Das Sackmesser des guten Lebens

Manchmal gehört zum Glücklichsein eine Portion Selbstüberlistung. Rolf Dobelli hat das richtige intellektuelle Werkzeug zur fröhlichen Bewältigung widriger Umstände gefunden – seither beschwingt ihn sogar die eigene Steuererklärung.

Das Sackmesser des guten Lebens
Rolf Dobelli. Bild: Piper-Verlag.

Rolf, deine demonstrative Entspanntheit mag ein Charakterzug sein, der dir in die Wiege gelegt wurde, auch schreibend denkst du darüber nach, wie sich die innere Mitte finden lässt. Wie kann man in der dröhnenden und unübersichtlichen Welt unserer Gegenwart die intellektuelle Gelassenheit kultivieren?
Indirekt stellst du hier die Frage, die sich irgendwann in ihrem Leben die meisten Menschen einmal stellen: «Was macht ein gutes Leben aus?» Wem stellt man diese Frage? Vielleicht besuchst du einen Philosophen, einen Professor an der Universität Zürich, Bern oder Basel. Du klopfst an, trittst ein und fragst: Lieber Herr Professor, wie soll ich leben? Dann wird er oder sie dich völlig verwirrt angucken, weil das für die heutigen wissenschaftlichen Philosophen eine völlig weltfremde Frage ist. Die können dir zwar genau erklären, was Wittgenstein in den «Philosophischen Untersuchungen» auf Seite 43 links oben mit einem spezifischen Wort gemeint hat, aber gewiss nicht, wie man leben soll. Früher war das anders.

Der Professor der Philosophie kann also nicht helfen, wohl aber die Philosophie. Wohin musstest du zurückreisen, um eine Antwort zu erhalten?
Wenn du im Jahr 500 vor oder 100 nach Christus zu einem Philosophen gegangen bist, dann ging es ihm immer um die Frage nach der Ethik, um die Weitergabe essentieller Lebensweisheit. Die Frage nach dem guten Leben stand damals im Zentrum der Philosophie. Natürlich haben sich die Philosophen dieser Zeit auch ein bisschen damit beschäftigt, was «Realität» überhaupt ist und was die Grenzen unseres Wissens sind, aber im Kern stand immer die praktische Philosophie. Und die gibt folgende Antwort: Es gibt keinen heiligen Gral des guten Lebens, den einen Knopf, den man drücken könnte. Das gute Leben ist eine Frage von klaren Denkhaltungen. Ich nenne sie «mentale Werkzeuge». Dann kam das Christentum, mit ihm das Mittelalter, wo sich das alles verschleiert hat – und heute ist es in der Philosophie hochakademisch geworden und diese praktischen Fragen werden kaum mehr beleuchtet. Dafür hat die Psychologie in den letzten 40, 50 Jahren unheimliche Fortschritte gemacht, weg von Freud und hin zu neuen Erkenntnissen darüber, was uns guttut oder schadet: Wie können wir
toxische Situationen vermeiden oder solche, die bei uns toxische Emotionen generieren?

Ich vereinfache: Psychologische Erkenntnisse erlauben uns heute, die alte Frage der Philosophie umzudrehen, um konkretere Antworten zu erhalten. Frei nach dem Motto: «Wenn ich schon nicht weiss, wie das gute Leben konkret aussieht, so kann ich doch versuchen, das schlechte Leben zu vermeiden.» Einverstanden?
Genau. Man kann sich einen Baukasten zusammenstellen, der Fehler beim Handeln und Denken vermeiden hilft, wenn man – wissenschaftlich bestätigt – weiss, was einem zum guten Leben nicht hilft. Je nach Situation kann man dann aus diesem Kasten ein oder zwei «Tools» zücken, wie die Werkzeuge eines Sackmessers – man braucht sie nie alle gleichzeitig.

Ein Beispiel, bitte!
Parkbussen! Die haben mich immer aufgeregt. Wer zahlt schon gerne Parkbussen? Nun, ich habe ein Büro in der Altstadt von Bern, und wenn man da schnell das Auto abstellt und für eine Minute hochgeht, steht bei der Rückkehr meist schon ein Polizist daneben…

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Klein, aber oho! Um in öffentlichen Toiletten die männliche Zielgenauigkeit zu verbessern und Schweinereien zu vermeiden, ist die aufgeklebte Fliege im Pissoir weit erfolgreicher als alle Verbotsschilder. Bild: mauritius images / Eddie Gerald / Alamy.
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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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