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Können Sie es mit Ihrem Gewissen vereinbaren, sich vor dem Militärdienst zu drücken?

Wer aus Gewissensgründen keinen Militärdienst leisten will, kann Zivildienst leisten. Moralisch überlegen fühlen sollte er sich dabei allerdings nicht.

Können Sie es mit Ihrem Gewissen vereinbaren, sich vor dem Militärdienst zu drücken?
Ein Zivildienstleistender hilft Schülern beim Mittagessen in einer Schule in Kehrsatz, Bern. Bild: Keystone/Christian Beutler.

Was waren wir jungen Wilden – Feministinnen, Theologiestudierende, Pazifisten, Anarchos und Weltverbesserer aller Art – damals doch überzeugt, mit unserem Kampf für den Zivildienst moralisch auf der richtigen Seite zu stehen: Ziviler Dienst an der Gesellschaft anstatt stumpfsinniger Aktionen in Vollmontur, Friedensarbeit anstatt Munition verballern, gezielte soziale Einsätze statt stupides Wiederholen von Abläufen. Stolz erklärten wir feministischen Theologinnen allen, ob sie es hören wollten oder nicht, dass «unsere Männer» aufgrund ihrer Überzeugung nie und nimmer bereit wären, auf Menschen zu schiessen, selbst wenn sie selber oder ihre Freundinnen angegriffen würden. Dass «der Trachtenverein», wie wir das Militär nannten, im Notfall bereit gewesen wäre, unter Einsatz von Leib und Leben auch für uns zu kämpfen und unsere Freiheit zu verteidigen, kam uns damals nicht in den Sinn.

Die Mauer war gefallen, der Kalte Krieg vorbei und nicht nur uns Linken, sondern so manchem schien es, als wäre der ewige Frieden ausgebrochen und die Aufhebung der obligatorischen Militärpflicht nur noch eine Frage der Zeit. Entsprechend verbuchten wir es als Etappensieg auf dem Weg zur Abschaffung der Armee, als das Stimmvolk im Mai 1992 die Verankerung des Zivildienstes in der Verfassung haushoch mit 83 Prozent Ja-Stimmen annahm.

Die harte geopolitische Realität

Gut 30 Jahre später sind die Blumenträume vom ewigen Frieden in Europa ausgeträumt, der Glaube an die friedliche Koexistenz der Staaten ist nachhaltig erschüttert. Die knallharte Landung auf dem Boden der geopolitischen Realität hat (vermeintliche) Gewissheiten in sich zusammenfallen lassen. Auch hierzulande scheint der Militärdienst plötzlich eine «todernste» Angelegenheit geworden zu sein. Nicht ohne Grund hat das Parlament eine Änderung des Zivildienstgesetzes beschlossen, welche die Abgänge zum Zivildienst reduzieren soll; am 14. Juni stimmen wir darüber ab.

Angesichts der gegenwärtigen kriegerischen Auseinandersetzungen und militärisch organisierten Bedrohungen stellt sich die Frage, ob es moralisch verantwortbar sei, einer Armee, die ausschliesslich der Verteidigung eines neutralen Kleinstaates dient, die Mitwirkung zu verweigern und sich im Ernstfall in die Büsche zu schlagen. Ist es moralisch nicht vielmehr geboten, einer Armee zu dienen, die die Bevölkerung schützt und sich zur Wehr setzt, sollte ein Aggressor in das Land einfallen? Und wäre die Abschaffung der Armee nicht eine Einladung an alle Potentaten, das Recht mit Füssen zu treten und ihren Expansionsgelüsten freien Lauf zu lassen?

Wer aus religiösen Gründen den Dienst an der Waffe nicht mit seinem Gewissen vereinbaren kann, hat alleweil die Möglichkeit, waffenlosen Dienst zu leisten. Er wird allerdings seine Hände nicht in Unschuld waschen können, sondern sich von Dietrich Bonhoeffer, Widerstandskämpfer und von den Nazis hingerichteter Pastor, sagen lassen müssen, dass es Situationen geben könne, wo man als Christ nicht nur die Verwundeten unter dem Rad versorgen, sondern «dem Rad in die Speichen fallen» und auch töten müsse.

«Ist es moralisch nicht vielmehr geboten, einer Armee zu dienen, die die Bevölkerung schützt und sich zur Wehr setzt, sollte ein Aggressor in das Land einfallen?»

Und all jene Stimmen, gerade auch aus kirchlichen Kreisen, die die Leistungen des Zivildienstes als unverzichtbar ansehen und vor deren Abbau warnen, seien daran erinnert, dass es sich beim Zivildienst nicht um eine arbeitspolitische Massnahme handelt: Der Zivildienst ist primär ein ziviler Ersatzdienst für Militärdienstpflichtige, die den Dienst aus Gewissensgründen nicht leisten können und nicht (primär) dazu gedacht, Arbeitslosigkeit zu bekämpfen oder als arbeitsmarktpolitisches Instrument zu dienen. Zwar kann der Zivildienst positive Auswirkungen haben, jedoch ist dies ein Nebeneffekt und nicht der Zweck des Dienstes.

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