INTRO

«People of the twenty-first century, I congratulate you on your good fortune!»

Nein, ich bin kein Zyniker. Diese Worte, 1994 niedergeschrieben, stammen nicht von mir, sondern von Isaiah Berlin, einem der bedeutendsten liberalen Ideengeschichtler des 20. Jahrhunderts. Er ergänzte: «I regret that I shall not see this brighter future, which I am convinced is coming.»

Berlin hat dieses neue Jahrhundert wirklich nicht mehr erlebt. Sein begründeter Optimismus aber hat ganze Generationen von freiheitlich denkenden Menschen angesteckt, nicht zuletzt den Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa, wie dieser mir jüngst in einem Gespräch1 offenbarte. Der Schriftsteller, der ein katastrophenreiches Jahrhundert miterlebt hat, sorgt sich allerdings um dieses Erbe: «Europa steckt in einer Resignationsfalle.» Was meint er damit? Europa, und damit explizit auch die Schweiz, ist selbstzufrieden und unflexibel geworden – seine Bürger haben sich kommod eingerichtet und verwalten ihren Wohlstand, statt ihn zu mehren. Wie der zustande kam, welche Motive ihm zugrunde liegen oder wie historisch einmalig die eigene, glückliche Situation ist – kaum jemand weiss es noch. Ändert sich etwas am Status quo, macht der müde Europäer zuerst andere (oder die Unübersichtlichkeit der modernen Welt) für sein Unglück verantwortlich: Der Kreislauf von Krise, politischer Krisenbewirtschaftung und Vergangenheitskult aus der sozialdemokratischen wie konservativen Mottenkiste zeitigt dann berechenbare Ergebnisse an der Wahlurne.

Halten wir fest: Im Schnitt ist ein Europäer heute deutlich freier und reicher als seine Vorfahren. Mit seinem Geld kann er erheblich mehr Güter und Dienstleistungen kaufen, mehr Theater besuchen und sowohl sparsamere als auch sicherere Autos fahren.

Er kann sich bei gleichem «Effort» ausserdem mehr Frei- oder Familienzeit leisten. Dass derweil der Staat auch überall mehr abgräbt, Sparen schwieriger, die Alterssicherung dank unheiliger Allianz von Politik und Wahlvolk fast verunmöglicht wird, ist bedauerlich – letztlich aber veränderbar. Unsere Eltern und Grosseltern haben innerhalb weniger Jahre einen zerstörten Kontinent wieder aufgebaut und zum Guten verändert, warum also sollten wir heute, in allen Belangen bessergestellt, bei Problemen einfach den Kopf in den Sand stecken?

Ganz nach dem Vorbild Isaiah Berlins soll also der Liberalismus in Europa eine Alternative bieten zum grassierenden Miserabilismus. Liberale aller couleur müssen sich als Advokaten des Fortschritts, der Minimierung von Zwang und der offenen Gesellschaft verstehen. Sie sollten endlich einer Mehrheit klarmachen, dass liberale Ideen den Aufbau unseres gegenwärtigen Wohlstands erst ermöglicht haben2 und weiterhin ermöglichen können. Liberalismus ist eine starke positive Kraft, weil er Menschen immer wieder zur Veränderung anhält. Er fordert sie auf, selber zu handeln – und traut es ihnen auch zu.

Diese Zeitschrift soll ein Ort für solche Selberdenker und Selbermacher sein, kurz: für rationale Optimisten. Unsere junge Redaktion hat sich das Ziel gesetzt, Probleme nicht nur zu benennen, sondern auch Lösungen vorzuschlagen und denen, die bereits Probleme lösen, über die Schulter zu schauen. Wir arbeiten mit unseren Autoren daran, dass Isaiah Berlin3 recht behält. Wer uns dabei unterstützen will, ist ebenso willkommen wie jene, die «nur» mitlesen wollen.

Viel Vergnügen!


Michael Wiederstein
ist Chefredaktor dieser Zeitschrift.


1 Mario Vargas Llosa: Literatur ist Rebellion. NZZ, 7.7.2016.
2 Deirdre McCloskey: How the West (and the Rest) Got Rich. Wall Street Journal, 20.5.2016.
3 Isaiah Berlin: A Message to the 21st Century. Rede vom 25.11.1994.

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
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