Tausendsassa der Moderne
Sophie Taeuber-Arp, Porträt von 1920 mit Dada-Kopf © Stiftung Arp.

Tausendsassa der Moderne

Sophie Taeuber-Arp zierte lange die 50-Franken-Note. Die Alleskönnerin malte, zeichnete, gestaltete, lehrte, gründete eine Avantgarde-Zeitschrift, entwarf mit Leichtigkeit Häuser wie Bekleidung – und noch viel mehr.

 

Eines der faszinierendsten Werke, die Sophie Taeuber-Arp in ihrer Zeit in Paris geschaffen hat, ist das «Bewegte Kreisbild». Mit wenigen Mitteln, einigen gleich grossen Kreisen in eleganten Blau- und Grautönen auf weissem Grund, erzeugt sie ein visuelles Spiel, das den Betrachter in seinen Bann zieht. Das Auge sucht unwillkürlich nach einem System in der Anordnung, ohne fündig zu werden. Das Aus-der-Reihe-Tanzen ist die einzige Regel, der die Kreise folgen. Es bilden sich allenfalls Gruppen, in denen sie sich anzuziehen oder abzustossen scheinen.

«Bewegtes Kreisbild», 1934. © Kunstmuseum Basel.

Als dieses Werk 1934 entsteht, ist Taeuber-Arp bereits mitten in der Avantgardeszene der französischen Hauptstadt angekommen. Man kann im «Bewegten Kreisbild» eine Reminiszenz an die körperliche Erfahrung im Ausdruckstanz vermuten, dem sie sich in Zürich 1917 kurzzeitig zugewandt hatte. Aber von ihrer ersten Karriere als Kunsthandwerkerin, die komplizierte Stricktechniken ebenso beherrscht wie Holzbearbeitung, lassen ihre abstrakten Gemälde und Gouachen der 1930er-Jahre nichts erahnen. Taeuber-Arp stellt mit abstrakten Künstlervereinigungen aus und ist bestens vernetzt. 1937 berät sie die Kuratoren der Basler Kunsthalle, Lucas Lichtenhan und Georg Schmidt, bei der Zusammenstellung ihrer Gruppenschau «Konstruktivisten». Viele der Pariser Kollegen, darunter Antoine Pevsner, Naum Gabo und László Moholy-Nagy, haben bei dieser Gelegenheit in Basel einen starken Auftritt. Taeuber-Arp aber ist mit 24 Werken in der Ausstellung am besten repräsentiert. Von dem Raum mit ihren Werken allerdings, den, wie sie hervorhebt, selbst die männlichen Kollegen loben, hat sich aus unerfindlichen Gründen kein Foto erhalten. Nur auf einem lässt sich ein winziger Ausschnitt von «Bewegtes Kreisbild» zwischen zwei Stellwänden ausmachen (Abbildung nächste Seite).

Späte Einzelwürdigung

Bald nach dieser zu ihren Lebzeiten wichtigsten Ausstellung bricht der Zweite Weltkrieg aus. Sie und ihr Mann Hans Arp flüchten nach Südfrankreich, und 1943 wird Taeuber-Arp bei einem kurzen Aufenthalt in Zürich aus dem Leben gerissen, als das beim Heizen mit einem Gasofen entstandene Kohlenmonoxid sie in einer kalten Januarnacht vergiftet.

Blick in die Ausstellung «Sophie Taeuber-Arp. Gelebte Abstraktion», Kunstmuseum Basel, 20.03.–20.06.2021.

In der im Juni zu Ende gegangenen Ausstellung im Kunstmuseum Basel liess sich das ganze vielgestaltige Schaffen Sophie Taeuber-Arps entdecken. Hierzulande wurde die Bedeutung Taeuber-Arps ja nicht nur durch Ausstellungen, sondern auch mit der jahrelangen Präsenz auf der 50-Franken-Note anerkannt. Aber die Frage ist berechtigt, warum diese aussergewöhnliche Künstlerin erst 2021 mit einer internationalen Retrospektive gewürdigt wird.

Schon 2006 unterhielten sich die MoMA-Kuratorin Anne Umland und die deutsche Taeuber-Arp-Expertin Walburga Krupp nach der Eröffnung einer Dada-Ausstellung in New York über eine mögliche Einzelausstellung der Schweizer Künstlerin. Dass es trotzdem noch viele Jahre dauerte, bis Taeuber-Arps Werk nach dem Kunstmuseum Basel im Frühjahr dieses Jahres auch in zwei der wichtigsten Institutionen des englischsprachigen Raums gezeigt werden kann – aktuell in der Tate Modern in London und im Winter 2021/22 im Museum of Modern Art in New York –, hat mehrere Gründe.

Es ist kein Geheimnis, dass es bei der Wahrnehmung der künstlerischen Leistung von Frauen grossen Nachholbedarf gibt. Die Ausstellungen zu Künstlerpaaren, die ab den 1980er-Jahren zu einer Art Modeerscheinung wurden, konnten mit dem Motiv der weniger beachteten «Frau an seiner Seite» das Problem nicht lösen. Ob es um Wassily Kandinsky…

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»