Die vierzig Monate der SNB

Die Schweizerische Nationalbank hat am 15. Januar 2015 die Anbindung des Frankens an die europäische Gemeinschaftswährung gekappt. Seitdem stehen diese vier Fragen im Raum: Was bedeutet das für den Euro? Für den Franken? Für die SNB? Und: wann ist eine Nationalbank eigentlich bankrott?

Die vierzig Monate der SNB
SNB, photographiert von Serena Jung.

I. Die SNB hat mit dem Euro keine Einheitswährung gekauft

Erkenne die Währung, die du kaufen willst. Soll es eine Einheitswährung sein? Oder doch lieber nicht?

Nehmen wir den US-Dollar. Er wird zwar von zwölf verschiedenen Zentralbanken zwischen New York und San Francisco emittiert, ist aber gleichwohl immer derselbe Dollar. Der Grund: er ist mit US-Staatspapieren im Eigenkapital der zwölf Häuser besichert, denselben Staatspapieren, die auch von ihren Geschäftsbankkunden als Pfand gestellt werden.

Ist ein US-Papier im Nennwert von 1000 Dollar sehr begehrt und erzielt deshalb auf dem Markt – sagen wir – 1200 Dollar Kurs, wobei der Käufer für die hohe Sicherheit des Titels den dabei fallenden Ertrag hinnimmt, dann kosten alle 1000-Dollar-Papiere von der Ost- bis zur Westküste und auf der ganzen Welt ebenfalls 1200 Dollar. Pfänder und Eigenkapitale sind durch diese Preissteigerung noch sicherer geworden. Sinkt hingegen das Vertrauen in die US-Steuerzahler auf Verzinsung und Tilgung der Staatsschulden, dann fällt deren Marktpreis überall auch gleich tief.

Entsprechend sind Kredite dann überall gleich unterbesichert. Geht eine Geschäftsbank bankrott, kann die Zentralbank von den 1000 an sie geliehenen Dollar durch Verkauf des Pfandes nur 900 Dollar wieder hereinholen. Sie macht also 100 Dollar Verlust, und den muss sie aus Reserven oder dem Eigenkapital glattstellen. Da auch die dort liegenden Papiere von 1000 auf 900 gefallen sind, gibt es eine Schieflage, die den Preis des Dollars gegenüber besser besicherten Währungen sinken lässt. Dessen ungeachtet weiss man beim Dollar, dass er immer gleich gut oder schlecht besichert ist.

Der Euro hingegen wird bloss Einheitswährung genannt, ohne wirklich eine zu sein. Seit Litauens Beitritt gibt es neunzehn unterschiedliche Währungen, die von Lissabon bis Helsinki zwar alle Euro heissen, aber mit 19 qualitativ unterschiedlichen Staatspapieren besichert sind und auch gegen 19 nennwertgleiche, aber auf dem Markt zu unterschiedlichen Preisen gehandelte Staatspapiere in den Pfändern der Geschäftsbanken in Umlauf gelangen. Auf einem 1000er Luxemburgpapier steht 1000 Euro, und auf einem 1000er Griechenpapier steht ebenfalls 1000 Euro. Aber ihre Verkaufspreise können Welten trennen – sagen wir 1300 und 300 Euro. Das liegt daran, dass die eine Regierung mit ihrer Steuergewalt Enteignungsmacht über Bürger hat, aus deren Abgaben und Vermögen die Staatsschulden spielend getilgt und verzinst werden können, während die andere Regierung womöglich nicht einmal 30 Prozent ihrer Staatsschulden bedienen kann.

Wer heute mit Euro bezahlt, mag sich wundern, dass die Münzen an ihren nationalen Kennzeichen sofort erkennbar sind, während bei den Scheinen erst eine Lupe den Buchstaben der emittierenden Zentralbank kenntlich macht. Ursprünglich sollten Noten national genauso unverwechselbar sein wie die Münzen. Südländischer Protest hat das verhindert, weil etwa Kaufleute in Frankfurt am Main einen italienischen Euro nur für 70 deutsche Euro-Cent akzeptiert hätten. Der gute alte Abschlag, mit dem früher die Noten schlecht beleumdeter Emitteure bedacht wurden, wäre wieder zu seinem noblen Recht gekommen.

Da umgehend jedermann die Nichteinheitlichkeit der neuen Währung verstanden hätte, versuchte man die 19 Emissionsplätze des Euros irrelevant erscheinen zu lassen. Nun sind Auf- und Abschläge verboten. Schwankende Wechselkurse zwischen Deutsch- und Griechen-Euros gibt es nicht. Aber die Kursschwankungen der Staatspapiere, die den Scheinen aus billigem Papier ihren Wert verleihen, konnte niemand unterbinden. Man kann also einen Frankfurter zwingen, einen Griechen-Euro für hundert deutsche Euro-Cent anzunehmen. Man kann aber keinen Finnen zwingen, für ein griechisches Staatsschuldenpapier im Nennwert von 1000 griechischen Euros in Helsinki 1000 finnische Euros herzugeben.

Mit Otto Steiger (1939–2008) habe ich zwischen 1997 und 2001, dem Jahr der Euroeinführung, in zahllosen Beiträgen von der taz bis zum «Wall Street Journal» gefordert, ja eigentlich gefleht, dass man für eine Einheitswährung auch einheitliche Sicherheiten in den Eigenkapitalen der beteiligten Zentralbanken sowie in den Pfändern der bei ihnen leihenden…