Weise empfinden, zweitens ebenso sicher ausgeschlossen wäre, dass Pflanzen, Insekten, Pilze, Bakterien oder andere natürliche Entitäten auf eine vergleichbare Weise empfinden, drittens Empfindungsfähigkeit überhaupt moralisch hinreichend begründet und viertens gegenüber anderen möglichen Kriterien als entscheidend ausgewiesen wäre. Nichts davon leistet Kovic. Er zeichnet eine Linie und nennt sie Fortschritt. Er zeichnet eine Linie, erklärt deren Ausdehnung kurzerhand zum moralischen Fortschritt und bringt diese angeblich fortschreitende Bewegung dann ausgerechnet bei den Tieren selbst abrupt zum Stillstand. Aber eine gezogene Linie ist noch keine begründete Grenze.

Vermischung von Biologie und Moral

Noch problematischer wird seine Argumentation, wenn er Biologie und Moral ineinanderschiebt. Der Mensch sei, so Kovic, «biologisch … darauf geeicht», Familie und unmittelbares Umfeld moralisch zu bevorzugen; die Ausdehnung des moralischen Kreises darüber hinaus sei ein rationaler Akt, der Nachdenken erfordere. Hier begeht er einen fundamentalen Kategorienfehler.

Die Biologie kann beschreiben, wie Organismen funktionieren, auf Reize reagieren, sich verhalten und unter physikalischen Bedingungen evolvieren. Sie kann erklären, nach welchen Mechanismen Nervensysteme arbeiten oder welche Verhaltensweisen sich evolutionär durchgesetzt haben. Aber sie kann weder begründen, was wir tun sollen, noch überhaupt Gefühle, Schmerz oder Lust als subjektives Erleben untersuchen; denn als empirische Naturwissenschaft operiert sie notwendig mit beobachtbaren physischen Vorgängen, nicht mit inneren Qualitäten des Bewusstseins.  Sie kann aber aus der biologischen Beschaffenheit eines Organismus niemals ableiten, welche Wesen moralisch bevorzugt werden sollen oder was überhaupt moralisch richtig ist. Gerade als Naturwissenschaft ist sie methodisch ausserstande, normative Geltung hervorzubringen.

Wenn Kovic nun behauptet, unsere biologische Konstitution richte uns bereits auf moralische Priorisierung von Familie und Nahestehenden aus, dann unterschiebt er der Biologie eine moralische Sprache, die ihr fremd ist. Aus biologischen Tatsachen folgen keine moralischen Verpflichtungen, aus neuronalen Vorgängen keine Sollenssätze, aus evolutionären Anpassungen keine Ethik. Die Evolutionstheorie erklärt, wie bestimmte Verhaltensweisen entstanden sein mögen. Sie erklärt nichts über die Moral oder weshalb beobachtbare Verhaltensweisen moralisch gut sein sollen. Hume hat genau diesen Punkt erkannt: Aus einem Sein folgt kein Sollen. Eben diese Verwechslung von Naturbeschreibung und moralischer Norm bezeichnet man seit langem als naturalistischen Fehlschluss.

Kovic weiss das offenbar selbst, denn später weist er gerade jenes Argument der Fleischesser zurück, wonach Fleischkonsum deshalb moralisch unproblematisch sei, weil er «natürlich» und seit jeher Teil menschlicher Lebensweise gewesen sei. Damit hat er Recht. Aber gerade deshalb hätte er vorsichtiger sein müssen, als er selbst biologische Dispositionen in seine Fortschrittserzählung der Moral einführte.

Entweder ist Biologie für Moral begründend, dann muss Kovic auch naturalistische Argumente seiner Gegner zulassen. Oder sie ist es nicht, dann kann sie auch seine eigene moralische Erzählung nicht tragen. Man kann nicht zuerst pseudointellektuell Darwin aufrufen, um moralische Präferenzen biologisch zu erklären, und sich anschliessend hinter Hume verschanzen, sobald andere aus der Natur moralische Folgerungen ziehen wollen. Kovic behandelt die Biologie wie einen Dienstboten, den er nur dann hereinruft, wenn er gerade seine Behauptungen stützen soll.

Zahlen ersetzen nüchternes Urteil

Kovic zählt Tonnen Fleisch und Milliarden Tiere und folgert daraus Leid. Zahlen ersetzen hier nüchternes Urteil, Analyse und Kontext. Moderne Tierhaltung mag mancherorts kritikwürdige Zustände hervorbringen. Sie hat aber auch Fütterung, Hygiene, Seuchenschutz, medizinische Versorgung und Überlebensraten verbessert. Wer nur das Schlachthaus sieht und alles andere ausblendet, vergisst Wesentliches.

Wenn Kovic von glücklichen Schweinen und Hühnern «auf der Wiese unter blauem Himmel» spricht, verrät er zudem eine niedliche romantische Projektion. Er stellt sich Tierwohl in Bildern vor, die vor allem dem Menschen gefallen. Das Tier selbst denkt jedoch nicht in pastoralen Allegorien. Es braucht Nahrung, Gesundheit, Schutz, stabile Bedingungen und, wohl je nach Art, bestimmte Verhaltensmöglichkeiten. Ob dies ausschliesslich in der Idylle des Freilands geschieht oder auch in kontrollierten Haltungsformen möglich ist, ist eine sachliche Frage. Kovic behandelt sie nicht als sachliche Frage der Tierhaltung, sondern als eine ästhetische Voraussetzung dafür, dass ihm der Anblick der noch lebendig über die Wiese laufenden zukünftigen Abendessen anderer Leute nicht die Stimmung verdirbt.

Die merkwürdigste Selbstwiderlegung liegt jedoch in Kovics Selbstauskunft. Er lebe seit über zehn Jahren vegetarisch und seit einigen Jahren vegan, und schreibt: «Das hänge ich nicht an die grosse Glocke. Es ist nicht ein ausgeprägter Teil meiner Identität.»

Das ist schwer ernst zu nehmen. Wer öffentlich einen langen Text darüber schreibt, dass Tierkonsum eine Katastrophe historischen Ausmasses sei, hängt seine Haltung sehr wohl an eine grosse Glocke. Seine vorgespielte Bescheidenheit passt nicht zu seinem eigenen masslosen Pathos. Wenn Fleischkonsum wirklich die «grösste moralische Katastrophe der Geschichte» ist, dann kann der Widerstand dagegen nicht eine Nebensache der Identität sein. Wer in einer Zeit lebt, die er für moralisch schlimmer hält als alle früheren moralischen Katastrophen, und zugleich sagt, seine Verweigerung der Teilnahme sei kein wichtiger Teil seines Selbstverständnisses, offenbart gerade jene kognitive Dissonanz, die er anderen vorwirft.

«Wenn Kovic von glücklichen Schweinen und Hühnern «auf der Wiese unter blauem Himmel» spricht, verrät er eine niedliche romantische Projektion. Er stellt sich Tierwohl in Bildern vor, die vor allem dem Menschen gefallen.»

Er meint sogar Folgendes: «Wenn die Menschheit in den kommenden Jahrzehnten nicht kollabiert, sondern stattdessen eine positive Zukunft erlebt (unwahrscheinlich, aber man darf hoffen), werden unsere Nachfahren nicht glauben können, in welch industriellem Ausmass wir Leid verursacht haben – und zwar nur, weil es uns schmeckt.»

Kovic will also Prophet sein, aber nicht als Prophet erscheinen; er will verurteilen, aber nicht als Ankläger gelten; er will die grosse Glocke laut läuten und zugleich behaupten, es sei nur ein leises Tischglöckchen.

Beschuldigen statt überzeugen

So erklärt sich auch die Schwäche seines Schlusses: Veganismus sei gescheitert, weil Tierkonsum tief verankert sei und Menschen psychologische Bewältigungsstrategien nutzten. Das mag teilweise stimmen. Gewohnheiten sind mächtig. Traditionen sind mächtig. Industrien sind mächtig.

Aber eine andere Möglichkeit erwähnt Kovic nicht: Vielleicht scheitert Veganismus auch dort, wo seine Vertreter nicht überzeugen, sondern beschuldigen; wo sie keine tragfähige Ethik vorlegen, sondern undurchdachte Gewissheit ausstellen; wo sie Fragen über Bewusstsein, Status, Freiheit, Pflicht, Nutzen, Kultur und menschliche Sonderstellung mit einem einzigen Wort niederdrücken: Leid.

Leid ist moralisch nicht unbedingt nichts. Kein vernünftiger Mensch bestreitet, dass Grausamkeit gegen Tiere verwerflich sein kann, dass unnötige Qual vermieden werden soll, dass Tierhaltung Regeln braucht und dass Gleichgültigkeit gegenüber roher Brutalität den Menschen selbst verdirbt. Aber aus diesen Sätzen folgt nicht Kovics ganze Lehre. Zwischen «Tiere sollen nicht sinnlos gequält werden» und «Fleischessen ist kategorisch falsch» liegt ein weiter philosophischer Weg. Kovic behauptet, er sei bereits zurückgelegt. In Wahrheit hat er ihn kaum betreten.

«Vielleicht scheitert Veganismus auch dort, wo seine Vertreter nicht überzeugen, sondern beschuldigen; wo sie keine tragfähige Ethik vorlegen, sondern undurchdachte Gewissheit ausstellen.»

Kovics Essay ist freilich deshalb schwach, weil er eine philosophisch verworrene und letztlich unhaltbare Lehre verteidigt. Veganismus gibt sich gern als zwingende Konsequenz rationalen Denkens aus, beruht aber auf unhaltbaren Voraussetzungen, unsicheren Begriffen von Leid und Empfindung sowie einer moralischen Verabsolutierung, die mehr behauptet als beweist.

Er ist auch schwach, weil er eine schwierige moralische Frage so behandelt, als sei sie nur für schlechte Menschen schwierig. Er verwechselt seinen kategorischen, apodiktischen Ton mit der Eindeutigkeit der Sache. Er hält den Mangel an Gegenargumenten in seinem Text für den Mangel an Gegenargumenten in der Welt.

Kovics Text ist ein Stück moralischer Rhetorik, das sich als Vernunft ausgibt. Es gibt darin Empörung, Pathos, Zahlen, Psychologie, historische Superlative und persönliche Bekenntnisse. Was fehlt, ist das eine, was bei einem moralischen Urteil unentbehrlich wäre: der Beweisgang. Kovic sagt, Fleischessen sei falsch. Er sagt es wieder und wieder. Aber Wiederholung ist keine Begründung, und ein Dogma wird nicht dadurch wahr, dass man es im geliehenen Gewand der Aufklärung vorträgt.

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