Ich bin ein Libertin und das ist auch gut so
Vitaly Malkin, zvg.

Ich bin ein Libertin und das ist auch gut so

Der Moralismus wurde erfunden, um den Menschen zu versklaven. Warum haben wir dieses Joch immer noch nicht auf die Müllhalde der Geschichte abgelegt?

 

Ich glaube nicht an die Moral und habe es nie getan. Wer mich kennt, wäre erstaunt darüber, dass ich ihretwegen meine Feder bemühe. Doch entflammte mein Interesse für die Moral kürzlich, als ich entdeckte, wie Nietzsche das Bewusstsein beschrieb: als überflüssig und oberflächlich. Wenn aber das Bewusstsein überflüssig und oberflächlich ist, was sagt uns das über seinen unglücklichen Nachkommen, die Moral? Ich bin kein Professor, aber als Freigeist und Libertin im wahrsten Sinne des Wortes macht es mir Sorgen, wie die Moral wieder die Macht über unsere Gesellschaft ergreift. Nachdem die Religion, diese der menschlichen Natur zutiefst fremde Erfindung, schon fast begraben war, kehrt die Moral in Form von neopuritanistischen Ideologien zurück.

Ein regelmässiger Blick in die Nachrichten genügt, um zu sehen, wie die «Guten» Woche für Woche an Terrain gewinnen. Ob in der Politik oder der Welt der Kunst, die Neopuritaner sind zum Kampf bereit. Vor wenigen Monaten fungierte der französische Politiker Benjamin Griveaux als Zielscheibe. Nach einem aufsehenerregenden Skandal musste Macrons Favorit von seiner Kandidatur für das Bürgermeisteramt von Paris zurücktreten. Auslöser war ein Video, welches vom Aktionskünstler Pjotr Pawlenski auf seiner Seite mit dem Namen «Pornopolitik» verbreitet worden war. Ein militanter Akt, vorgelegt als Widerstand gegen «die Heuchelei» des Kandidaten, «der sich als Bürgermeister der Familien inszeniert», so der Aktivist.

 Die Natur ist «böse», besonders der Geschlechtstrieb

Man muss sich fragen, ob die von ihren Anhängern als «revolutionär» präsentierte Moral nicht vielmehr die Moral einer von politischer Korrektheit besessenen Gesellschaft ist. Was geht es uns an, dass ein Mann sich nackt gefilmt und das Video einer jungen Frau geschickt hat? Mir scheint, dass die Empörung aus einer impliziten Argumentation entspringt, die sich wie folgt zusammenfassen lässt: Da der Mensch frei ist, hat er seine Begierden zu kontrollieren, ansonsten gilt er als Lüstling. Schlimmer: Wenn der Mensch Begierde verspürt, liegt dies daran, dass die Natur selbst fehlerhaft und unvollkommen und deshalb zu bekämpfen ist. Mir erschliesst sich nicht, wie unsere Gesellschaft diesen irreführenden Syllogismus akzeptieren kann. Mehrere Philosophen haben die Lust als eine Essenz unseres Lebens erkannt. «Begierde ist das Wesen des Menschen selbst», schreibt Spinoza feierlich und fügt in der «Ethik» hinzu, das Streben nach Selbsterhaltung sei als Wesensbestimmung eines jeden Dings aufzufassen. Unserer Natur nach sind wir alle Libertins. Also wieso sich auf einen Mann einschiessen, der seiner Natur gefolgt ist? Und wenn er den Abend auf einer Sexparty mit einer Geliebten verbracht hätte, hätte er dann einen Fehler begangen? Nach meiner Auffassung nicht.

Leider scheinen nicht alle Menschen diese Auffassung zu teilen, Spinozas Bestrebungen zum Trotz. Die Moralisten zögen es vor, so der niederländische Philosoph, menschliche Gefühle und Handlungen zu verabscheuen oder zu verhöhnen, anstatt sie zu verstehen. Dabei wäre es doch so einfach zu erkennen, dass die Moral uns getäuscht hat. Sie will uns glauben machen, Gut und Böse seien absolute Werte. Unter den Konsequenzen dieses Trugschlusses leiden wir nach wie vor. Es gilt, sich von diesem Dogma zu emanzipieren und sich von den Menschen zu befreien, die uns die Lebenslust verbieten. Niemand hat diese Haltung je besser auf den Punkt gebracht als Horaz mit seiner Sentenz: «Nutze den Tag, traue nicht dem nächsten.» – Carpe diem quam minimum credula postero. Wenn eine solche Haltung möglich ist, so scheint sie mir die einzig echte Philosophie zu sein, die es sich zu verteidigen lohnt.

 Moral als Wurmfortsatz des Monotheismus

Müssen wir die Moral abschaffen? Könnte es nicht auch eine Moral geben, die, anstatt unsere Begierde und Persönlichkeit einzuschränken, uns vielmehr erlauben würde, wir selbst sein zu dürfen und mit unseren Mitmenschen in Harmonie zu koexistieren? Absolut! Dies wäre meines Erachtens die «natürliche Moral». Keine Denkweise, sondern eine Lebensweise. Eine Lebensweise, die Instinkten, Lust und Vergnügen freien Lauf lässt. So wird sich die Moral mit der Natur versöhnen und wieder gänzlich menschlich werden. Die überflüssige und oberflächliche, von der Gesellschaft diktierte Moral und das damit einhergehende schlechte Gewissen müssen wir dagegen abstreifen. Sie ist das Produkt des Monotheismus, einer der menschlichen Natur zutiefst fremden und doch in uns verwurzelten Doktrin, die uns am Leben und an unserer vollen Entfaltung hindert. Tatsächlich hat die Moral die religiösen Dogmen abgelöst und erlaubt keine Weiterentwicklung unserer inneren Ethik. Wir sehen uns unserer Handlungsfreiheit, Individualität und unseres Lebensglücks durch sie beraubt. Kurz gesagt: Die Moral ist des Menschen Feind.

Die Religion hat an Wichtigkeit verloren und dennoch ist festzustellen, dass die Menschen nicht sämtlich zu Verbrechern oder Verkommenen mutiert sind. Die Welt ist nach wie vor ein angenehmer Ort zum Leben, auch wenn das einigen nicht gefallen mag. Religion diktiert nicht mehr unsere Lebensweise und Denkinhalte; wir haben mit der Vorstellung, der Mensch sei ein Missverständnis Gottes, aufgeräumt. Und doch höre ich immer wieder denselben Unfug, wonach es um absolute Werte gehe. Es erscheint seltsam, dass die westliche Gesellschaft nach ihrer Befreiung aus den Fesseln der Religion noch Bedarf verspürt, an den Begriffen eines anderen Jahrtausends festzuhalten. Der Erfolg der Moral hat wohl einen anderen Ursprung. Nämlich in einer vagen Überzeugung, die uns mutmassen lässt, die Schwachen beanspruchten das Recht immer für sich und die Mächtigen hätten stets unrecht.

Die scharfsinnigste Analyse der Macht haben wir Nietzsche zu verdanken. Er entlarvt sie als Willen der Schwachen zur Macht. Die Moral gibt vor, gegen die Leidenschaft zu kämpfen, und ist doch selbst nur eine stärkere Leidenschaft, die darin besteht, andere niederzuschlagen. Gemäss Nietzsches «Morgenröte: Gedanken über die moralischen Vorurteile», veröffentlicht unter «Aurore» im Jahre 1881, kommt dieser heimliche Wille zur Macht in einer Reihe von Abstufungen daher, deren gesamte Nomenklatur einer ganzen Kulturgeschichte gleichkäme. Diese Leidenschaft hat einen Namen: Ressentiment. Genau – dieser Selbsthass, der die Opfer zur Machtergreifung und Verkehrung dessen, was für die Stärksten gut war, ins schlechte Gegenteil treibt. Die berühmte «Umwertung aller Werte» als Ursprung jedweden moralischen Verhaltens.

Die Neopuritaner, Gefangene ihrer Ohnmacht, möchten die Gesellschaft einer idealen Reinheit unterwerfen, welche nicht nur unerreichbar, sondern auch widernatürlich ist. Ihre «überflüssige» Moral unterscheidet zwei Realitäten und trennt uns vom Leben. In ihren Träumen vermögen sie zwischen Körper und Bewusstsein, Versuchung und Übel zu unterscheiden. Wenn wir doch Gott getötet und die Macht der Religion als Organisationsgrundsatz moderner Gesellschaften in Frage gestellt haben, wie kann es sein, dass ihr Schatten uns nach wie vor verfolgt? Auf Grundlage ihres Systems leiten sich die Werte nicht mehr aus einem Überlebensinstinkt, sondern einem Willen nach Selbstzerstörung oder, gemäss Nietzsche, von einer «Verneinung des Lebens» ab. Doch jene «traurigen Leidenschaften» wie Neid und Ressentiment haben keinen Platz in einer Moral, in welcher das Individuum zufrieden ist mit dem, was es ist.

Lust ist nicht gleich Wille. Dies muss den Predigern der Tugend, die von einer solchen Unterscheidung träumen, klargemacht werden. Sie vergessen, dass der Mensch aus den verschiedensten widersprüchlichen Leidenschaften besteht. In einer Gesellschaft der vorherrschenden Moral sind Menschen nicht mehr als eine Rinderherde, genährt von denselben Zielen, getrieben von derselben Ideologie und verbunden durch einen Hass gegen den Körper, die Mächtigen und jede Abweichung von der Gruppenmoral. In einer für die Meute gemachten Moral verschwindet die Individualität des einzelnen. «Dass man den kategorischen Imperativ Kants nicht als lebensgefährlich empfunden hat!», mahnte Nietzsche, der darin eine für Tiere geschaffene Moral erkannte: «Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie allgemeines Gesetz werde.» Was würde Nietzsche heute sagen? Lebte er heute noch, würde er wohl eiligst Suizid begehen!

«Wenn Sie wieder einmal eine Einladung zu einer Sexparty erhalten,

gehen Sie nicht alleine hin.

Nehmen Sie Ihre Geliebte mit!»

Das neue Vehikel: die progressistische Ideologie

Die Idee einer solchen Gesellschaft hat in mir immer Schrecken ausgelöst. Dabei denke ich etwa daran, was Golf-Champion Tiger Woods durchmachen musste, als 2009 eine Liste seiner Beziehungen mit mehreren Frauen, darunter einem Model, einer Kellnerin und einem Pin-up-Girl, veröffentlicht wurde. Der Aufruhr in den USA war gross. Monatelang zeigten die Vereinigten Staaten mit dem Finger auf Woods, weil er seine Frau betrogen hatte. Hatte er, der ideale Familienvater und Vorzeigesportler, also nicht das Recht, einer eintönigen, langweiligen und letztlich elenden Beziehung zu entfliehen?

Die Inquisition gegen Filmproduzenten und -regisseure in Hollywood hat diese Tendenz, das öffentliche Leben der Moralisierung zu unterwerfen, noch verstärkt. Käme diese Moral nicht im «progressistischen», modernen Gewand daher, wäre dieser Diskurs vielleicht noch zu ertragen. Es ist, als bestünde die Modernität in der Verschwendung gewaltiger Ressourcen für Konfliktlösungen, um die Schwachen und Unfähigen zu stützen. Das ist nicht verwunderlich. Die Moral wandelt sich im Lauf der Zeit, um möglichst vielen zu gefallen.

Die neuen Kritiker wollen unter Berufung auf ihre Prinzipien den Klartext aus dem Wortschatz verbannen, jede ihnen zuwiderlaufende Wortwahl entfernen. Progressistische Moral geht jedoch über die Ablehnung jedweder Form kritischen Denkens hinaus. Der neue «Progressivismus» macht Jagd auf ihm nicht genehme Denkweisen, die es wagen, Probleme anzusprechen, etwa den Islamismus auf den Tisch zu bringen oder die aufstrebende Identitäts- und Minderheitenpolitik in Europa zu verurteilen. Gemäss Neusprech der modernen Puritaner darf man nicht mehr «blind» oder «Geschlecht» sagen, es hat vielmehr «sehbehindert» oder «binär» zu heissen. Diese Begriffe, die nichts anderes bedeuten, erobern schleichend unsere Sprache und ahnden «Entgleisungen» der Humoristen und «zweifelhafte Witze» unseres Tischnachbarn.

Wer diesen Ansatz nicht unterstützt, ihm sich nicht unterwirft, gilt natürlich als Lump, der sich der Verwirklichung des Guten entgegenstellt. Der geringste falsche Schritt löst Shitstorms und kollektive Empörung aus. Die Gedankenpolizei gewinnt jeden Tag etwas mehr an Terrain. Es kommt aber noch schlimmer: Die Jagd auf Sünder verleiht einer (virtuellen) Masse die Vollmacht, sämtliche Schritte gegen «den Feind» zu unternehmen.

Wir sind nicht weit entfernt von der «Tyrannei der Mehrheit», die Alexis de Tocqueville in seiner Analyse der amerikanischen Demokratie vor fast 200 Jahren vorhergesagt hat. Sie gründet auf ihrer Ordnung, dem Recht, greift dann auf die Moral über und erhebt sich schliesslich selbst zum Volksgericht. Unter dem Deckmantel der Wahrheit tyrannisiert sie die Masse – eine Mehrheit blinder Individuen mit dem gleichen Eifer nach Wahrheit und moralischem Korrektivismus – und das soziale Leben. Die Individuen sind gefangen in einer Spirale erzwungener Sozialisierung, in der jeder die anderen übertrumpfen will und sich mit ihnen vergleicht.

In solch einem Teufelskreis gelten diejenigen, die auf der «falschen Seite» stehen, von vornherein als schuldig, faire Gerichtsverfahren werden ihnen verwehrt – Aspekte, die an die dunkelsten Stunden der Geschichte erinnern. Ein Schritt zurück ist aber noch möglich, eine Form der Weisheit könnte wiedererlangt werden, wenn wir es annehmen wollen, durch uns selbst und nicht durch Wiederkauen der Inhalte anderer zu denken. Alle Völker verfügten über ähnliche Regeln mit dem Ziel der Erhaltung ihrer Existenz vor Bedrohungen von aussen. Dabei ist mir nicht an der Behauptung gelegen, sie hätten diese Regeln nicht gebraucht, denn ich bin nicht naiv. Es scheint mir vielmehr, dass jede Moral, die der Mensch braucht, sich im Straf- oder Zivilgesetzbuch wiederfindet. Die Einhaltung des Zivilgesetzes gehört zu unserem Naturgesetz. Zivilgesetz und Naturgesetz sind damit nicht grundsätzlich verschieden, sondern lediglich zwei verschiedene Teile eines Gesetzes. Der eine Teil wurde als «Zivilgesetz» niedergeschrieben, der andere gilt ungeschrieben als «Naturgesetz». Ihre Erfinder waren im übrigen gut beraten, niederzulegen, dass die Gesetze, derer der Mensch bedürfe, sich bereits in der Natur fänden.

Sie lieben Ihre Geliebte? Umso besser!

Auf unserer Suche nach einer friedlichen Welt und Harmonie, wie Hobbes sie thematisiert, müssen wir das wiederfinden, was wir von Natur aus sind. In einem gewissen Sinne bestehen alle unsere Bestrebungen in der Wiedererlangung jener «grossen Gesundheit», von welcher Nietzsche spricht. Darin, die Welt so zu nehmen, wie sie ist, mit all ihrer Ungleichheit und Brutalität, die ihr innewohnen und aus Perspektive der Natur weder als gut noch böse zu beurteilen sind. Gleichgültigkeit gegenüber «Gut» und «Böse» ist eine Stärke.

Wir müssen zur Natürlichkeit zurückfinden! Und zu dieser Unschuld, von der Zarathustra spricht, die den Geschmack des Lebens ausmacht! «Ihr höheren Menschen, lernt mir – lachen!», als ob man lieben lernen müsste, was das Schicksal uns gibt – amor fati. Tatsächlich? Sie lieben Ihre Geliebte? Schämen Sie sich nicht, sie zu einem gemeinsamen Abendessen mit den «Treuesten» Ihrer Freunde einzuladen, jenen, die in einer Beziehung leben und noch niemals fremd gegangen sind. Das Leben ist kurz und man muss es mitsamt seinen Risiken leben können, um den eigentlichen dionysischen Sinn darin wiederzufinden. Beweinen Sie nicht, dass die Welt nicht ideal ist – lieben Sie sie, wie sie ist. Gehen Sie bis zum Ende der eigenen Natur, jener Trunkenheit, die die Existenz lebenswürdig und Leidenschaften würdig macht. Kurzum, wenn Sie wieder einmal eine Einladung zu einer Sexparty erhalten, gehen Sie nicht alleine hin. Nehmen Sie Ihre Geliebte mit!

«Vielfältige Themen, scharfsinnige Analysen,
prägnant geschriebene Texte.»
Sandra Kostner, Historikerin,
über den «Schweizer Monat»