INTRO

«In many instances of technology-induced environmental damage, the answer is not less but more and better technology.»

Erinnern Sie sich? Damals, 1972, meine Eltern kannten sich noch nicht, publizierte der Club of Rome mit «Die Grenzen des Wachstums» einen Bestseller von einer Studie, der auf die baldige Übernutzung des Planeten und eine ihm drohende Überbevölkerung hinwies. Viele der hier dargereichten Thesen (und die mitgelieferten Endzeitvisionen) zum Wachstum wurden seither kritisiert und widerlegt, nicht zuletzt durch die Geschichte. Gleichwohl beeinflussten sie das gesellschaftliche Klima meiner Kindheit und Jugend, und der «Club» wurde auch nicht müde, weitere Studien und Pamphlete zu veröffentlichen. Vor drei Wochen stellte er nun seine Rezepte1 gegen «unendlichen Konsum» und «marktradikale Ideologie» vor: bedingungsloses Grundeinkommen, massive Erhöhung der Steuern – für fossile Brennstoffe, «ungesunde» Produkte und alles, was bei 3 nicht auf den Bäumen ist –, Beschränkung des Aussenhandels, Ende der Freihandelspolitik, 100 Prozent Erbschaftssteuer – und ein staatliches Bonusprogramm für Frauen, die keine Kinder kriegen.

Alle Achtung! Noch schriller2 lässt sich am aktuellen Wettbewerb der populistischsten Ideen zur Wirtschafts- und Sozialpolitik kaum mehr teilnehmen. Die Urheber kokettieren sogar öffentlich damit, wenn sie schreiben: «Unsere Vorschläge dürften für die demokratische Mehrheit der Wähler sehr attraktiv sein, denn so gut wie alle Massnahmen schaffen nicht nur langfristig eine bessere Welt, sondern auch kurzfristig unmittelbare Vorteile für die meisten Menschen.» Ganz ehrlich? Ich glaube, dass einfach verdammt schlechte Ideen und Rezepte hat, wer die Welt mit Verboten und Gesetzen verbessern will und seine Wähler dafür mit dem Geld anderer Leute kaufen muss.

Der 70jährige Joel Mokyr ist das Gegenteil der durchpolitisierten Untergangsmelancholiker des Club of Rome. Der amerikanisch-israelische Wirtschaftshistoriker beschäftigte sich sein halbes Leben lang mit den Zusammenhängen von Wachstum und technischem Fortschritt3 – von ihm stammt auch das Eingangszitat. Er stellt fest, dass die populären Arten, Wachstum zu messen, den Fortschritt oft nur ungenügend – und ohne dessen enorme zivilisatorische Folgen – abbildeten. Er widerspricht deshalb der populären These, der Menschheit sei es in Dekaden nicht gelungen, technische Fortschritte zu erzielen, die unser Leben bedeutend besser und gleichzeitig ressourcenschonender gemacht hätten. Technischer Fortschritt manifestiere sich längst nicht mehr in einem «höher, schneller, breiter» (Dampflokomotive, Mondlandung etc.), wie der «Club» weiterhin annimmt, sondern im «kleiner, besser, sparsamer». Dass Ihr Smartphone heute also Dinge kann, von denen Ihr 20 Kilo schwerer 286er vor einigen Jahren (bei zigfachen Kosten!) nicht einmal träumen konnte, verschafft nur den Hauch eines Eindrucks dessen, wie viel mehr technisch und industriell heute im Vergleich zu damals möglich ist – und was wohl erst noch möglich wird. Beklagenswert, so Mokyr, dass auch dieser Umstand in herkömmlichen Wachstumsprognosen bisher kaum eine Rolle spielt.

Wer den weltweiten Ressourcenverbrauch also langfristig senken und parallel dazu den Lebensstandard heben will, darf den Wettbewerb der Ideen, den technischen Fortschritt und damit einhergehendes Wachstum nicht blockieren, sondern muss ihn fördern – durch tiefe Eintrittsbarrieren, mehr internationale Zusammenarbeit und mehr Markt. Oder wie Mokyr es in bezug auf die Wachstumskritik ausdrückt: «Technological progress still beats the alternatives; we cannot do without it. Whether it will be accompanied by economic growth as traditionally measured is hard to know, but so what?»


Michael Wiederstein
Chefredaktor


1 http://www.clubofrome.org/offizielle-vorstellung-des-neuen-berichts/
2 Im zugrundeliegenden Buch auch passend illustriert mit an NS-Zeiten erinnernden Karikaturen fülliger «Unternehmer», die ihre «Arbeiter» knechten.
3 Etwa hier: https://sites.northwestern.edu/jmokyr/files/2016/06/The-Next-Age-of-Invention-Technologys-future-is-brighter-than-pessimists-allow-24f8u5v.pdf