Leben und leben lassen

Endlich sagen, was man denkt! Die neue politische Unkorrektheit ist das Erfolgsrezept von Donald Trump, Marine Le Pen, Frauke Petry und Co.: Sie setzen Themen, die alle anderen angeblich ignorieren – aus Ignoranz oder aus fehlendem Mut – auf die politische Agenda.

Grundsätzlich sind Debatten über Tabuthemen zu begrüssen. Ein Übermass an politischer Korrektheit lähmt. Leider scheinen sich öffentliche Positionsbezüge dazu aber auch hierzulande bei den Kulturkonservativen anzuschmiegen. Es ist beispielsweise über die Parteigrenzen salonfähig geworden, ein Burkaverbot zu fordern, obschon aus konsequent liberaler Sicht sowohl die Vollverschleierung als auch ein Verbot derselben abzulehnen wären. Die Mehrzahl der Niqabträgerinnen in der Schweiz sind Touristinnen. Im Tessin, wo ein Verbot besteht, haben alle Frauen nach polizeilicher Aufforderung den Schleier gelüftet. Eine Information bei der Einreise, in der Schweiz wünsche man das Gesicht zu sehen, würde sicherlich den gleichen Erfolg, aber kein Verbot bringen. Unter die Räder gekommen sind in den letzten Wochen auch gleichgeschlechtliche Paare, berufstätige Mütter, Veganer oder die neuen Väter: Sie werden als es auf staatliche Hilfe absehende Opfer in einen Topf geworfen, die bitte schön keine Forderungen an die Gesellschaft zu stellen hätten.

«Das wird man doch wohl noch sagen dürfen», hiess es früher am Stammtisch. Das darf man, schliesslich gilt die Meinungsfreiheit. Aber entsteht daraus Stigmatisierungs- und Verbotspolitik, bewegen wir uns auf einem schmalen Grat von verständlicher Überforderung hin zu bösartiger (Kollektiv-)Unterstellung. Der Schutz von Minderheiten hat im Schweizer Föderalismus Tradition. Er ist eine liberale Errungenschaft, der wir Sorge tragen sollten. Selbstverständlich muss die Allgemeinheit nicht die Lebensentwürfe eines jeden einzelnen finanzieren. Aber ebenso wenig helfen Scheindebatten, Verbote und Maulkörbe auf dem Buckel von Minderheiten, ein Tabu aufzulösen. Sie rechtfertigen bloss das eigene Weltbild und lenken ab von der Furcht über die Abgründe und Wahrheiten des eigenen Daseins.